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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.12.2017

Leben zwischen Christentum und Zen"Der Weg ist in dir"

Moderation: Anne Françoise Weber

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Meditation vor beeindruckender Naturkulisse (Unsplash.com/Rares Peicu)
Meditation vor beeindruckender Naturkulisse (Unsplash.com/Rares Peicu)

Der Jesuit Niklaus Brantschen und die evangelische Pfarrerin Doris Zölls sind beide Zenmeister. Im Gespräch erzählen sie davon, wie sie östliche Weisheit und christlichen Glauben zusammenbringen und was ihnen an Weihnachten wichtig ist.

Niklaus Brantschen wurde in den 70er-Jahren von seinem Jesuiten-Orden nach Japan geschickt, zu Pater Hugo Lassalle, der bereits als Brückenbauer zwischen Christentum und Zen bekannt war. Brantschen lernte bei dem Zenmeister Yamada Rôshi und musste erst herausfinden, wie er dessen Ansatz mit seinem christlichen Glauben vereinbaren konnte:

"Es gab eine Zeit in Japan, wo ich nicht beten konnte. Nach einer intensiven Zenwoche war alles weg. Und dann traf ich meinen Mentor, Pater Lassalle, und sagte: ‚Hugo, ich kann nicht mehr beten.‘ Und dann sagte er: ‚Genau, so ist es. Wenn man sich Gott vorstellt, geht es nicht, und wenn man ihn sich nicht vorstellt, geht es auch nicht. Aber bete ruhig weiter, das kommt schon wieder.‘"

Der Jesuit Niklaus Brantschen (Martin Friedli)Der Jesuit Niklaus Brantschen (Martin Friedli)

Die evangelische Pfarrerin Doris Zölls kam nicht in Japan, sondern durch ihr übervolles Leben in Deutschland zum Zen:

"Meine Kinder schliefen nicht und ich war etwas überfordert und sehnte mich nach Stille. Und dann sagte mein Mann: ‚Geh doch mal in so ein Kloster, in einen Meditationskurs, da brauchst Du Dich mit nichts auseinandersetzen, Du kannst einfach in Stille dasitzen.‘ Und ich wusste nicht, worauf ich mich da einließ. Und dann saß ich da und dann kam an die Wand mein ganzes Leben. Und alles was ich so unter den Teppich gekehrt habe, und meine Falschheit, und das war so erschütternd, dass ich das ganze Wochenende nur weinte. Und dann ging ich nach Hause und sagte: ‚Das mach ich nie wieder.‘"

Die evangelische Pfarrerin Doris Zölls vor Wald und Wiese (Privat)Die evangelische Pfarrerin Doris Zölls (Privat)

Sie machte dann doch noch mit ihrem Mann zusammen einen zweiten Meditationskurs – und hatte dort eine tiefe spirituelle Erfahrung. Ein wichtiger Mentor war für sie der Benediktiner Willigis Jäger, Begründer des Benediktus-Hofes, in dem sie heute als spirituelle Leiterin tätig ist.

Wichtig für beide: Naturverbundenheit

Für die beiden Zenmeister ist die Natur sehr wichtig. Niklaus Brantschen, der lange Zeit Direktor des Lassalle-Hauses in der Schweiz war, erklärt: "Ich habe in den Bergen gelernt zu atmen." Und Doris Zölls betont: "Die Natur lenkt nicht ab."

Niklaus Brantschen versichert, man könne Christ und Buddhist zugleich sein – aber nicht beides zur Hälfte, sondern beides ganz und gar. Und für Doris Zölls gilt die Erkenntnis der Welt, die man im Zen findet, überall:

"Ganz schön fand ich es, wie Dalai Lama es ausgedrückt hat bei der Ethik. Er sagte: ‚Ethik ist Wasser, und Wasser braucht jeder Mensch. Und die Religion ist der Tee, das ist der Geschmack, den man zufügen kann.‘ Und ich glaube, dass die Religion einfach eine kulturelle Ausprägung ist der ganz, ganz tiefen anthropologischen Erfahrungen."

Deswegen findet auch Niklaus Brantschen: "Es gibt wichtigeres als Religion… Der Weg ist in dir, du kannst gar nicht davon getrennt werden." Im Zen gehe es um Spiritualität und um Staunen. "Nicht wissen was kommt, sondern zu schauen, was kommt", heißt das für Doris Zölls, und:

"Die Übung des Zen ist, die Aufmerksamkeit zu schulen – und das Gewahrsein zu schulen. Und gleichzeitig muss das zusammengehen. Wie bei einer Katze, die auf ein Mausloch schaut, und wenn Sie genau hinschauen dreht sie die Ohren ständig rum, die kriegt genau mit, was rundrum ist. Und das ist eigentlich unsere Haltung. Gewahrsein und Aufmerksamkeit. Und dadurch entsteht die Achtsamkeit, wenn das stabil ist."

Weihnachten entspannt angehen

Für die Feiertage raten die beiden, die Erwartungen nicht zu hoch zu setzen und die Mitmenschen mit ihrem Lebensentwurf zu akzeptieren, anstatt sie verbiegen zu wollen. Auch beim Kochen eines Festmahls lässt sich nach der Erfahrung von Doris Zölls Zen praktizieren. Es gehe einfach darum, bei der Sache zu sein:

"In dem Moment, wo ich etwas tue, denke ich nicht daran, dass ich eigentlich das andere auch noch tun müsste und das auch noch… Die Übung ist, dass man kocht, und jemand fragt etwas, dann antwortet man nur. In dem Moment, wo man nicht sagt: ‚Ach, jetzt fragt mich der schon wieder, jetzt komm ich aus dem Kochen raus‘ wird das nicht zum Stress, sondern dann antworte ich und dann gehe ich weiter."

Für die bisweilen angespannte Stimmung an den Feiertagen, wenn eine Großfamilie auf engem Raum zusammen sitzt, empfiehlt Niklaus Brantschen:

"Das ist mein Rezept für solche stressanfälligen Situationen, wo die Arbeit wegfällt, die Müdigkeit da ist und man nicht weiß, was tun jetzt: Raus! Einen Spaziergang machen, eine Schneeballschlacht, wenn es Schnee hat. Und nicht einfach in den vier Wänden sitzen und sich von Weihnachtsliedern berieseln lassen, sondern etwas unternehmen, ein Spiel versuchen, ins Freie gehen – das muss nicht großer Sport sein, sondern frische Luft."

Literatur:

Niklaus Brantschen: "Zwischen den Welten daheim. Brückenbauer zwischen Zen und Christentum", Patmos-Verlag 2017, 172 Seiten, 22 Euro

Doris Zölls: "Jederzeit erwachen. Zen mitten im Alltag", Kösel-Verlag 2012, 174 Seiten, 17,99 Euro

Doris Zölls, Christof Zirkelbach, Barbara Proske: "Wie Zen schmeckt. Die Kunst des achtsamen Genießens", Kösel-Verlag, Neuauflage 2017, 176 Seiten, 20 Euro.

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