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Tacheles | Beitrag vom 14.08.2021

Lebenswichtige BiodiversitätWie vertragen sich freie Forschung und faire Teilhabe?

Moderation: Susanne Führer

Rückansicht einer Forscherin mit Tablet in der Hand, über das Bild ist die vergrößerte Darstellung einer DNS-Doppelhelix zu sehen. (Imago/Shotshop)
Noch sind die Gen-Datenbanken frei zugänglich. Ob dies so bleiben wird - das wird sich bald entscheiden. (Imago/Shotshop)

Wenn im Oktober die Weltgemeinschaft über den Schutz der Biodiversität berät, werden die Lebenswissenschaftler diese Konferenz gebannt verfolgen. Dann wird nämlich auch entschieden, ob der Zugang zu Datenbanken mit Gen-Informationen beschränkt wird.

Biopiraterie gibt es schon lange, wie man an der Kartoffel oder auch an der Kautschukpflanze sieht, die ursprünglich nur in Brasilien im Regenwald vorkam.

"Lebende Kautschukpflanzen mussten im 19. Jahrhundert aus Brasilien rausgeholt werden, um Kolonialmächten den Anbau in ähnlichen Klimazonen zu ermöglichen", sagt Rudolf Amann vom Max-Planck-Insitut für Marine Mikrobiologie in Bremen. "Das war eine ganz frühe Form von Biopiraterie, die die lebende Pflanze brauchte."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Das ist heute nicht mehr so leicht möglich. Das Ursprungsland muss um Genehmigung gefragt werden, ob überhaupt Proben entnommen werden dürfen, und an Gewinnen der Pharmaindustrie zum Beispiel müssen die Herkunftsländer beteiligt werden. Das regelt das so genannte Nagoya-Protokoll, ein völkerrechtlich bindender Vertrag von 2010.

Jedes Land sequenziert Genome

Aber in jüngster Zeit arbeiten die Lebenswissenschaften nicht mehr mit Pflanzen, nicht einmal mehr mit genetischem Material, sondern mit digitalen Informationen. Das Genom eines Organismus wird sequenziert, also ausgelesen. Diese Digitale Sequenzinformation, DSI, wird in Datenbanken hinterlegt.

"Jedes Land forscht. Sequenziert wird in jedem Land der Erde. Und in jedem Land der Erde sind jeden Tag Tausende Wissenschaftler dabei, ihre neu gemachte Sequenz, die sie aus einem Organismus, einem Ökosystem oder wo auch immer hergeholt haben, zu vergleichen. Dieser Sequenzvergleich ist ein Wissensgenerator."

So werden beispielsweise neue Arten entdeckt. Diese DSI werden vor allem in drei großen Datenbanken gespeichert – in den USA, in der EU und in Japan –, die die Daten untereinander austauschen und allen Forschenden frei zur Verfügung stellen.

Die Datenbanken sind frei zugänglich – noch

"Jetzt gibt es die durchaus valide Überlegung, ob man den Begriff Biopiraterie auf digitale Sequenzinformationen ausweitet", sagt Amann. Für ihn ist es völlig unstrittig, dass ein Gewinn, der mit diesen Informationen erzielt werden sollte, fair geteilt werden muss.

Die Grundlagenforschung dürfe aber nicht eingeschränkt werden. Dies hat auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in einer Stellungnahme unter Beteiligung Rudolf Amanns gefordert.

Doch sollte der Zugang zu den Datenbanken kostenpflichtig werden, wäre ein massiver Einschnitt die Folge. Laien könnten sich gar nicht vorstellen, wie stark die Lebenswissenschaften darauf basieren, ungehindert Gene miteinander vergleichen zu können.

Zudem, sagt der Mikrobiologe, würde ein kostenpflichtiger Zugang zu den Datenbanken die Falschen treffen:

"Gerade die Industrie könnte sich den Zugang zu Sequenzen immer wieder erkaufen. Ein Grundlagenforscher in einem reichen Land kann das auch machen. Aber ein Grundlagenforscher aus einem Entwicklungsland hat keine Mittel, um sich den Eintritt in eine Datenbank, der jetzt völlig frei ist, zu kaufen."

Man kann nur schützen, was man kennt

Die Länder mit der größten Biodiversität befinden sich in den Tropen, also in Äquatornähe. Der beste Schutz für Biodiversität wäre es, sagt Amann, wenn es Wissenschaftler gäbe, die in diesen Ländern die Biodiversität untersuchen, sie beschreiben, sequenzieren und für die Datenbanken beitragen.

Denn: "Ich kann nur schützen, was ich kenne."

Wie die Folgekonferenz zur Biodiversität im Oktober ausgehen wird, ist noch völlig offen. In Deutschland beispielsweise läuft gerade noch die politische Vorabstimmung zwischen den verschiedenen Ministerien. Deswegen hat die Leopoldina als Vertreterin der deutschen Wissenschaft eine nationale Empfehlung veröffentlicht: "Den offenen Zugang zu Digitalen Sequenzinformationen erhalten".

Der Schutz der Biodiversität müsse verstärkt werden, sagt Amann. Dafür braucht es mehr Geld, das beispielsweise in einem Fonds gesammelt werden könnte.

"Wir müssen, wenn wir mehr Fläche schützen wollen, mehr Geld generieren. Aber das sollte dort generiert werden, wo Gewinne gemacht werden. Das heißt, eine Abgabe für Patente, für Gewinne in der pharmazeutischen Industrie steht durchaus auf der Tagesordnung."

(sf)

Rudolf Amann, geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie und Professor für Mikrobielle Ökologie an der Universität Bremen, ist einer der Autoren der nationalen Empfehlung der Leopoldina "Den offenen Zugang zu Digitalen Sequenzinformationen erhalten".

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