Leitfaden für eine differenzierte Position

Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin Neukölln © AP Archiv
25.10.2011
Der Philosoph Charles Taylor gilt als einer der besten Kenner der modernen Religionsgeschichte. Zusammen mit Jocelyn Maclure versucht er, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich eine politische Gemeinschaft gegenüber religiösen Mehrheiten und Minderheiten verhalten sollte.
Kopftuchstreit, Mohammedkarikaturen, Moscheebau, konfessioneller Religionsunterricht - die Frage, wie sich ein freiheitlicher Staat und eine pluralistische Gesellschaft in der Konfrontation mit religiösen Überzeugungen verhalten sollen, scheint allgegenwärtig. Nicht nur in Quebec, der frankofonen katholischen Provinz im anglikanischen Kanada: Dort tagte 2007 eine Regierungskommission über kulturelle und religiöse Diversität, aus deren Abschlussbericht ein Buch hervorgegangen ist, das wohl kaum auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen wäre, hieße der Co-Vorsitzende dieser Kommission und Mitverfasser des Buches nicht Charles Taylor. Was der weltberühmte Moralphilosoph aus Montreal und sein Schüler Jocelyn Maclure zum Thema Laizität und Gewissensfreiheit zu sagen haben, geht indessen keineswegs nur die Quebecois etwas an.

Taylor und Maclure unterscheiden zwei Idealtypen von Laizität: In der radikal-republikanischen Version hat Religion in Politik und staatlichen Institutionen, ja sogar in der Öffentlichkeit generell nichts zu suchen. Laizität ist so gesehen der republikanische Versuch, aus emanzipierten aufgeklärten Bürgern ein integriertes Staatswesen zu schmieden, das deren religiöse Überzeugungen zur strikten Privatsache erklärt.

Laizität kann aber auch etwas ganz anderes bedeuten: Ausgangspunkt ist die Vielfalt von unterschiedlichen Vorstellungen vom "guten Leben", mit denen moderne pluralistische Gesellschaften zurechtkommen müssen. Damit all diese Vorstellungen friedlich miteinander koexistieren können, muss der Staat neutral bleiben. Das Recht der Bürger auf gleiche Achtung und Gewissensfreiheit sind damit die Werte, um die es eigentlich geht, und die religiöse Neutralität des Staates nur Mittel zum Zweck.

Das wird deshalb relevant, weil es zwischen beiden Vorstellungen von Laizität zum Konflikt kommen kann: Wer dem republikanischen Laizitätsbegriff anhängt, wird nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Schülerinnen das Tragen des Hijab in der Schule verbieten wollen. Aus der liberal-pluralistischen Perspektive ist es dagegen schwer zu begründen, warum ausgerechnet aus Gründen der Laizität Mädchen, die durch das Anlegen eines Kopftuchs von ihrer Gewissensfreiheit Gebrauch machen, der Zugang zur staatlichen Schulbildung verwehrt bleiben muss.

Taylor und Maclure machen keinen Hehl daraus, welchem Laizitätsbegriff ihre Sympathie gilt - dem liberal-pluralistischen. Ihr Bemühen, den radikalen Laizismus und sein illiberales Potenzial zu entschärfen, ist auch im zweiten Teil des schmalen Buchs spürbar, der sich um die Frage dreht, ob und wann Einzelne wegen ihrer religiösen Überzeugungen das Recht haben sollen, Sonderrechte für sich zu beanspruchen: Kann ein frommer Muslim beispielsweise verlangen, während der Arbeitszeit seinen Gebetsteppich ausrollen zu dürfen? Gebietet nicht die Fairness, alle den gleichen Regeln zu unterwerfen und von den Religiösen zu verlangen, sich und ihre Überzeugungen diesen Regeln anzupassen? Auch hier plädieren Taylor und Maclure für Mäßigung: Gleichbehandlung für alle zu fordern, könne auch diskriminierend wirken, zumal dann, wenn damit Menschen in massive Gewissensnöte gebracht werden.

Der radikale Laizismus, gegen den Taylor und Maclure argumentieren, ist hierzulande sicher weniger verbreitet als in der frankofonen Welt. Aber auch in Deutschland wird in der religionspolitischen Diskussion immer öfter ein unangenehmer Ton säkularistischer Unduldsamkeit hörbar, besonders schrill in den Wortmeldungen vieler so genannter Islamkritiker. Ein Buch wie das von Taylor und Maclure kommt daher genau zur rechten Zeit: Wer in künftigen Moscheebau- und Kopftuchdebatten - und die kommen bestimmt - nach einem Leitfaden für eine differenzierte und vernünftige Position sucht, wird bei Taylor und Maclure optimal bedient.

Besprochen von Maximilian Steinbeis

Jocelyn Maclure und Charles Taylor: Laizität und Gewissensfreiheit
Aus dem Französischen von Eva Buddeberg und Robin Celikates
Suhrkamp, Berlin 2011
148 Seiten, 19,90 Euro

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