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Fazit | Beitrag vom 04.11.2018

Lenbachhaus zeigt Pionierinnen der AbstraktionMalerinnen anderer Realitäten

Karin Althaus im Gespräch mit Britta Bürger

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Das Auge Gottes, 25. September 1862, Wasserfarben auf Papier, Victorian Spiritualists' Union, Melbourne (VSU)
"Das Auge Gottes" (1862), eine Arbeit von Georgiana Houghton. (VSU)

Die Britin Georgiana Houghton, die Schwedin Hilma af Klint und die Schweizerin Emma Kunz sind drei Malerinnen, die sich der Abstraktion verschrieben und lange vor Kandinsky, Malewitsch & Co. erstaunliche Kunstwerke geschaffen haben.

Spiritistische Sitzungen waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts en vogue – auch in Künstlerkreisen. Empfänglich dafür waren auch die Künstlerinnen Georgiana Houghton, Hilma af Klint und Emma Kunz. "Sowohl Hilma af Klint als auch Georgiana Houghton waren als Medien tätig, allerdings eher im privaten Bereich", erzählt Kuratorin Karin Althaus. Die drei Künstlerinnen verstanden sich als Medien, als Empfängerinnen von Botschaften, die vielleicht nur sie hören konnten und die sie in Form von Kunstwerken festhielten.

Im Spiritismus fanden die Malerinnen ihren Freiraum, so Althaus: "Tatsächlich war der Spiritismus und die ganzen esoterischen Bewegungen des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts ein Raum, in dem Frauen sich besonders gut ausleben konnten. Und wo sie auch wirklich führende Rollen übernehmen konnten. Und dieser Raum hat ihnen durchaus Freiheiten gegeben soziale und kulturelle Konventionen zu überwinden."

Georgiana Houghton, um 1880  (Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. (IGPP), Freiburg i. Br.)Georgiana Houghton, um 1880 (Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. (IGPP), Freiburg i. Br.)

Houghton war vor allem im Bereich des klassischen Spiritismus unterwegs. "Sie hat sich als Trancemedium verstanden und Botschaften von Geistern aus dem Jenseits aufgezeichnet, zuerst in Schriftform und ist dann übergegangen in Malerei. Und diese Malerei ist sehr schnell sehr abstrakt geworden, vielschichtig, farbenprächtig – also ganz tolle Aquarelle, auf denen im Verständnis des 19. Jahrhunderts nichts zu sehen war. Das, was wir heute auch als Abstraktion bezeichnen würden", so Karin Althaus. Houghton selber sagte über ihre Arbeiten, sie seien eine Abbildung einer anderen Realität.

"Abstrakte Malerei gab es immer"

Anerkannt wurden die Malerinnen für ihre Kunst von ihren Zeitgenossen wenig. "Houghten hat versucht in der Londoner Künstlerszene Fuß zu fassen. Ihr ist es nur in spiritistischen Kreisen gelungen. Hilma af Klint war eine akademische Künstlerin, die mitten in der Kunstszene von Stockholm gelebt und gearbeitet hat. Ihre vor spirituellem Hintergrund entstandenen Werke hat sie jedoch nur kleinen Kreisen von Gesinnungsgenossen gezeigt", so die Kuratorin.

Hilma af Klint in ihrem Atelier am Hamnagatan 5, 1895 (Moderna Museet, Stockholm)Hilma af Klint in ihrem Atelier am Hamnagatan 5, 1895 (Moderna Museet, Stockholm)

Karin Althaus möchte mit der Ausstellung nicht den Zeitpunkt der Erfindung der abstrakten Kunst festlegen. "Ich glaube, es geht eher darum zu zeigen: Abstrakte Malerei gab es immer. Es gab immer den Versuch Dinge darzustellen, die nicht in der Realität zu sehen sind, und dafür neue Bilder zu finden. Sie sind in unserem Verständnis abstrakt, sie sind allerdings nicht abstrakt gemeint", sagt sie.

Allerdings kann sie verstehen, dass die Malerinnen durchaus auch als Pionierinnen betrachtet werden: "Hilma af Klint hat um 1906 großformatige abstrakte Bilder gemalt, die man so von anderen Künstlern nicht kennt. So ist es natürlich begreiflich hier eine Pionierin feiern zu wollen."

"Weltempfänger: Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz",
6. November 2018 - 10. März 2019
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München.

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