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Buchkritik | Beitrag vom 11.10.2018

Leigh Bardugo: "Das Gold der Krähen"Stehlen wie einst Robin Hood

Von Elena Gorgis

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(Droemer Knaur/ Sandra Neuhaus/ Picture Alliance)
Die Erfolgsformel heißt verkürzt: "Ocean’s Eleven" trifft auf "Game of Thrones". (Droemer Knaur/ Sandra Neuhaus/ Picture Alliance)

In "Das Gold der Krähen" lässt die Fantasy-Autorin Leigh Bardugo sechs Jugendliche als gerechte Diebe auftreten. Die Mitglieder der Bande haben unterschiedliche Ethnien und eins gemeinsam: Sie alle wurden diskriminiert.

Ob "Die Tribute von Panem", "Die Bestimmung" oder "Die Auserwählten" – alle Jugend-Fantasy-Bestseller der vergangenen Jahre hatten eins gemeinsam: In einer düsteren, apokalyptischen Zukunft müssen die Protagonisten ums blanke Überleben kämpfen.

Die Fantasy-Welt der US-Amerikanerin Leigh Bardugo passt nicht in dieses Schema. Ihre Reihe über die Grisha – Menschen mit verschiedenen magischen Fähigkeiten, angesiedelt in einer Welt, die an das russische Kaiserreich erinnert – katapultierte sie an die Spitze der Bestsellerliste der "New York Times" und ließ sie mehr als zwei Millionen Bücher in mehr als 50 Ländern verkaufen.

Ihr "Grishaverse", das Grisha-Universum, kam bei den Fans so gut an, dass sie es mit zwei Folgeromanen, die auf einem anderen Kontinent spielen, erweitert hat: "Das Lied der Krähen" und "Das Gold der Krähen". Letzteres ist gerade auch auf Deutsch erschienen. Was also steckt hinter dem Hype?

Elternlos, verarmt und genial

Die Erfolgsformel heißt verkürzt: "Ocean’s Eleven" trifft auf "Game of Thrones". Bardugo hat ein Talent für Plot und Setting. Ihre "Krähen", eine Bande aus jungen Räubern und Dieben rund um den Anführer Kaz Brekker, behaupten sich im "Barrel", dem Armenviertel der Stadt Ketterdam. Die Handelsmetropole ähnelt dem Amsterdam des Goldenen Zeitalters oder dem London von Charles Dickens. Obwohl elternlos und verarmt, sind die sechs den Erwachsenen meistens um eine Nasenlänge voraus. Ein genialer Schloss- und Panzerknacker, ein spielsüchtiger Scharfschütze, eine Grisha, die Herzen langsamer schlagen lassen kann, ein Mathe-Genie mit Leseschwäche, ein Ex-Soldat und eine Spionin, die sich wie ein Phantom bewegt. Zusammen kämpfen die Teenager in Robin-Hood-Manier gegen Händler, die sich auf Kosten der Armen in die eigene Tasche wirtschaften.

Bis sie sich ihrer großen Mission – eine kostbare Geisel aus der Stadt zu schaffen und dabei gleichzeitig an ihren Widersachern Rache zu nehmen – nähern, sind sie wie auf einem großen Abenteuerspielplatz auf fast jeder der über 500 Seiten in kleine Kämpfe und Räubereien verwickelt. Dabei foppen sie sich permanent oder sind insgeheim ineinander verliebt – was bei Jugendlichen naturgemäß ein höchst kompliziertes Unterfangen ist.

Die Clique als neue Familie und Heimat

Dieser lebhaften, farbereichen, kostümfilmhaften Fantasiewelt kann man sich schwer entziehen. Vielleicht ist Leigh Bardugos Grisha-Welt deshalb oft mit Harry Potter verglichen worden. Allerdings hat sie sich für ihre Krähen-Bücher ganz bewusst von der typischen Erzählung des einsamen Helden gelöst: Was einem erwachsenen Leser manchmal dröge vorkommen mag, der ständige Wechsel der Erzählperspektive und damit die häufige Wiederholung einzelner Szenen, kommt gerade bei jungen Lesern gut an. Jeder der sechs Helden hat eine andere Ethnie, trägt eigene Verwundungen und Makel, und hat deshalb eigene Diskriminierungserfahrungen. In ihrer Clique finden sie eine Familie, eine neue Heimat, Freundschaft und Liebe.

Diese Message ist dann wiederum ganz klassisch und wahrscheinlich der Kern aller All-Age-Fantasy-Bestseller – und wie sehr sich Jugendliche mit den Charakteren identifizieren, zeigt die rührende Fan-Art, die Leigh Bardugo regelmäßig auf ihrem Blog veröffentlicht. David Heyman, der Produzent der Harry-Potter-Filme, hat schon vor Jahren die Filmrechte an den Büchern gekauft – ob er damit einen Konkurrenten loswerden wollte oder tatsächlich die Verfilmung umsetzen will, ist bisher nicht klar. Beides spricht für das "Grishaversum".

Leigh Bardugo: "Das Gold der Krähen"
Aus dem amerikanischen Englisch von Michelle Gyo
Droemer Knaur, München 2018
592 Seiten, 16,99 Euro

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