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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.01.2018

Leichte SpracheBehördenschreiben endlich verstehen

Von Tobias Wenzel

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Post vom Finanzamt (imago)
Behördendeutsch ist für viele Deutsche unverständlich. (imago)

Ungefähr ein Viertel der Deutschen ist nicht in der Lage, Briefe von Behörden zu verstehen. Deshalb müssen Bescheide nun auch in sogenannter Leichter Sprache verschickt werden. Und auch einige Medien haben für die Betroffenen besondere Angebote.

Hilde Wittur: "Wenn ich einen Brief bekomme, dann mache ich ihn erst auf. Dann lese ich. Und dann verstehe ich nicht."

Hilde Wittur hat sich bisher Behördenbriefe von ihrem Betreuer von der Lebenshilfe Berlin erklären lassen. Aber in Zukunft müssen solche Schreiben auch in Leichter Sprache zur Verfügung gestellt werden, und das macht Hilde Wittur unabhängiger. Mario Herschel, der zusammen mit ihr betreut wohnt, nutzt schon länger Angebote in dieser Sprache. Sie ist so verständlich wie möglich geschrieben, verwendet keine Genitive und Fremdwörter nur dann, wenn sie erklärt werden. Gerade liest er einen Artikel der TAZ in Leichter Sprache über Leichte Sprache und die Kritik daran:

TAZ-Artikel in Leichter Sprache: "Für viele Menschen sind die Texte eine Überraschung."

Facebook-Kommentar von Nutzer Alexander: "Die Wahlbenachrichtigungen wurden nicht in ‚leichter Sprache‘, sondern in FALSCHER Sprache verfasst."

Facebook-Kommentar von Nutzerin Marlis Schulz: "Die erklären damit alle Deutschen für doof."

Kritik an den vielen Bindestrichen

So reagierten Facebook-Nutzer auf die Benachrichtigung zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2017, die in Leichter Sprache geschrieben war. Immer wieder Bindestriche, wo sie in der Standardsprache nicht stehen: im Wort "Land-Tag" oder in "Vor-Name". Die Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim Christiane Maaß hält das für problematisch:

"Durch die Bindestrichschreibungen entfernt sich der Leichte-Sprache-Text vom regulären Deutsch. Und man sieht an den heftigen Reaktionen, die ich für berechtigt halte, dass das eine gefährliche Straße ist."

Deshalb nutzen Maaß und ihre Mitarbeiter, zum Beispiel für die norddeutschen Nachrichten des NDR in Leichter Sprache, statt des Bindestrichs den dezenteren Punkt auf mittlerer Höhe. So können Menschen mit Leseschwäche die einzelnen Wortbestandteile immer noch schnell erfassen.

Maaß: "Der zweite Punkt: Werden jetzt alle für dumm erklärt? Wenn dieser Text, wie das in Schleswig-Holstein geschehen ist, ausschließlich in Leichter Sprache geschickt wird, kann dieser Eindruck in der Tat entstehen. Das darf nicht passieren. Leichte Sprache ist ein Ergänzungsangebot. Es muss zusätzlich verschickt werden zu einem standardsprachlichen Text. Und der Leser entscheidet, was er für sich braucht und verwenden möchte."

Leichte Sprache – wie der Journalist Adrian Lobe in der FAZ – generell abzulehnen, weil sie gewisse Informationen vorenthalte, kann die Professorin für Medienlinguistik aber nicht nachvollziehen. Auch in normalen Presseartikeln finde ja mit Blick auf vorhandenen Platz und Leserschaft eine Informationsauswahl statt.

Einfache Worte, kurze Sätze

Maaß: "Und das ist bei Leichter Sprache nicht anders. Wenn Sie sich überlegen: Alles, was nicht allgemeinsprachlich ist, wird erklärt …"

NDR-Nachricht in Leichter Sprache:
"Auf Rügen gibt es eine besondere Küste.
Diese Küste ist eine Steil·küste.
Steil·küste heißt:
An der Küste sind hohe Felsen.
Und diese Felsen sind sehr steil."

Maaß: "Der Text wird dadurch länger. Das heißt, Sie haben da Beschränkungen. Die Schrift ist größer, Sie haben jeden Satz auf einer Zeile. Da muss notwendig eine Informationsauswahl geschehen. Und die führt dann dazu, dass Personen sich überhaupt über ein Gebiet informieren können, auf das sie sonst gar keinen Zugriff haben."

Über 13 Millionen Deutsche können kein Behördenschreiben verstehen. Hinzu kommen Menschen mit Demenz oder geistiger Behinderung und auch Flüchtlinge. Da ist es wichtig, dass Texte in Leichter Sprache überhaupt diese Zielgruppen erreichen:

Maaß: "Wenn ich jetzt einen Text der Arzt-Patienten-Kommunikation mache und es dem Arzt am Ende unangenehm ist, dem Patienten diesen Text zu geben, weil er eben unterstellt, dass der Arzt denkt, der Patient würde etwas nicht verstehen, dann wird der am Ende nicht rübergereicht. Und dann muss der Text so etwas möglicher Weise mitberücksichtigen. Wir haben dann die Lösung gefunden, dass der Text quasi so anfängt, dass er sich ein Stückchen weit erklärt, was er ist. Also dass er sagt: ‚Liebe Leserin, lieber Leser, dieser Text ist für Sie vielleicht zu leicht.‘ Und wir haben die Rückmeldung bekommen, dass es für die Ärzte dann leichter ist, den Text rüberzureichen, wenn der das sozusagen selber mitdenkt, dieser Text, dass da dieses Problem drin ist."

Eine Hilfe mit Brückenfunktion

Leichte Sprache hat auch eine Brückenfunktion und kann Menschen dabei helfen, zu einem späteren Zeitpunkt Texte in normaler oder zumindest nicht ganz so schwerer Sprache zu verstehen. Zum Beispiel in der sogenannten einfachen Sprache. Die ist nur etwas komplexer als die Leichte Sprache. Der Deutschlandfunk produziert als Zusatzangebot Nachrichten in dieser einfachen Sprache:

Deutschlandfunk / nachrichtenleicht.de: "Das Land Guatemala hat eine wichtige Entscheidung getroffen. Der Präsident heißt Jimmy Morales. Er sagt: Unsere Botschaft in dem Land Israel zieht um. Sie soll nicht mehr in Tel Aviv sein, sondern in Jerusalem."

Wittur: "Ich finde es gut, wenn man das erst mal vorher erklärt kriegt. Und dann versteht man langsam."

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