Seit 11:05 Uhr Lesart

Samstag, 30.05.2020
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 01.04.2020

Lehrbeauftragte an HochschulenSchlecht bezahlt und wenig respektiert

Ein Standpunkt von Canan Topçu

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Lehrbeauftragte an der Uni, die Unterricht in einem Hörsaal gibt. (picture alliance / Zoonar / Robert Kneschke)
Lehrbeauftragte bekommen nur ein Zwölftel dessen, was eine Professorin verdient, sagt Canan Topcu. (picture alliance / Zoonar / Robert Kneschke)

Zwischen 12 und 37 Euro: So viel bekommt eine Lehrbeauftragte an Hochschulen pro Stunde. Und da ist die Vorbereitungszeit nicht mit eingerechnet, sagt Canan Topcu. Die Hochschuldozentin fordert: Mehr Geld und mehr Anerkennung für uns Lehrbeauftragte!

Ich bin Journalistin und Dozentin. Journalistin bin ich seit 25 Jahren und Hochschul-Dozentin seit 15 Jahren.

"Dozentin!" Das macht viel mehr her als Lehrbeauftragte, die ich eigentlich bin.

Nicht, dass da was falsch verstanden wird. Etikettenschwindel ist das keineswegs, jede Lehrbeauftragte ist eine Dozentin, aber nicht jede Dozentin eine Lehrbeauftragte.

Professorinnen sind auch Dozentinnen. Lehrbeauftragte werden miserabel bezahlt. Erhalten gerade mal einen Fünftel von dem, was Professorinnen pro Stunde verdienen. Je nach Hochschule variiert der Stundensatz für Lehrbeauftragte zwischen zwölf bis 37 Euro. Zwölf Euro, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Übrigens wird das Stundenhonorar nur für Präsenzstunden gezahlt. Für all die Vor- und Nachbereitung von Seminaren, all das Korrigieren von Hausarbeiten gibt‘s nichts. Niente! Wir dürfen keine Extra-Stunden abrechnen.

Für Lehrbeauftragte fühlt sich niemand zuständig

Das ist nicht nachvollziehbar und nicht hinnehmbar. Bisher hat mir noch keiner erklären können, warum Lehrbeauftragte so dermaßen schlecht bezahlt werden. Es gebe "keine passende Rechtsgrundlage" für einen höheren Stundensatz. Das schrieb mir vor Kurzem auf Anfrage der Fachbereichsleiter der Hochschule für Polizei und Verwaltung, dort bin ich seit fünf Jahren tätig. "Dann ist es höchste Zeit, dass die Rechtsgrundlage geschaffen wird", habe ich dem Herrn geantwortet. Und ich habe mich an den Personalrat der Hochschule gewandt.

Das Problem: Für Honorarkräfte ist der Personalrat nicht zuständig. Es scheint aber auch sonst niemand für Lehrbeauftragte zuständig zu sein. Für Lehrkräfte also, mit denen deutsche Hochschulen den Großteil des Kern-Curriculums abdecken - an manchen Hochschulen sind es bis zu 70 Prozent. Vorlesungen abhalten, Seminare geben, Hausarbeiten korrigieren, Prüfungen abnehmen: Ohne uns könnte der Hochschulbetrieb gar nicht rund laufen.

Dennoch: "Mir macht die Arbeit Spaß"

Im Wintersemester habe ich an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung mehr Kurse als sonst übernommen - weil es an Lehrkräften mangelt. Einige Kolleginnen sind nämlich abgesprungen, sie hatten genug von der Ausbeutung und haben glücklicherweise besser bezahlte Stellen gefunden.

Ich höre schon die Frage im Ohr: Warum bleiben Sie denn, wenn die Bezahlung so schlecht ist?

Das kann ich erklären: Ich bin gerne in der Lehre tätig. Mir macht die Arbeit Spaß. Bleiben möchte ich aber auch aus einem ganz persönlichen Grund: Ich finde es wichtig, dass Menschen wie ich an den Hochschulen unterrichten. Wir machen die Realität in diesem Land sichtbar. Nämlich: Dass Deutschland bunt und vielfältig ist und People of Color mehr sind als Problemfälle, nämlich auch Dozentinnen.

Rassismus und Diskriminierung

Jüngst stellte der Anti-Diskriminierungs-Ausschuss des Europarats seinen Bericht vor. Darin heißt es unter anderem, dass  Deutschland mehr Aufklärungsarbeit gegen Rassismus leisten müsse. Vorgeschlagen werden Kurse gegen Rassismus und Diskriminierung an Hochschulen. Dort also, wo Mitarbeiterinnen von Ministerien und Behörden ausgebildet werden. Aufklärungsarbeit in Sachen Rassismus und Diskriminierung: Ich betreibe das immer in meinen Kursen, schon allein durch meine Präsenz. Ich mache das aber auch direkt in meinen fachspezifischen Seminaren und über die Hintertür in anderen, indem ich entsprechende Themen in die Lehrveranstaltungen einschmuggele.

Ich möchte weitermachen. Ich möchte aber auch mehr als eine gesellschaftliche Anerkennung. Ich möchte Räder ins Rollen bringen, damit Lehrbeauftragte nicht mit einem Hungerlohn abgespeist werden.

Canan Topcu, Journalistin und Hochschuldozentin. (privat)Canan Topcu (privat)Canan Topçu ist Tochter türkischer Arbeitsmigranten. Sie kam 1973 als Achtjährige nach Deutschland. Sie studierte Geschichte und Literaturwissenschaft und lernte danach bei der Hannoverschen Allgemeine Zeitung das journalistische Handwerk. Nach dem Volontariat wechselte sie zur Frankfurter Rundschau, bei der sie zwölf Jahre als Redakteurin tätig war. Seit 2011 arbeitet sie freiberuflich als Journalistin, Referentin und Moderatorin. Zudem lehrt sie seit 15 Jahren an der Hochschule Darmstadt und seit fünf Jahren an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung.
Mehr zum Thema

Akademisches Prekariat - Konkurrenzkampf und Kinderlosigkeit
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 14.11.2017)

Ong (bklm) - "Wir werden genauso bezahlt, wie die Klavierstimmung eines Flügels"
(Deutschlandfunk, Musikjournal, 17.07.2017)

Hochschulen - Lehrbeauftragte fordern bessere Bezahlung
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 06.11.2014)

Politisches Feuilleton

Corona-KrisenmanagementDas Alphatier hat ausgedient
Unter dem Tisch verschränkt Donald J. Trump seine Beine und Hände. (dpa/ CNP/ AdMedia/ Doug Mills)

Politikerinnen sind in der Coronapandemie die besseren Krisenmanager. Davon ist die Publizistin Tanja Dückers überzeugt. Denn im Gegensatz zu kraftmeiernden Alphatieren wie Trump und Boris Johnson sind Merkel und Co. bereit, Expertenrat anzunehmen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur