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Frühkritik | Beitrag vom 31.07.2020

Lee Child: "Der Bluthund"Im Land der Schmerzen

Von Kolja Mensing

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Das Cover von Lee Childs Buch "Der Bluthund" auf orange-weißem Hintergrund. Auf dem Coverfoto läuft ein Mann mitten auf der Straße mit dem Gesicht vom Leser weg durch eine menschenleere Stadtlandschaft.  (Blanvalet / Deutschlandradio)
Jack Reacher macht sich in "Der Bluthund" auf die Suche nach einer Afghanistan- und Irak-Veteranin (Blanvalet / Deutschlandradio)

Der Schriftsteller Lee Child nimmt Abschied von seinem Helden Jack Reacher und gibt der Krimireihe zum Ende hin noch einmal einen bedrückend realistischen Dreh. Es geht um die Opioid-Krise in den USA.

Eine Ära geht zu Ende. Der Thrillerautor Lee Child hat angekündigt, in den Ruhestand zu gehen und seine enorm erfolgreiche Jack-Reacher-Reihe in die Hände seines jüngeren Bruders zu legen. 60 Millionen Exemplare beträgt die weltweite Auflage mittlerweile, und die Fans – die selbsternannten "reacher creatures" – sind schon ziemlich nervös, wie es weitergehen wird.

Mit "Der Bluthund" erscheint jetzt auf Deutsch einer der letzten Romane der Reihe, die Lee Child noch selbst geschrieben hat. Der Anfang ist gewöhnungsbedürftig: Jack Reacher, dieser unkaputtbare Einzelgänger, der sich seit 20 Jahren nur mit einer Zahnbürste im Gepäck durch Amerika treiben lässt, um Ärger zu suchen, ist irgendwie weich geworden.

Melancholische Anwandlungen

Am Rand des Highways erlaubt er sich melancholische Anwandlungen beim Anblick eines in die Jahre gekommen Fernfahrers – und hat sich darüber hinaus aus dem vorletzten Roman "Keine Kompromisse" einen richtig traurigen Liebeskummer mitgebracht. Was ist los mit dem härtesten Straßenschläger der US-Gegenwartsliteratur? Fehlt nur noch, dass Jack Reacher sich demnächst ein Haustier anschafft.

Keine Angst: Jack Reacher ist noch in Form, und die obligatorische Prügelszene – er allein gegen sieben Biker – gibt es dann schon auf Seite 28. Die echte Überraschung ist eine ganz andere: Der ehemalige Militärpolizist Jack Reacher macht sich in "Bluthund" auf die Suche nach einer Afghanistan- und Irak-Veteranin, die nach traumatischen Kampfeinsätzen und einer schweren Verletzung abgetaucht ist – und offenbar abhängig von Schmerzmitteln ist.

Schmerzmittel als Teil des Alltags

Damit setzt Lee Child seinen comichaft überzeichneten Krimi-Superhelden zum ersten Mal in gut 20 Jahren auf ein realistisches, definitiv relevantes Thema an: auf die so genannte Opioid-Krise, die seit Jahren nicht nur die amerikanischen Großstädte verwüstet, sondern auch die einsamen, ländlichen Gegenden der USA.

Das funktioniert auf verstörende Art ziemlich gut. Lee Child zeigt uns – mit dem immer halb naiven, halb selbstgefälligen Blick Jack Reachers – unangenehm eindringlich, wie Schmerzmittel auch in der Provinz zum Teil des amerikanischen Mittelklasse-Alltags geworden sind: mit Fentanylpflastern, die in Streifen geschnitten werden, um sie sparsam zu dosieren, falls der Dealer in irgendeinem Kaff in Wyoming mal nicht liefern kann, die für einen schnellen, direkten Kick abgeleckt oder gleich wie Kaugummi gekaut werden. "Bluthund" liest sich an diesen Stellen wie eine bedrückend wirklichkeitsnahe Reportage. Und das tut mehr weh als jede Straßenprügelei.

Lee Child: "Der Bluthund".
Aus dem Englischen von Wulf Bergner
Blanvalet Verlag 2020
448 Seiten, 22 Euro

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