Seit 23:05 Uhr Fazit

Donnerstag, 01.10.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.09.2006

Lebensgefahr am Radio

Abhören von "Feindsendern" wurde im Dritten Reich mit dem Tod bestraft

Von Georg Gruber

Joseph Goebbels missbrauchte den Rundfunk für seine Nazi-Propaganda. (AP Archiv)
Joseph Goebbels missbrauchte den Rundfunk für seine Nazi-Propaganda. (AP Archiv)

Ein Sprachrohr der NS-Propaganda war der Rundfunk im Dritten Reich. Um Nachrichten von außen zu bekommen, mussten die Menschen ausländische Sender wie BBC hören. Doch wer beim Abhören der "Feindsender" erwischt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen. Vor 65 Jahren wurde das erste Todesurteil bekannt gegeben.

"Hier ist der Londoner Rundfunk. Wir bringen Ihnen jetzt aus Amerika eine Sonderbotschaft an das deutsche Volk von Thomas Mann."

März 1941. Aus dem Exil wendet sich Thomas Mann an seine Landsleute.

"Solange Hitler und sein Brandstifterregime bestehen, werdet ihr keinen Frieden haben, unter keinen Umständen."

Wer in Deutschland sein Radio auf die Frequenz der BBC oder anderer Auslandssender einstellte, begab sich in Gefahr. Am 1. September 1939, am selben Tag, an dem die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte, war auch ein generelles Abhörverbot ausländischer Sender erlassen worden. Die "Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen":

"Jedes Wort, das der Gegner herübersendet, ist selbstverständlich verlogen und dazu bestimmt, dem deutschen Volk Schaden zuzufügen."

In der Verordnung vom September 1939 werden drakonische Strafen angedroht: Gefängnis, Zuchthaus, Todesstrafe. Der Historiker Michael Hensle kommt in einer Studie allerdings zu dem Ergebnis, dass die Todesstrafe seltener verhängt wurde, als allgemein angenommen. Dass Schwarzhören zwangsläufig den Kopf kostete, nennt er eine "Legende", die er nicht nur auf die Abschreckungspropaganda der Nationalsozialisten zurückführt:

"In einem schuldhaft verstrickten Volk konnte, nachdem das nationalsozialistische Regime allein durch die militärische Gewalt der Alliierten beseitigt worden war, darauf verwiesen werden, wie gefährlich bereits das Abhören ausländischer Sender war."

Die Initiative für das Abhörverbot ging von Propagandaminister Joseph Goebbels aus. Die Direktive, die selbst für hochrangige Partei- und Regierungsmitglieder galt, war allerdings umstritten. Bedenken hatte etwa der Reichsjustizminister Franz Gürtner. Die Verordnung könne,

"als ein Beweis für mangelndes Vertrauen zwischen der Regierung und dem deutschen Volk und als ein Zeichen mangelnder Zuversicht in die eigene gute Sache aufgefasst werden."

Schon im Herbst 1939 kommt es zu ersten Prozessen: Im November müssen drei Männer vier- bis neunmonatige Gefängnisstrafen antreten. 1940 werden bereits 830 Urteile verhängt. Besonders Joseph Goebbels fordert immer wieder härtere Strafen, zur Abschreckung.

"Wenn einer glaubt, er hat Ohren zu hören, dann ist er ein Volksschädling, und ein doppelter und dreifacher Volksschädling, wenn er glaubt er hat Ohren, um zu sehen und einen Mund um zu sprechen. Der ideale Volksgenosse ist taub, blind und stumm. Auf Wiederhören."

"Frau Wernicke" - eine satirische Sendung der BBC im März 1941. Am 17. September 1941 verzeichnet eine Chronik ein erstes Todesurteil für das unerlaubte Abhören von Feindsendern, als Strafe für einen Mann, der seiner Frau den Inhalt einer ausländischen Radiosendung erzählt hatte.Kurz darauf wird im "Völkischen Beobachter" ein weiteres Todesurteil bekannt gegeben:

Der Angeklagte, ein Brandmeister der Nürnberger Feuerschutzpolizei, hatte deutschsprachige Programme des französischen "Radio Straßburg" und des "Österreichischen Freiheitssenders Paris" gehört. Er schrieb anonyme Schmähschriften gegen führende NS-Persönlichkeiten und übernahm seine Texte zum Teil wörtlich aus den abgehörten Rundfunksendungen. Verurteilt wurde er nach Paragraf 2 der Rundfunkverordnung:

Wegen bewussten und zweckgewollten Volksverrats

"Friede mit dem deutschen Volk? Jawohl
Friede mit Hitler? Niemals
Friede mit irgendeinem Vertreter des Hitler-Regimes? Niemals"

In einer Liste des Reichsministers der Justiz sind allein für das Jahr 1943 elf Todesstrafen wegen Rundfunkverbrechen aufgeführt. Wie viele es insgesamt waren, lässt sich nicht exakt ermitteln.

"Hier ist England, hier ist England, hier ist England. Zunächst die Nachrichten in Schlagzeilen."

Die Menschen in Deutschland und an der Front, die während des Zweiten Weltkrieges versuchten, Informationen zu erhalten, die nicht von der NS-Propaganda eingefärbt waren, wussten, dass sie etwas Verbotenes und Gefährliches taten. Aber allen Strafandrohungen zum Trotz sollen 1944 10 bis 15 Millionen Deutsche täglich das Programm der BBC gehört haben.

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur