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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.07.2008

Lebenswerk einer Kunsthistorikerin

Iris Bruderer-Oswald: "Das Neue Sehen. Carola Giedion-Welcker und die Sprache der Moderne", Benteli Verlag, Zürich 2008, 462 Seiten

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Giedion-Welcker lebte mit der Avantgarde wie zum Beispiel mit den Arbeiten von Hans Arp, hier seine Kleinplastik  "Purzelbaum"  (AP Archiv)
Giedion-Welcker lebte mit der Avantgarde wie zum Beispiel mit den Arbeiten von Hans Arp, hier seine Kleinplastik "Purzelbaum" (AP Archiv)

Nach akribischen Recherchen hat die Autorin Iris Bruderer-Oswald ein Buch über das Werk von Carola Giedion-Welcker verfasst. Als eine der wichtigsten Kunsthistorikerinnen des 20. Jahrhunderts schrieb sie zum Beispiel ein wegweisendes Buch über die Plastik der Moderne. Ihr Wirken zeigt, dass man Kunst nicht an der Universität verstehen lernt, sondern im Atelier.

Die Gestaltung des Covers ist angenehm unerwartet: Kein attraktives Jugendbildnis der Schweizer Kunsthistorikerin Carola Giedion-Welcker prangt da, sondern ein abstraktes, konstruktivistisch anmutendes Farbgitter. "Das Neue Sehen" ist ungleich fetter gedruckt als der Name der Frau, deren Leben und Werk in diesem Band dargestellt werden. Eine bemerkenswerte Entscheidung.

Denn kein Zweifel: Was die Lektüre dieses Buchs so faszinierend macht, ist Carola Giedion-Welckers Leben mit der Avantgarde – mit Künstlern wie Hans Arp, Kurt Schwitters, Max Ernst, Constantin Brancusi, Piet Mondrian oder James Joyce. Joyce – der sie durch seine leidenschaftliche Musikalität, seine Sprachspiele, seine ausgelassenen Darbietungen irischer Volkslieder begeistert. Brancusi – der sie in seinem Pariser Atelier mit märchenhaften und burlesken Erzählungen verzaubert. Mondrian – der sie 1925 mit heiligem Ernst in die präzisen Rhythmen von Foxtrott und Shimmi einweiht. Schwitters – der 1929 in einem Brief an sie schwärmt, "was Wichtiges in der Welt an Kunst wächst" und sich über das Unverständnis der Masse wundert: "Ich weiß nicht, sind die Menschen blind, dass sie das nicht sehen?"

Die Autorin Iris Bruderer-Oswald hat über die Kinder von Carola Giedion-Welcker Zugriff auf den zum großen Teil unveröffentlichten Nachlass gehabt. In jahrelanger, akribischer Recherche hat sie Briefe, Dokumente und Manuskripte ausgewertet und diese reiche Quellenlage zu nutzen gewusst: Sie zeigt, wie das Werk einer der wichtigsten Kunsthistorikerinnen des 20. Jahrhunderts aus der Überzeugung entsteht, dass man Kunst nicht an der Universität verstehen lernt, sondern im Atelier.

Die Pionierarbeit "Moderne Plastik" bietet 1937 zum ersten Mal einen Überblick über die Experimente der zeitgenössischen Künstler mit Raum, Volumen, Licht und Material. Die großartige "Anthologie der Abseitigen" macht 1946 Poesie von damals noch unbekannten Autoren wie Alfred Jarry, Tristan Tzara, Arp und Schwitters zugänglich und zeigt ihr Vordringen in sprachliches Neuland. Die Bücher über James Joyce, Constantin Brancusi, Apollinaire und Klee sind wegweisend für die Moderne.

Der Band von Iris Bruderer-Oswald macht eindrucksvoll deutlich, warum Carola Giedion-Welcker ihr Leben lang für die ernsten wie die fröhlichen Spiele dieser Künstler gestritten und gekämpft hat. Weil sie in ihrem freien Spiel der Fantasie auf eine Humanität gestoßen ist, die sie zeitlebens als geistvolle Behauptung gegen die Herrschaft der reinen Vernunft begriffen hat. Für ihre Gestalten als wache Zeitgenossin eine vermittelnde Sprache zu finden – sie seismografisch wahrzunehmen und empathisch die Augen für sie zu öffnen – das hat Carola Giedion-Welcker als ihre Aufgabe verstanden. Dass sie und ihr Mann, der berühmte Architekturhistoriker Siegfried Giedion, die Künstler während der Jahre des Krieges auch materiell, existentiell unterstützt und ihnen in Zürich eine Zuflucht geboten haben, zeichnet die Autorin ebenfalls detailliert nach.

Aus dem unglaublichen Material, das hier auf fast 500 Seiten ausgebreitet ist, hätte ein geradezu elektrisierendes populäres Buch von vielleicht 200 Seiten Umfang entstehen können. Die Autorin hat aber eine akademische Gesamtdarstellung von Leben und Werk vorgelegt – und folgt der akademischen Tugend der Vollständigkeit: Jeder Artikel, jeder Aufsatz, jedes Buch wird behandelt – jedem Einfluss wird ein Exkurs gewidmet – jede kleine biografische Fußnote wird überliefert – und die Prämissen der Abstraktion werden durchaus redundant für jede Publikation neu erläutert.

Es hätte vielleicht ein bisschen mehr vom Geist Carola Giedion-Welckers auch in die Form dieses Buches einfließen dürfen: In allen ihren Büchern besticht der eigene Text durch überschaubaren Umfang und kongeniale Begriffsprägungen. Den weitaus größten Teil nimmt ein mit äußerster Sorgfalt komponierter Abbildungsteil ein – es wird gezeigt, nicht erklärt:

"Es war für mich das unter allen Umständen zu Vermeidende, die Dinge mit klaren Worten zuzuschütten, und es schien mir das kleinere Übel, Letztes ungesagt zu lassen, als mit allzu großer Zudringlichkeit sich diesen ewigen Geheimnissen und Wundern zu nähern."

Die erstaunliche Autorin dieser Zeilen kann man in diesem Band entdecken – das sollte doch einiger Mühen wert sein.

Rezensiert von Alexandra Mangel

Iris Bruderer-Oswald
Das Neue Sehen. Carola Giedion-Welcker und die Sprache der Moderne

Benteli Verlag/ Zürich 2008
462 Seiten, 39 Euro

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