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Studio 9 | Beitrag vom 05.06.2019

Lebensmittel in TschechienEin Gesetz gegen das Wegwerfen

Von Marianne Allweiss

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Das Bild zeigt ein Logistikzentrum im tschechischen Modletice: Von solchen Knotenpunkten aus werden die gespendeten Lebensmittel an Hilfsorganisationen weiter verteilt. (dpa / picture alliance / Michael Heitmann)
Logistikzentrum in Modletice: Von solchen Knotenpunkten aus werden die gespendeten Lebensmittel an Hilfsorganisationen weiter verteilt. (dpa / picture alliance / Michael Heitmann)

Per Gesetz sind in Tschechien Discounter verpflichtet, Lebensmittel, die das Haltbarkeitsdatum überschritten haben, an Hilfsorganisationen zu spenden. In sogenannten Lebensmittelbanken werden die Waren gesammelt und an Bedürfige verteilt.

Miriam Schumanova packt Lebensmittel in ihr altes Auto.

"Wir haben hier verschiedene Sachen bekommen, Kartoffeln, Kakao für die Kinder, Gemüse. Ohne das wäre es schwierig."

Wegen eines behinderten Kindes ist Miriam Schumanova auf die Lebensmittelbank angewiesen. Das tschechische Pendant zu den deutschen Tafeln. Auch Katerina Vanousova fährt regelmäßig zu einem der Abgabezentren.

Fast eine Million Tschechen unter der Armutsgrenze

"Ich kann Fleischkonserven, Gulasch und anderes mitnehmen. So spare ich Geld. Das lege ich dann in einen Umschlag bei der Leiterin meines Wohnheims, um meine alten Schulden zu bezahlen."

Vanousova lebt in einer Einrichtung für Mütter in Not. Aber auch ältere Menschen leiden unter den steigenden Lebenshaltungskosten. Zwar boomt die Wirtschaft, aber fast eine Million Tschechen leben unter der Armutsgrenze.

Sie erhalten die Lebensmittel, die abgelaufen, aber noch gut oder nur leicht beschädigt sind über Hilfsorganisationen, Suppenküchen oder Obdachloseneinrichtungen, erklärt Vera Dousova, die Leiterin der Prager Lebensmittelbank.

"Täglich kommen Lastwagen mit Lebensmitteln zu uns und wiederum andere liefern sie an die Bedürftigen. Bei uns im Logistikzentrum herrscht reges Treiben von frühmorgens bis spätabends."

Vier mal mehr Lebensmittel als im Vorjahr

Seit Anfang 2018 ist das Gesetz in Kraft, das große Supermärkte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern verpflichtet, Waren kostenlos zu spenden. Darunter sind nun auch leicht verderbliche Produkte wie Milch, Brot oder Wurst. Und vor allem ist es deutlich mehr geworden, bilanziert Veronika Lachova vom tschechischen Dachverband der Lebensmittelbanken.

"Wir haben die Statistik für das erste Quartal 2019 - und da konnten wir vier Mal mehr Lebensmittel registrieren als im Vorjahr."

Schon im ersten Jahr hatten sich die Spenden verdoppelt. Und immer noch kommen neue Supermärkte dazu, heißt es in Prag. Discounter wie die britische Handelskette Tesco weisen allerdings darauf hin, dass sie früher schon alle ihre übriggebliebenen Lebensmittel abgegeben hätten. Allein die Bürokratie habe zugenommen. Der tschechische Zweig von Lidl sieht das ähnlich:

"Es ist auch organisatorisch sehr anspruchsvoll", so Lidl-Sprecherin Zuzana Hola. "Wir bieten die Lebensmittel nicht in unseren Geschäften, sondern in den Logistikzentren an, wohin wir sie auf eigene Kosten liefern."

"Eigentum verpflichtet" steht in der Grundrechtecharta

Discountern, die gegen das Gesetz verstoßen und trotzdem Waren wegschmeißen, drohen Geldstrafen von bis zu umgerechnet 390.000 Euro. Eine Frechheit und ein Rückfall in die Enteignungspraxis im Kommunismus, hatten 25 Senatoren argumentiert.

Ihre Klage hat das Verfassungsgericht Tschechiens Anfang des Jahres jedoch abgewiesen. Die Neuregelung sei Teil des weltweiten Bemühens gegen Lebensmittelverschwendung und Müllvermeidung. Sie sichere die Versorgung der sozial Schwachen. Außerdem zitierten die Richter die tschechische Grundrechtecharta. In der heißt es: Eigentum verpflichtet.

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