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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.03.2014

Lebensmittel"Weiter an der Glaubwürdigkeit arbeiten"

Verbraucherschützerin Jutta Jaksche fordert einheitliche EU-Standards für Bio-Produkte

Moderation: Christopher Ricke

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Einkauf im Biosupermarkt (picture alliance / dpa / Marc Müller)
Bei Bio soll alles besser werden, wenn es nach der EU-Kommission geht. (picture alliance / dpa / Marc Müller)

Die EU-Kommission stellt ihre neuen Pläne für den Öko-Landbau vor. Jutta Jaksche von der Verbraucherzentrale Bundesverband hält das für dringend notwendig und kritisiert Kommunikationsfehler in den Bundesländern.

Christopher Ricke: Sollte Biomarmelade auf dem Frühstückstisch stehen – in Zukunft wird sie vielleicht noch besser schmecken, denn bei Bio soll alles besser werden. Die EU-Kommission stellt heute ihre neuen Pläne für den Öko-Landbau vor. Da geht es um Regeln für die Herstellung von Bio-Produkten, aber auch um bessere Kontrollen, damit diese Regeln dann auch wirklich eingehalten werden europaweit. Das könnte möglicherweise gerade zur rechten Zeit kommen, denn es gibt ja gerade Berichte, wonach zum Beispiel viele deutsche Öko-Eier gar keine sind.

Dass es da durchaus im Biobereich Schmuh und Schieberei gegeben haben soll. Ich sprach mit Jutta Jaksche, das ist die Referentin Lebensmittel beim Bundesverband der Verbraucherschutzverbände, und ich frug sie, Frau Jaksche, die Eieraffäre, die ich gerade angesprochen habe, die wäre ja auch mit neuen Regeln eine, aber vielleicht wäre sie schneller aufgeklärt. Brauchen wir also tatsächlich einen europaweiten Neustart bei Bio?

Jutta Jaksche: An der Stelle glaube ich, dass wir eben sehen, dass tatsächlich klarere Regeln vonseiten der EU in Abstimmung mit den Bundesländern, also wie eben konkret der Vollzug der EU-Ökoverordnung stattfinden soll. Wenn man dazu jetzt schon ein Stückchen weiter wäre, dann hätten wir vielleicht nicht so lange auf diese Information aus diesen Bundesländern warten müssen. Denn wir haben ja diesen Fall, der sich jetzt hier in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, den hatten wir ja schon vor Jahren in Niedersachsen, wo eben auch es darum ging, dass man mit der Mindeststallbesetzung von den Tieren eben einen Schmuh gemacht hat und damit tatsächlich Betrug am Kunden stattfand.

Ricke: Das ist ja der Bereich Kontrolle, Kommunikation, schnellere Wege, schnelleres Eingreifen. Dazu kommen aber neue Regeln für den Ökolandbau insgesamt. Braucht es die auch?

Jaksche: Auf jeden Fall. Es gibt ja ständig Änderungen. Dieser Sektor, muss man ja inzwischen schon sagen, der hat ja nach wie vor große Wachstumszahlen, und wir sehen zum Beispiel auch, dass sich diese Ware ja auch in der Außer-Haus-Verpflegung, um ein Beispiel mal zu nennen, werden die Waren ja dort auch angeboten, und wir erleben aber, dass es in der EU immer noch keinen einheitlichen Standard gibt für alles, was zum Beispiel in Restaurants und was in Kantinen als "Bio" gegessen und verkauft wird.

EU-Logo als Sparversion?

Ricke: Da ist man ja als Kunde manchmal auch ziemlich ratlos. Da gibt es ganz verschiedene Symbole und Schriftzüge, mal steht "Bio" drauf, mal "nachhaltig", mal heißt es "nachwachsend", mal "organisch", mal "Demeter", mal "Öko", und ich weiß auch nicht, was sonst noch. Wird denn das Leben für mich leichter, wenn sich die Kommission durchsetzt?

Jaksche: Na, es sollte eigentlich schon leicht sein, denn dieses EU-Logo und auch die nationalen Logos, muss man ja sagen, die gibt es ja schon. Wir haben jetzt seit einiger Zeit dieses Blatt, das europäische Logo, Weiß auf Grün, ein Blatt mit einigen Sternen für die Mitgliedsstaaten, und das sagt eben, das ist hier der Standard der Europäischen Union. Und wir haben darüber hinaus eben noch weitergehende Standards von nationalen Verbänden wie Bioland, Demeter und so weiter. Und die dürfen eben neben dem europäischen Logo sein, wenn denn der Standard höher ist als der EU-Standard, dann können wir Verbraucher eben auch sehen, dass es darüber hinaus gehende Ware gibt.

Ricke: Gerade Bioland und Demeter waren, glaube ich, die, die vor 13 Jahren doch recht empört waren, als die erste EU-Bio-Verordnung kam. Da hieß es dann, die sei viel zu lax. Es sei eine Sparversion, nicht richtig öko, das waren solche Vorwürfe. Was erwarten Sie hier?

Jaksche: Es ist ja auch so, dass aus der Sicht der nationalen Bioverbände das eine Sparversion ist, aber wir müssen natürlich mit einer europäischen Regelung eben allen Mitgliedsstaaten gerecht werden, und wenn wir jetzt hier national eben bessere, strengere Standards haben und die Verbraucher die auch nachfragen, dann ist das gut. Aber in anderen Ländern sind die Verbraucher eben dann vielleicht da weniger sensibel und möchten eben auch diesen europäischen Standard kaufen. Übrigens ja auch bei uns, denn das Gros der Produkte wird ja auch nach EU-Standard verkauft.

Ricke: Seitdem es diesen EU-Standard gibt, der etwas niedriger ist, gibt es ja Bioprodukte auch bei den Discountern, nicht nur im Bioladen. Ist das aus Ihrer Sicht ein Erfolg?

Jaksche: Es ist auf jeden Fall insofern ein Erfolg, als dass die Erreichbarkeit für Verbraucher ein ganz, ganz wichtiges Argument ist, um überhaupt sich am Markt ein bisschen differenziert zu verhalten oder ein bisschen verantwortlicher zu verhalten. Also, wenn ich große, große Wege zurücklegen muss und mir den Einkaufsweg ganz kompliziert gestalten muss, dann mache ich viele Dinge als Verbraucher eben nicht, von denen ich sonst aber vielleicht überzeugt bin. Und dazu gehört natürlich auch der Griff zu Ökoprodukten. Diese Auffindbarkeit in den größeren Läden, sag ich jetzt mal, und auch beim Discounter hat eben auch schon viel dazu beigetragen, dass immer mehr Ökoprodukte auch konsumiert werden.

Preisentwicklung als Gefahr

Ricke: Gerade beim Discounter gibt es ja aktuell ein Thema, was mit Bio so gar nichts zu tun hat, das sind die Fleischpreissenkungen. Viele Bauern sagen, wir stehen unter einem solchen Druck, wir können weder tier- noch art- noch kundengerecht produzieren. Ist vielleicht die Bio-Debatte da doch eine Luxusdebatte?

Jaksche: Ich glaube, eher umgekehrt. Der Anspruch der Verbraucher ist ja da, aber sie haben eben auf einem Markt, der ihnen wenig Verlässlichkeit bietet, nach wie vor diese starke Preisorientierung. Und wenn wir sicherstellen können, dass bestimmte Produkte, und deswegen ist das auch für den Biobereich so enorm wichtig, dass er seine Glaubwürdigkeit behält und auch verbessert, dass es eben gar keinen Zweifel daran geben darf, dass das, was ich als Bioprodukt deklariert finde, dass das eben auch einen höheren Standard erfüllt in Bezug auf die Herstellung und Verarbeitung. Und deswegen müssen wir weiter an der Glaubwürdigkeit arbeiten und an den Standards auch im Biobereich, damit die Verbraucher eben nicht frustriert von ihrem Engagement abrücken.

Ricke: Und was machen wir mit den Kunden, die doch auf den Cent achten müssen. Die müssen dann den Dreck fressen?

Jaksche: Na, den Dreck fressen – wir haben ja, Gott sei Dank, eine hohe Lebensmittelsicherheit, aber das, was Sie jetzt beschrieben haben, war ja der Preis, der Preis von Fleischprodukten. Es kann halt auch nicht angehen, dass wir auf der einen Seite die, sag ich jetzt mal, die knappen Kassen der Menschen als Argument ausnutzen, um zu sagen, dass die Herstellungsbedingungen für Tiere, Umwelt und auch Menschen ja sehr häufig, dass die immer schlechter werden dürfen. Also dieses, wie man so sagt, race to the bottom, immer schlimmer, die Standards immer schlechter, weil die Armut ein verbreitetes Phänomen ist – das ist auch der falsche Weg.

Ricke: Jutta Jaksche, die Referentin Lebensmittel beim Bundesverband der Verbraucherschutzverbände. Danke Ihnen, Frau Jaksche!

Jaksche: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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