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Zeitfragen | Beitrag vom 11.05.2020

Leipziger Verein Wolfsträne Wo Kindern beim Trauern geholfen wird

Von Natalie Putsche

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Ein Mädchen steht mit Rücken gewandt zur Kamera ein einem Wald und schaut Richtung Sonne. (imago images / Westend61)
"Jedes Kind trauert individuell", sagt die Trauerbegleiterin Daniela vom Verein Wolfsträne. (imago images / Westend61)

Wenn die Mama oder der Papa stirbt, betrifft das jedes Familienmitglied, und viele erleben Verlust und Trauer. Der Leipziger Verein Wolfsträne hilft gezielt Kindern und Jugendlichen, den Schmerz zu verarbeiten.

"Ich zünde die Kerze für meine Mama an und mir geht´s heute ganz gut."

"Ich zünde die Kerze für meine Mama an und mir geht´s heute … Ich weiß nicht, wir haben einen Überraschungstest in Mathe geschrieben."

Mittwoch, später Nachmittag. Acht Kinder und zwei Erwachsene sitzen um einen Tisch. In der Mitte ein großes Tablett mit Teelichtern. 

"Ich zünde die Kerze für meinen Papa an und mir geht´s heute sehr gut."

"Ich zünde die Kerze für meine Schwester an und mir geht´s heute ganz okay."

"Ich zünde die Kerze für meinen Papa an und mir geht´s heute brillant."

"Die Kinder kommen an, suchen sich eine Kerze aus, einfach um sich selber nochmal zu sammeln. Und dann umgedreht wieder genauso. Wenn die Zeit zu Ende ist und alles besprochen, wird die Kerze von dem Kind ausgeblasen und damit kann man auch sagen: Okay, ich lass jetzt den Gedanken auch wieder gehen…", erzählt mir Daniela, eine der Trauerbegleiterinnen von Wolfsträne.

Die Trauerbegleiterinnen Katrin und Daniela vom Verein Wolfsträne in Leipzig. Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und zünden Teelichter an. (Natalie Putsche)Die Trauerbegleiterinnen Katrin und Daniela vom Verein Wolfsträne in Leipzig. (Natalie Putsche)
Immer zwei Erwachsene sitzen 14-tägig mittwochs in den Trauergruppen mit bis zu acht Kindern. Circa zwei Stunden lang. Bis auf das Kerzen an- und ausmachen, haben die Gruppenstunden keinen festgelegten Ablauf. Es geht darum, einen geschützten Raum zu schaffen, wo die Kinder unter Gleichaltrigen sein können, die ähnliches durchmachen. Durch Rituale und kreativ sein miteinander, kann sich erinnert werden, gelacht oder geweint, geredet oder geschwiegen. Begleiter wie Katrin und Daniela stehen dabei zur Seite. Sie geben Anregungen und versuchen Ängste und Unsicherheiten zu nehmen.

"Diese vier tollen Bilder sind für Fine."

"Wer ist Fine?" 

"Fine ist ein Kind, was bei uns in der Gruppe mit war."

"Und die ist heute nicht da?"

"Nee, der reicht das jetzt. Sie fühlt sich wieder so, dass es ohne weiter gehen kann." 

"Wir erleben und sehen die Veränderungen…", erklärt mir Katrin Gärtner, Herz und Gründerin von Wolfsträne. 

"Und wenn wir merken: Okay, das könnte jetzt ganz gut verarbeitet sein, dann gibt es einen Test, den hat eine Psychologin entwickelt. Das sind 23 Fragen gezielt zu dem aktuellen Befinden. Und daran können wir sehr gut erkennen: Da stehst du gerade." 

120 Kinder und Jugendliche, vom Kleinkind bis zum Alter von 21, betreut der Verein aktuell. 

"In Gruppen, in Einzelbegleitung, in Sterbebegleitungen."

Kinder trauern anders als Erwachsene

Und es ist ja offensichtlich ein anderes Trauern, als es Erwachsene machen.

"Mein Vater sagt heute noch: Du hast ja auf´m Tisch getanzt", erzählt Katrin. "Man sieht es von außen nicht. Innen drin ist aber die tiefste Einsamkeit, die tiefste Trauer, und man traut es sich nicht zu zeigen, weil alle drum herum in der Familie selber betroffen sind." 

Und Daniela ergänzt: "Jedes Kind trauert individuell. Ich kann mich da an das erste Gespräch zwischen zwei Kindern erinnern. Die eine kam an und meinte: Bei mir ist die Mama gestorben. Und bei dir so? Wo man als Erwachsener erstmal schluckt. Man kann es aber einfach aussprechen und es geht nichts kaputt dabei. Weil die Kinder einfach im Hier und Jetzt sind.
                                                                                                                                    
Bei den ganz Kleinen bleiben wir gerne zu Hause und es gibt auch Kinder, die nicht in die Gruppenbegleitung möchten. Wo man den Raum alleine geben muss." 

Insgesamt 30 ehrenamtliche Trauerbegleiter hat der Verein mittlerweile und die zwei Festangestellten Katrin und Daniela. Alle haben eine fünftägige Ausbildung durchlaufen, in einer Akademie in Süddeutschland, die sich auf Trauerbegleitung für Kinder spezialisiert hat. 

"Wir bezeichnen das als Begleitung, weil wir keine therapeutische Arbeit leisten und leisten können", sagt Katrin. "Und wir suchen uns dann auch weiter Hilfe, wenn wir merken, wir kommen gerade nicht weiter. Weil da sind wir dann nicht mehr kompetent genug in manchen Dingen." 

Auf einem Tisch steht ein Tablett mit angezündeten Teelichtern. Dahinter stehen kleine bemalte Holzschachteln auf denen "Papa" und "für Papi" steht. (Natalie Putsche)Zur Visualisierung der Trauer werden auch kleine Schatzkisten verbuddelt. (Natalie Putsche)
Stück für Stück habe sich die Arbeit des Vereins herumgesprochen. 

"Ob das Branchen waren, die gesagt haben: Wir geben Geld oder ob das die waren, die gesagt haben: Bei uns sterben die Leute und hier sind die, die eure Hilfe brauchen…"

Besonders intensiv sei die Arbeit mit den Jugendlichen. "Weil die an so ‘ner Schwelle sind, wo die ein bisschen wie Kinder trauern, ein bisschen wie Erwachsene, dann kommt die Pubertät dazu.

"Mit was für Anliegen und Fragen kommen die dann zu Dir?" 

"Ganz häufig ist wirklich die Schule ein großes Problem. Aber auch Familienkonstellation. Wenn die Mama stirbt, nehmen junge Mädchen oft die Rolle ein von der Mutter. Und machen Dinge, die sie eigentlich in diesem Alter noch nicht machen sollten."

Charlotte ist elf und schon seit zwei Jahren in der Gruppenbegleitung. 

"In der Schule, wenn man Freunden davon erzählt, dann verstehen die einen nicht so gut. Weil, denen ist das halt nicht passiert."

"Und deswegen ist das sehr gut, so ‘ne Trauerbegleitungsgruppe zu haben?"

"Genau. Hier kann man sehr gut drüber sprechen. In der Schule trösten die einen auch, aber hier trösten die einen anders."

Abschiedsrituale sind wichtig

"Manche durften z.B. auch nicht bei der Beerdigung dabei sein", berichtet Daniela aus dem Alltag ihres Vereins. "Dann versuchen wir das nochmal aufzugreifen. Es gibt Abschiedsrituale: Da gehört das Feuerritual dazu, wo Briefe geschrieben werden können, an den Verstorbenen, die dann mit begleitender Musik und Geschichten verbrannt werden können."

"Um loszulassen?"

"Um das zu visualisieren, ja. Es passiert was, und es ist dann weg. Genauso ist es, dass wir kleine Schatzkisten verbuddeln." 

"Tatsächlich haben wir dieses Jahr ein mexikanisches Totenfest geplant. In Mexiko ist der Glaube, dass einmal im Jahr die Toten noch einmal zurückkommen, und dann ziehen die in Mexiko mit großem Picknickkorb und Musik auf den Friedhof und feiern und haben das Gefühl, in dem Moment sind die Toten bei ihnen."

"Trauern bei Kindern heißt nicht nur weinen. Das ist ja ganz stark in den Köpfen bei uns. Wir trauern ja alle sehr verkorkst. Fängt an, dass Sprüche fallen wie: ‚Jetzt musst du tapfer sein.‘ Nee, einfach nein! Es wird gelacht, es wird geweint, es wird getobt, es wird getanzt. Alles kann…"

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