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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.10.2013

Legende zu Lebzeiten

Benjamin Moser: "Clarice Lispector. Eine Biografie", Verlag Schöffling & Co, Frankfurt 2013, 584 Seiten

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Das Geheimnis der Literatur Clarice Spectors kann auch Mosers Biografie nicht enträtseln. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Das Geheimnis der Literatur Clarice Spectors kann auch Mosers Biografie nicht enträtseln. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Berühmt wurde die brasilianische Autorin Clarice Lispector für ihre geheimnisvollen Sprachkunstwerke. Der Publizist Benjamin Moser hat für ihre Biografie viele unmittelbare Zeugnisse der kühnen Künstlerin zusammengetragen - und sie in die politischen und sozialen Umstände ihres Lebens eingebettet.

Die Gegend, in der Chaja Lispector am 10. Dezember 1920 als jüngstes Kind einer jüdischen Mutter geboren wurde, war Kriegsgebiet, umkämpft von Polen, Ukrainern und Russen, Weißen wie Roten. Dass das Kind, das später Clarice genannt wurde, gesund war, grenzt an ein Wunder. Ihre Mutter war während eines Pogroms von Soldaten vergewaltigt und mit Syphilis infiziert worden. Der Familie gelang 1922 die Flucht nach Brasilien. Clarice wuchs in Recife, im rückständigen Nordosten auf - in großer Armut aber umgeben von Kultur und Wissen.

Schön, ehrgeizig, begabt

Sie war schön, ehrgeizig und begabt, arbeitete schon Ende der 1930er-Jahre als Journalistin, was für brasilianische Verhältnisse damals sehr ungewöhnlich war. Ihren ersten Roman "Nahe dem wilden Herzen" schrieb sie mit 22 Jahren – und er wurde zur Sensation. Etwas so eigenwilliges, modernes und individualistisches hatte es in der brasilianischen Literatur noch nicht gegeben.

Kurz danach heiratete die junge Frau einen aufstrebenden Diplomaten und ging mit ihm nach Europa, später in die USA, wurde Mutter, repräsentierte, schrieb aber weiterhin ihre fremdartigen Sprachkunstwerke. Doch wohl fühlte sie sich in ihrer öffentlichen Rolle nicht, obwohl sie dabei eine hinreißende Figur machte. Erst 1959 kehrte sie nach Brasilien zurück, trennte sich von ihrem Mann und tauchte wieder ein in die Literatur. Einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag starb sie an Krebs. Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende, berühmt, bewundert, kapriziös, depressiv und den meisten Menschen unverständlich.

Mysterikerin und Melancholikerin

Ihr Biograf Benjamin Moser, ein vielseitig interessierter und vielsprachiger Publizist, Übersetzer und Herausgeber, der in den Niederlanden lebt, hat ihre Lebensgeschichte skrupulös erforscht – nicht nur anhand der unmittelbaren Zeugnisse von und über Clarice Lispector, sondern auch im Hinblick auf die Zeitgeschichte, die politischen und sozialen Umstände, unter denen sie gelebt hat.

In allem, was er zusammengetragen und mit großer Ausführlichkeit dargestellt hat, ist die Absicht erkennbar, die Legende von der schönen und kühnen Künstlerin mit der Mysterikerin und Melancholikerin in Einklang zu bringen, die sie in ihren Werken, und auch in ihren letzten Lebensjahren, war.

Es ist eine hochinteressante Biografie geworden, mit einem weiten Blick auf viele Gebiete. Aber das Geheimnis, warum nun gerade diese Frau solche unglaublichen Dinge schrieb, kann auch sie nicht enträtseln.

Besprochen von Katharina Döbler

Benjamin Moser: Clarice Lispector. Eine Biografie
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter
Verlag Schöffling & Co, Frankfurt 2013
584 Seiten, 36,95 Euro

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