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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 16.12.2018

Leiter der Bahnhofsmission am Berliner Zoo"Obdachlose sind keine Marsmännchen"

Dieter Puhl im Gespräch mit Ulrike Timm

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Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo. (privat)
Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo (privat)

Er ist der Chef der größten Bahnhofsmission Deutschlands: Dieter Puhl und sein Team arbeiten am Berliner Bahnhof Zoo. Viele Obdachlose hätten psychische Probleme oder seien Alkoholiker, meint er. Auch ihnen sollte man etwas geben, denn ein Bier könne Leben retten.

Als "Gäste" bezeichnet Dieter Puhl, die etwa 700 Frauen und Männer, die jeden Tag in die Bahnhofsmission am Berliner Zoo kommen. Der Diakon Puhl leitet sie seit zehn Jahren. "Sozialarbeit ist ein Stückchen Handwerk," betont der 61-Jährige.

Der Ansatz "Menschen brauchen Menschen" setze Geduld voraus: "Wir müssen akzeptieren, dass die uns nicht in der ersten Stunde unserer Begegnung traumatisierende Erlebnisse aus ihrer Kindheit zeigen, dass wir ihre Biografie ein Stückchen entschlüsseln können, sondern das bedeutet bei einigen Gästen, du führst über zwei oder drei Jahre Gespräche und dann kommt man vielleicht auch ein bisschen mehr ans Eingemachte. "

Bei allem Leid, das Puhl seit 26 Jahren begegnet, empfindet er auch immer wieder viel Freude bei seiner Arbeit. "Glück und Leid am Bahnhof Zoo" heißt der Titel des Buches, das er in diesem Jahr veröffentlicht hat. Vor allem Weihnachten erlebe er "Wunder im Sekundentakt". Oftmals kämen auch Prominente vorbei.

Zahl der Hilfsbereiten "explodiert"

Hilfsbereitschaft sei angesichts einer immer größeren Zahl an obdachlosen Menschen besonders wichtig. "Die Mehrheit der Menschen ist gegen Obdachlose, aber der Anteil, der hilft, der unterstützt, der in die Bahnhofsmissionen oder Obdachloseneinrichtungen reingeht und sagt 'Was braucht ihr?' – dieser Anteil ist auch explodiert."

In der Berliner Bahnhofsmission arbeiten rund 200 Ehrenamtliche – von der 82-jährigen Lady bis zur 14-jährigen Praktikantin. Puhl meint, ein Rucksack sei das erste Resozialisierungsmittel, weil Obdachlose dann nicht mehr mit ihrer Plastiktüte durch die Gegend laufen müssten: "In dieser Plastiktüte versucht man ein Leben zusammenzupacken. Das sieht nicht nur ungut aus, das outet dich auch als so genannten Penner. Ein Rucksack ist viel bequemer."

Auch Schlafsäcke seien sehr begehrt. Puhl räumt ein, selbst er sei manchmal "abgenervt" von den vielen Hilfsbedürftigen in der Stadt. Trotzdem packt er jeden Morgen ein wenig Kleingeld in seine Taschen und gibt es denen, die besonders angeschlagen sind. Viele Obdachlose haben psychische Probleme oder sind Alkoholiker - auch denen sollte man etwas geben, findet Puhl, denn: "Ein Bier kann Leben retten."

(cg)

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