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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.01.2006

Leiser Spötter

Zum Tode von Manfred Bofinger

Von Astrid Kuhlmey

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Manfred Bofinger arbeitete viele Jahre für das DDR-Satire-Magazin "Eulenspiegel". (AP)
Manfred Bofinger arbeitete viele Jahre für das DDR-Satire-Magazin "Eulenspiegel". (AP)

Der Grafiker, Karikaturist und Autor Manfred Bofinger ist am Sonntag im Alter von 64 Jahren gestorben. Bekannt wurde Bofinger als jahrzehntelanger Mitarbeiter der ostdeutschen Satirezeitschrift "Eulenspiegel". Für seine Illustrationen in Büchern für Kinder und Erwachsene wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Kurz nach der Wende zeichnete der Ostberliner Grafiker Manfred Bofinger einen leicht melancholischen Karl Marx, der mit einer resignativen Geste die Arme zur Seite streckte und leise seufzend sagte: Entschuldigt Genossen - es war eben ein Versuch. So war Manfred Bofinger - kein aufgeregter Typ, immer ein wenig hintergründig, niemals laut und grollend. Er war auf liebenswerte und sehr altmodische Weise ein Menschenfreund, der Mängel eher entschuldigte als sie anzuprangern.

"Klassenfeinde, kalte Krieger und Imperialisten" - so das politisch weit verbreitete Vokabular, mit dem er in der DDR aufwuchs, waren für den Karikaturisten nie Zielscheibe seines leisen Spotts. Die ideologische Metaebene war ihm so fern wie der Mars - er schaute lieber dem Nachbarn über die Schulter oder direkt in ihr Gesicht.

Bofi, wie er zumeist genannt wurde, war ein richtiger Berliner: 1941 in der Stadt geboren, zwischen ihren Trümmern in der Krausnickstraße aufgewachsen, bescheiden, ohne Luxusallüren, dafür mit einer gediegenen humanistischen Bildung, die er sich am legendären Grauen Kloster unter anderem mit Altgriechisch und Latein erwarb.

Mit dieser Grundlage ließ sich manches studieren, was auch alle seine Mitschüler taten, wenn sie nicht gleich in den Westen der Stadt gingen. Bofinger blieb, studierte zum Erstaunen seiner Lehrer nicht, sondern lernte Schriftsetzer und verdingte sich als Typograf beim "Eulenspiegel", der beliebten DDR - Satirezeitschrift.

1968 entschloss er sich, als freischaffender Grafiker, Plakatgestalter und Illustrator tätig zu sein, weil die Auftragslage inzwischen ziemlich gut war. Seine kleinen quicken und immer etwas rundlichen Figuren bevölkerten bald eine Reihe von begehrten Kinderbüchern. Schon sein erstes, "Der kleine Zauberer", wurde zum schönsten Buch gekürt

Die Erwachsenen sahen ihrem Autor immer ein wenig ähnlich: runder Kopf, kurze, mit den Jahren immer weniger werdende Haare, eine kleine Nickelbrille auf der Nase und freundlich blickende Augen. Und da Bofi selber Kinder hatte, wurde er auch nie kindertümelnd, sondern kannte die Blage ziemlich genau, wusste, dass die nicht immer lieb und süß war, sondern es auch faustdick hinter den Ohren haben konnte.

Darum mochten ihn die Kinder, denen er nach der Wiedervereinigung in ganz Deutschland bei Lesungen und anderen Veranstaltungen begegnete, sicher besonders gern - er war nicht der gute Onkel, sondern ein richtig netter Typ, der ihnen nicht nur mit Streicheleinheiten, dafür aber mit großem Verständnis begegnete.

Bofinger bestand im Übrigen immer darauf, als ein Handwerker zu gelten, das Künstlerwort war ihm meist eine Nummer zu groß und Handwerk schätzte der gelernte Typograph hoch. Überhaupt war er bei all seiner leicht philosophischen Verträumtheit immer auch ein Mann des Praktischen. Als in seiner Straße in Treptow eine kleine Buchhandlung drohte einzugehen, da nahm Bofi die Sache in die Hand, trommelte Freunde und Buchliebhaber zusammen, die Geld in einen großen Topf warfen, um dem Buchhändler zu helfen. Eine Investition in die Zukunft Buch sollte es sein und wurde es - das Darlehen hat der Buchhändler längst zurückgezahlt. Die Buchhandlung wurde gerettet - auch Dank Bofingers Initiative.

Bofis Figuren sind immer klar gezeichnet, ohne Verspieltheit aber mit Witz, der Geist der Pop Art, die die prägende Zeit seiner Karriere begleitete, war ihm nah und vertraut.

1998 kam Manfred Bofingers Kindheitserinnerungen " Der krumme Löffel" beim Aufbau Verlag heraus. Er, der vor allem immer die Bücher anderer Leute illustriert hatte, legte nun selber als Schriftsteller nach und machte damit auch den Großeltern seiner jungen Leser eine große Freude - sie fanden in dem Buch ihre eigenen Jugend im Nachkriegsberlin wieder - ohne Folklore, ohne Chichi - dafür aber mit dem lakonischen Blick eines Mannes, dessen Bücher, Zeichnungen, Plakate und Cartoons Melancholie und Freundlichkeit so wunderbar verbunden haben, dass sie zu seinem Stil, zum Bofistil wurden.

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