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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.11.2017

Leipzigs jüdische StadtgeschichteAls der Brotbeutel eines Morgens leer blieb

Von Karoline Knappe

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Ein Gedenkstein erinnert am 07.11.2013 in Leipzig (Sachsen) an der Uferstrasse an die Deportation Leipziger Juden im Jahr 1938.  (Sebastian Willnow/dpa)
Erinnerung an die Pogromnacht in Leipzig. (Sebastian Willnow/dpa)

Erinnerungen sprechen: Das Remembering-Projekt in Leipzig macht Geschichte hörbar. Schüler, Jugendliche und junge Erwachsene lesen die Erinnerungen verstorbener jüdischer Mitbürger und halten sie damit am Leben.

Im Ariowitsch-Haus im Leipziger Waldstraßenviertel bollert die Heizung, auf den zusammengeschobenen Tischen liegen verschiedene Bücher, Kopien, Notizzettel und Stifte. Dazwischen Wasser und Saft, Obst und Kuchen. Doch was ein bisschen an ein vorweihnachtliches Kaffeekränzchen erinnert, ist ein Workshop zum Leben in den jüdischen Gemeinden Leipzigs in den 20er- und 30er-Jahren. Eine Handvoll Teilnehmer hat sich eingefunden, vor allem Studierende, die mehr über das Remembering-Projekt erfahren wollen, das Tom Pürschel und Jane Wegewitz initiiert haben.

"Die grundlegende Idee des Projektes ist ja: Was passiert in einer Zeit, wo die Zeitzeugen für die Geschehnisse der Verfolgung und des Holocaust nicht mehr da sind, also diese Stimmen uns nicht mehr zur Verfügung stehen, was passiert dann mit der Erinnerung. Oder wie können wir das auf eine Art lebendig halten."

Das versuchen Jane Wegewitz und Tom Pürschel ganz konkret: Indem sie Schüler, Jugendliche und junge Erwachsene bitten, in ihren Workshops Verstorbenen ihre Stimme zu leihen und sozusagen die Patenschaft für eine jüdische Lebenserinnerung zu übernehmen.

"Dadurch, dass ich diese Lebenserinnerung spreche, passiert bei mir mehr, als wenn ich eine Opferzahl lese oder was über ein Konzentrationslager, was natürlich auch wichtig ist als Hintergrund, sowas vermitteln wir auch in unseren Workshops. Natürlich betten wir das ein, die Geschichten, aber unser Hauptaugenmerk ist nicht bei der Opfergeschichte, sondern eigentlich auch bei den alltäglichen Sachen."

Etwa wie sich der 13-jährige Rolf Kralovitz daran erinnert, wie eines Tages der Brötchenbeutel, den die Leute damals noch vor ihre Wohnungstür hängten, und der dann früh morgens vom Bäckersjungen mit frischen Brötchen befüllt wurde, eines Tages leer blieb.

Sprecher: "Meine Mutter und ich gingen um die Ecke zur Bäckerei Bienert in der Waldstraße und meine Mutter sagte: Wir haben heute keine Brötchen bekommen. Bäcker Bienert und seine Frau waren sehr aufgeregt: Wir wollten Ihnen das eigentlich nicht sagen. Aber Ihre Nachbarin hat heute Morgen den Bäckersjungen aufgehalten. Sie hat ihm gesagt, er solle sie wieder mitnehmen. Juden brauchen keine Brötchen."

Erinnerungen wie diese werden in den verschiedenen Workshops aufbereitet. Dazu arbeiten Tom Pürschel und Jane Wegewitz auch mit Schulen zusammen, forschen gemeinsam mit Jugendlichen im Stadtarchiv.

Quellenauswertung in Trippelschritten

"Und dann gehen wir wirklich mit den Jugendlichen die Tippelschritte von der Quellenauswertung: Lesen, gucken, was wollen wir eigentlich rausarbeiten, dann gehen wir ins Tonstudio, haben ein bisschen Sprech- und Stimmtraining vorher, dann haben wir das Mp3 produziert. Dann haben wir die Fakten zu den Personen hinterlegt, online – das heißt, wir haben den ganzen Prozess, wie Geschichte gemacht wird – in Anführungszeichen."

Für den heutigen Workshop hat Jane Wegewitz Texte zu den Leipziger Synagogen mitgebracht: Im Zentrum stehen die orthodoxe Ez-Chaim-Synagoge und die liberale große Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße, genannt der Tempel.

Wegewitz: "Oberkantor und Komponist Samuel Lampe oder sein Stellvertreter Kantor und Lehrer Max Jaffé trugen die Gebete in ruhigen Weise vor und wurden dabei von einem aus Frauen und Männern bestehenden Chor begleitet, dem auch Nichtjuden angehörten – also allein das wär schon etwas, was es in der anderen Synagoge nie gegeben hätte. Männer und Frauen in einem Chor."

Buhl: "Und auch noch Ungläubige!"

Wegewitz: "Und noch Ungläubige!"

Die Teilnehmer lesen sich in die Texte ein und wählen aus, was ihnen am nächsten ist. Albrecht Buhl hat sich Texte über den orthodoxen Rabbiner Ephraim Carlebach und von dessen Neffen Felix Carlebach ausgesucht.

"Der Ephraim Carlebach oder der Felix Carlebach, die maßgeblich an der jüdischen Gemeinde hier beteiligt waren (…), das sind einfach Leute, die mich beeindruckt haben. Dass man einfach in einer gesellschaftlichen Sonderrolle, die Juden eigentlich immer gespielt haben, dass die auch in Zeiten der Repression so lange wie möglich auszuhalten und ihre Überzeugungen und ihr Leben so auszurichten, dass man anderen hilft."

Mit dem ausgesuchten und aufbereiteten Textausschnitt geht es dann ins Tonstudio.

Techniker: "So, Albi. Dann schieß mal los – und bitte!"

Buhl: "Wir sind in Leipzig in die große Synagoge gegangen. Jeden Freitagabend und natürlich Samstag früh. Da fand ein Gottesdienst Grand Opéra in fünf Akten statt."

Gebannt das erste Mal Bach hören

Julia Reinboth hat sich die Erinnerung eines zwölfjährigen Chorsängers ausgesucht.

"Ich hab grad eben Art Fede eingesprochen, wie er zwölf Jahre alt ist, und ich hab das Gefühl, ich bin grad so ein bisschen in diese Rolle reingerutscht und das finde ich total spannend – und ich glaube, ich hab schon vorher vermutet, dass es so sein könnte, dass man als Sprecher in diesem Projekt in eine Rolle eintaucht und einmal halt von innen so eine Erfahrung macht, wie es halt damals gewesen ist."

Und wie dieser Junge, der in der orthodoxen Ez-Chaim-Synagoge im Chor sang, von seinem Chorleiter den Rat bekam, doch einmal zu einer Bach-Motette der Thomaner in die Thomaskirche nebenan zu gehen.

Musik: Bach-Motette

Sprecherin: "Ich erinnere mich genau: ich habe niemandem davon erzählt. Aber als ich dann an einem Freitagnachmittag meine erste Motette hörte, war ich vollkommen gebannt. Es war das erste Mal, dass ich Bach-Musik hörte."

Sprecher: "Wir empfanden dazwischen gar keinen Kontrast. Das liegt daran, dass man gut zusammen lebte. Wenn es dem lieben Gott gefallen hätte, gäbe es nur eine Religion, eine Sprache nur, ein Land nur. Er wollte gerne, dass verschiedene Religionen, verschiedene Sprachen mit ihm diskutierten."

... meinte damals der orthodoxe Felix Carlebach. Ein solches Zeugnis des friedlich-liberalen Zusammenlebens findet sich dann, wie auch die anderen Hörstücke, als Eintrag im virtuellen Stadtplan wieder, zusammen mit den Lebensdaten des Erzählenden, seinen Lebensstationen und Links zu Familienangehörigen.

Diese Informationen können dann ganz vielfältig genutzt werden, sagt Tom Pürschel.

"Auf der einen Seite soll es möglich sein, dass man sich verschiedene Themen oder einfach selbst zusammen gestellte Audiostücke als Rundgang zusammen stellt, und auf der anderen Seite soll es aber auch so sein, dass diese Audiostücke, wenn sie entstehen, von Lehrern mit ihrer Klasse selber eingestellt werden können. Die können also ein Projekt machen zu einem Thema und ihr eigenes Thema dann auf dieser Seite unterbringen."

Und so soll die Online-Plattform zu einer umfassenden Datenbank werden, in der verschiedene Forschungsergebnisse zusammenfließen und die beständig erweitert werden kann – und zwar sowohl zurück zu Zeiten weit vor der Nazi-Herrschaft als auch über die Grenzen Leipzigs hinaus.

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