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Länderreport | Beitrag vom 07.11.2019

Lebensmittelretter in Berlin Weiterverwerten statt wegschmeißen

Von Anja Nehls

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Blick auf eine Kiste mit Nahrungsmitteln, die anlässlich der Foodsharing-Aktion von einem Supermarkt an Foodsaverinnen übergeben wurde. (picture-alliance/dpa//Mohssen Assanimoghaddam)
Nicht mehr ganz frisch, aber immer noch gut: Foodsharing rettet Lebensmittel vor der Verschwendung. (picture-alliance/dpa//Mohssen Assanimoghaddam)

In Deutschland wird im Schnitt pro Minute eine Lkw-Ladung Lebensmittel entsorgt. In Berlin gibt es inzwischen über 25 Organisationen, die Essen einsammeln und wieder verteilen. Manche kostenlos, andere gegen ein wenig Geld.

"Jetzt fahren wir zum Bioladen in Moabit, wir müssen halt gucken, was es gibt und dann würde ich das nachher verteilen, erstmal hinfahren, schauen, sortieren ..."

Helen Eckstein ist Essensretterin des gemeinnützigen Vereins Foodsharing. Jeden Tag holt sie in Berlin ehrenamtlich Lebensmittelmittel ab, die nicht mehr verkauft werden können und die ohne sie eigentlich in der Abfalltonne landen würden.

Handschuhe für die Hygiene

"Ja, Ausstattung von einem Foodsaver sind die sehr beliebten Plastikdosen, dann Kühltaschen sind wichtig. Ganz wichtig ist dann auch als Ausstattung Handschuhe für die Hygiene, ja, das wäre es erstmal, dann los. Mittags gibt es hauptsächlich Obst und Gemüse und abends Backwaren und Kühlwaren. Und dieses Obst und Gemüse, das wird vormittags aussortiert."

Heute ist nicht so viel übriggeblieben. In einer großen Pappkiste liegen ein paar Gurken mit schlaffen Enden, ein nicht mehr wirklich knackiger Salat und Tomaten mit braunen Stellen. Helen Eckstein sortiert an Ort und Stelle, ein paar Paprikas müssen wirklich in den Biomüll:

"Na, man hat da vielleicht eine Paprika, die hat außen eine Stelle, die nichtssagend ist und dann schneidet man es auf und dann kann es sein, dass innen Schimmel ist. Ja gut, dann muss sie wirklich weg. Je mehr wasserhaltig ein Lebensmittel ist, desto schneller zieht der Schimmel durch. Aber so Produkte, die wenig wasserhaltig sind und da ist halt eine Stelle, die kann man einfach abschneiden, das macht nichts aus."

Tonnenweise Verschwendung

Jede Sekunde werden in Deutschland 570 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen. Pro Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen. Das muss sich ändern, meint Helen Eckstein und begreift ihre Aktion deshalb auch als politische Arbeit:

"Weil dieses Lebensmittelretten ja nicht nur allein Lebensmittelretten ist, sondern es hängt ja mit diesen ganzen Ursachen zusammen. Mit der maßlosen Überproduktion von Lebensmitteln und der Verschwendung von unglaublichen Ressourcen. Es werden Regenwälder vernichtet, es werden irrsinnige Flächen mit Soja, mit Mais für Massentierhaltung, mit Palmöl bepflanzt, Monokulturen, die den Boden kaputtmachen."

Deshalb sollen Lebensmittel, die produziert werden, auch gegessen werden. Die Foodsaver verteilen ihre Beute zu einem festen Termin an alle, die gerne etwas abhaben wollen:

"Es geht bei uns ja nicht um Bedürftigkeit, es geht um Nachhaltigkeit. Es geht darum, bewusst zu machen, Leute, es geht uns hier noch so gut, dass wir die Lebensmittel wegschmeißen. Ich habe hier ein belegtes Baguette mit Camembert. Ok, danke, nehme ich gerne. Das sind belegte Brötchen aus dem Bioladen und etwas Süßes."

Es ist mehr als genug für alle da

Am Treffpunkt in Berlin Schöneberg stehen ein paar Studenten, ein Wohnungsloser, ein junger Mann aus einem benachbarten Büro und drei Rentnerinnen:

"Weil das für mich auch eine Sache ist, dass ich Geld spare – was man hier mitnehmen kann, muss man nicht kaufen. Mich nervt das, dass so viel weggeschmissen wird, so viele Millionen Tonnen."

Ungefähr 1600 Millionen Tonnen weltweit. Und das würde ausreichen, um alle Hungernden dieser Erde viermal zu ernähren, betont Raphael Fellmer. Er hat vor einigen Jahren Foodsharing mitgegründet und verfolgt jetzt ein anderes, ein kommerzielleres Konzept – mit den Sir Plus-Rettermärkten:

"Wir nennen es Rettermarkt, weil wir überschüssige Lebensmittel retten, die die Tafel oder andere Organisationen wie Foodsharing nicht retten. Und da wir immer noch 50 Prozent Lebensmittelverschwendung in Europa haben, wollten wir jetzt eine Lösung haben, bei der jeder Mensch ganz einfach zum Retter oder Retterin werden kann." Indem er oder sie abgelaufene oder aussortierte Lebensmittel einfach in einem Sir Plus-Supermarkt einkauft. 

Abgelaufene Lebensmittel günstiger kaufen

Ein skandinavisches Geschäftsmodell will in Zukunft in Deutschland Ähnliches anbieten. In Berlin gibt es inzwischen über 25 Organisationen, die Lebensmittel einsammeln und wieder verteilen. Allein die Berliner Tafel verteilt 660 Tonnen Lebensmittel pro Monat – allerdings nur an Bedürftige und gemeinnützige Organisationen zu einem symbolischen Preis. Foodsharing arbeitet ehrenamtlich und verteilt kostenlos.

Die Sir Plus-Rettermärkte dagegen sind ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen, das Lebensmittel kauft und weiterverkauft. In einem Markt in der Steglitzer Schlossstraße in Berlin gibt es deshalb Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum und Obst und Gemüse mit kleinen Mängeln deutlich günstiger, erklärt Raphael Fellmer: "Was wir hier sehen, das kommt hauptsächlich vom Großmarkt, das heißt, da kaufen wir dann morgens fast täglich ein, das was die anderen nicht mehr kaufen wollen. Lebensmittel sind dazu da, dass sie gegessen werden und das ermöglichen wir hier unseren Kunden."

Und das sind hauptsächlich Menschen aus der Mittelschicht. Die Idee, Geld zu sparen und dabei ein bisschen die Welt zu retten, scheinen viele stimmig zu finden. 

- "Sowohl als auch", sagt ein Kunde.

- "Weil woanders hungern die Leute, in anderen Regionen auf der Welt, und von dem her ist das eine super Sache."

- "Die Auswahl ist eigentlich gut und, na ja, als Schwabe der günstige Preis."

Wirtschaft verändern

In Berlin ist das Retten von Lebensmitteln inzwischen also auch ein Geschäftsmodell. Für Raphael Fellmer ist das kein Widerspruch:

"Wir sehen das so, dass wir mit dem Geld nicht nur sinnvolle Arbeitsplätze schaffen, sondern auch diesen Wandel hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft, dass auch zukünftige Generationen sich hier entfalten können und wir in Harmonie mit der Natur sind, nur schaffen können, indem wir auch unsere Wirtschaft transformieren."

Auch hinter der App "To Good To Go" steckt ein Wirtschaftsunternehmen. "To Good To Go", also "Zu gut für die Tonne", sind zum Beispiel die handgemachten Berliner Pfannkuchen des kleinen Ladens Sugarclan in Berlin Friedrichshain. Kurz vor Geschäftsschluss liegen zum Beispiel noch einige wenige Kunstwerke in hell oder dunkel, mit Zuckerguss oder Schokolade, mit Nüssen oder Apfelscheiben verziert hinter der Theke: "Kirsche habe ich noch da; da ist eine Walnuss-Birne-Vanille-Füllung drin; Erdbeere und Kokos Pfirsich habe ich noch da."

Und wenn das bis Geschäftsschluss niemand kauft, soll es natürlich nicht einfach im Müll landen, sagt die Chefin Britta Sarnus: "Uns geht es da nicht nur um die Arbeit, die drinsteckt, sondern auch um die Ressourcen. Natürlich haben wir Eier, Butter, Mehl und so weiter. Die guten Füllungen, die definitiv zu schade sind, um die wegzuwerfen. Und um das zu vermeiden, finden wir es großartig, dass es 'To Good to Go' gibt, da kann man dann kurz vor Feierabend nochmal was einstellen in der App und Kunden anbieten zu einem gesonderten Preis, was sonst übrig bleiben würde und weggeworfen würde."

Essen zum reduzierten Preis

Deutschlandweit machen bereits 4000 Geschäfte und Restaurants mit, allein 400 davon in Berlin. Bereits über zwei Millionen Nutzer haben sich die App kostenfrei heruntergeladen. Darüber sind zum Beispiel die Pfannkuchen jetzt für einen Bruchteil des Originalpreises zu haben, erklärt Franziska Lienert von "To Good To Go":

"Also der Preis ist immer mindestens 50 Prozent günstiger, als er im Original wäre, aber auch oft einfach nur ein Drittel des Preises. Wir haben dabei Bäckereien, Cafés, Supermärkte, Hotelbuffets, Restaurants, also wirklich jede Art von Betrieb." Ein Euro des Preises geht an "To Good To Go", den Rest bekommt der Betrieb.

Auch für den jungen Mann, der kurz vor Ladenschluss die Pfannkuchen abholt, ist die Sache ein gutes Geschäft: "Ich habe es heute Mittag irgendwann gebucht, dachte, dass es eine ganz gute Gelegenheit wäre, für morgen dann. Es hilft ja allen, es hilft mir, hoffentlich auch dem Laden und hoffentlich auch der Gesellschaft. Ist auch eine ganz gute Gelegenheit, mal neue Läden auszuprobieren. Ich nehme nochmal Schoko und den Erdbeer bitte."

Kein Kampf um Lebensmittelreste

Ein chinesisches Restaurant nebenan bietet Reste vom Buffet, eine Bäckerei Brötchen vom Morgen, ein Biomarkt Obst und Gemüse. Zugute kommen diese Lebensmittel allen, die sich dafür interessieren.

Bleiben deshalb die Bedürftigen, die durch die Berliner Tafel versorgt werden, auf der Strecke? Verarbeitete Lebensmittel kann die Berliner Tafel nicht verteilen, einige Läden sind zu klein, um von den Tafel-Fahrern angesteuert zu werden, andere geben ihre Reste nach einem eigenen System zum Beispiel an Einrichtungen in der Nachbarschaft oder verkaufen sie an Firmen wie Sir Plus.

Dass es inzwischen tatsächlich einen Kampf um Lebensmittelreste gibt, will Sabine Werth, die Leiterin der Berliner Tafel nicht bestätigen: "Das Schlimme bei der Lebensmittelverschwendung ist, dass sie uferlos ist. Und dass wir alle unheimlich viel davon haben können. Und die lebensmitterettenden Menschen, das sind oftmals Privatpersonen, die dann halt kleinere Mengen irgendwo zusammensammeln und das ist toll, denn zu guter Letzt geht es uns allen darum, dass nichts weggeworfen wird. Inzwischen gibt es eben soundso viele Organisationen, die daraus ein Geschäftsmodell gemacht haben und das finde ich auch in Ordnung, solange fairerweise gesagt wird, das ist ein Geschäft."

Essen retten als Berufung

Für die Essensretterin Helen Eckstein ist das Ganze kein Beruf, sondern eine Berufung. Mit den wenigen Resten, die nach der Verteilung der belegten Brötchen, Sandwichs, Obst, Gemüse und eingeschweißter Wurst in Schöneberg noch übrig sind, macht sie sich auf den Weg zu einem "Fairteiler".

Von über einem Dutzend, die es in Berlin inzwischen gibt, befindet sich einer in Moabit. In einem Bauwagen an der Straße stehen zwei mittelgroße Kühlschränke. Jeder kann dort etwas herausholen oder reinlegen:

"Man findet oftmals Lebensmittel, die dort eigentlich nicht abgegeben werden dürfen, das sind belegte Brötchen und Kuchen mit Sahne drin oder sowas wie Tiramisu, also auch kein Joghurt, keine Wurst, keine Fleischprodukte, all sowas, das darf nicht in den Verteiler, weil es ja ein öffentliche Raum ist letzten Endes. Und hier sitzt ja nicht jemand 24 Stunden und kontrolliert das. Wir legen jetzt also die Weintrauben rein, die vorher da waren und hier die Tomaten und noch ein bisschen Brot, das ich von einer anderen Abholung habe. Dann können Menschen, die jetzt hier in der Nähe wohnen, vorbeikommen oder auch neugierig sind und das sehen, sich die Lebensmittel rausholen."

Vereint im Bündnis Lebensmittelrettung

Viele der Lebensmittelretter-Organisationen, kommerzielle genauso wie nicht-kommerzielle, einschließlich der Tafel, haben sich jetzt zu einem Bündnis Lebensmittelrettung zusammengeschlossen.

Ihr Ziel ist eine gesetzliche Regelung wie in Frankreich, die Supermärkten ab einer bestimmten Ladenfläche vorschreibt, übriggebliebene Lebensmittel weiterzugeben. Eine gute Idee, findet Helen Eckstein: "Und das ist ja letzten Endes auch der Sinn von Foodsharing. Bei uns kann jeder mitmachen. Ob nun einer bedürftig ist, was auch immer Bedürftigkeit sein mag, oder jemand, der es vielleicht gar nicht nötig hat – es geht um die Sache. Es geht um den Gedanken, mit ganz wenig kann man ganz viel erreichen."

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