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Religionen / Archiv | Beitrag vom 07.03.2009

Leben wie zu Calvins Zeiten

Im niederländischen Urk gehen alle zur Kirche, und die Frauen schweigen in der Gemeinde

Von Michael Hollenbach

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Gottesdienst in der Dresdener Frauenkirche - im niederländischen Urk sind die Kirchen ähnlich voll. (AP)
Gottesdienst in der Dresdener Frauenkirche - im niederländischen Urk sind die Kirchen ähnlich voll. (AP)

Urk - so heißt ein kleines niederländisches Städtchen im sogenannten Bible Belt. Hier ist der fromme Calvinismus noch so lebendig wie zu Lebzeiten seines Begründers, dessen 500. Geburtstag im Sommer ansteht.

"Wenn der Platz noch keinen Namen tragen würde, dann Calvin-Platz: Es gibt hier ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Kirchen und alle von reformierten, calvinistischen Schnitt, aber doch nicht dieselbe Gemeinde. Hier hinter uns sehen wir die Oud reformierte Gemeine, dahinter die reformierte Kerk, die reformierte Kerk en Nederlands, die christlich-reformierte Kerk und dort in der Ecke noch die Nederlands reformierte Kerk und hier die reformierte Gemeinde, sechs verschiedene Richtungen, aber alle calvinistisch."

Meinhard Hoefnagel dreht sich einmal um seine eigene Achse und blickt ringsum nur auf Gotteshäuser - alles calvinistische, denn in Urk, jener Kleinstadt am Ijsselmeer, gibt es nur Calvinisten. Da sich die Reformierten untereinander so oft spalten, braucht man eigentlich gar keine anderen Konfessionen und Religionen.


"Es gibt viele Spaltungen der reformierten Kirche, auch in Urk, das ist typisch für den Calvinismus, dass nicht von oben aus regiert wurde, nur von unten aus: Der Kirchenrat ist eigentlich die Kirche."

Sagt Jan Hoefnagel, pensionierter Lehrer und im Kirchenrat der Christlich-Reformierter Kirche. Die hat sich 1892 abgespalten, weil die alte reformierte Kirche den Hardlinern zu liberal wurde.

"Wir sind getauft als Kind, und wir haben die Verheißung von Gott bekommen, dass wir in Gottes Name getauft sind, aber dennoch brauchen wir eine Bekehrung, eine persönliche Relation mit Gott, nicht nur eine technische, und das ist der Unterschied zur reformierten Kirche. Sie glauben mehr automatisch an die Taufe und wenn man zur Kirche geht, das ist genug; aber in der christlich-reformierten geht man ein bisschen weiter. Das ist eigentlich der Calvinismus, dass man auch persönlich im Glauben stehen soll."

Persönlich im Glauben stehen, das bedeutet für die Calvinisten von Urk auch Mildtätigkeit: Nirgendwo in Westeuropa wird pro Kopf gerechnet großzügiger gespendet als in Urk.

"Ich denke, es hängt auch damit zusammen, dass jeder Calvinist in der Kirche auch ein Theologe ist oder zumindest denkt, dass er ein Theologe ist."

Hermann Selderhuis ist evangelischer Theologieprofessor in Appeldorn und bekennender Calvinist.

"Die haben ja alle christliche Grundschule gehabt, dann mindestens sechs Jahre Katechismusunterricht, und dann jeden Sonntag zwei Gottesdienste, und da ist was reingehauen in die Köpfe, und manche meinen, das soll auch wieder raus, und da haben wir die Diskussionen für."

Auch in Urk sind fast alle der knapp 18.000 Einwohner kleine Theologen, bestätigt Meinhard Hoefnagel, eines der sechs Kinder von Jan Hoefnagel.

"Es gibt 20 Kirchen, fast alle Bewohner von Urk sind auch Mitglieder einer dieser Kirchen, das sieht man auch an den Gewohnheiten: Jeder geht zur Kirche. Auch in der Politik kann man das merken, es gibt nur christliche Parteien."

Urk hat einen Ruf zu verteidigen: die Küstenkommune gilt als die konservativste der ganzen Niederlande. Und sie hat weitere Superlative zu bieten: mit 3,23 Kindern pro Frau hat der Ort die höchste Geburtenrate in den Niederlanden. Auch ohne Migranten wächst die Bevölkerung konstant - um jährlich 1,5 Prozent. Und Urk verfügt - bezogen auf die Einwohnerzahl - über die meisten Chöre, natürlich alles Kirchenchöre.

Hermann Selderhuis: "Im reformierten Calvinismus kann man sagen, dass 90 Prozent der Mitglieder auch im Gottesdienst sind, und in vielen Gemeinden sind es 99 Prozent."

Jan Hoefnagel: "Am Sonntag um neun Uhr fangen alle Glocken an zu klingen, und um zehn Uhr sind wir alle in der Kirche."

Hermann Selderhuis: "Das ist auch die große Überraschung von deutschen Gästen: Was ist denn hier los? 1000 Leute morgens und die gleichen 1000 Leute sitzen abends wieder da. Wie macht ihr das? Ja, ist halt so."

Meinhard Hoefnagel: "Urk war früher eine Insel in der Mitte der Zuidersee, es war eine Fischereigemeinschaft und ist noch immer, fast alle waren früher Fischer, jetzt nicht mehr, aber die Fischerei ist noch immer geblieben. Neben der Fischerei spielt auch der Glaube eine wichtige Rolle, und zwar der Glaube der Reformation des Calvinismus, davon ist Urk geprägt worden."

Katholiken gibt es in Urk nicht. Obwohl man schon toleranter geworden sei.

Hermann Selderhuis: "Es ist nicht mehr so, dass am Sonntag im Gottesdienst hört: Der Papst ist der Antichrist, und die Messe ist Abgötterei, das ist nicht mehr so ein Thema."

Die Katholiken standen jahrhundertelang unter dem Generalverdacht, dass sie eher dem Papst als dem niederländischen Königshaus folgen würden.

"Sind das eigentlich wirkliche Niederländer? Sind die loyal? Das hat eine Rolle gespielt. Man heiratet mit jemanden von der eigenen Kirche, und nicht nur mit einem Protestanten, sondern bestimmt von der Richtung, der du zugehörst, und ein Katholik, das ist fast Glaubensabfall. Also, man kann mit einem Katholiken Bier trinken gehen, aber zwei Glauben auf einem Kissen, da schläft der Teufel zwischen."

Nicht bei den Hoefnagels, sondern in fast allen Familien in Urk wird dreimal täglich aus der Bibel vorgelesen und gebetet. Und schon mit vier Jahren kommen die Kinder in die Sonntagsschule, bis sie zwölf sind.

Meinhard Hoefnagel: "Dann hört die Sonntagsschule auf und man fängt an mit dem kirchlichen Unterricht."

Jan Hoefnagel: "Das dauert sechs bis acht Jahre, und dann macht man die Konfirmation."

Meinhard Hoefnagel: "Bis man sich selber entscheidet zum Glauben. Man muss sich erst entscheiden, ist Jesus Christus auch für mich."

Doch die Kinder werden nicht nur sonntags in Glaubensfragen unterrichtet, sondern auch wochentags in der Schule. In ganz Urk gibt es keine staatliche Schule, nur kirchliche, nur protestantische. Wim van Hent ist Lehrer an der christlich-reformierten Schule. Der Unterricht erfolgt auf Grundlage der Bibel. Sein Credo:

"Dass wir vor allem versuchen, die Bibel gut und richtig zu lesen, dass alles, was in Gottes Wort gesagt wird, (. . .) hat seine Wirkungen im täglichen Leben, und zum Beispiel Bibelunterricht ist wichtig bei uns und in allen Bereichen, Erdkunde, Gesellschaftslehre, auf welche Weise sagt uns Gottes Wort, wie wir uns benehmen sollen."

Kein Wunder, dass er von der Evolutionslehre nicht allzu viel hält.

"Viele Bücher werden geschrieben aus der Sicht der Evolution, und wir sagen: Nein, Gottes Wort sagt, Gott ist der Schöpfer, und er hat alles auf Erden gemacht, und auf diese Weise untersuchen wir, auf welche Weise sagt die Bibel uns, was die Wahrheit ist."

Die biblische Schöpfungslehre wird nicht nur im Fach Religion gelehrt, sondern ebenfalls in Erdkunde und Biologe. Viele Familien in Urk haben keinen Fernseher zu Hause, wie auch Jan Hoefnagel. Allerdings:

"Wir sind nicht weltfremd, wir haben keine Television, aber Computer, und dann können wir das Fernsehen aufrufen."

TV per Internet - aber nur die calvinistischen Programme. Dass Urk sehr konservativ ist, sieht man, wenn man einen Blick auf die Straßen wirft:

"Zum Beispiel wenn du nach außen siehst, dann sieht man viele Mädchen mit Röcken noch. Das hat Calvin auch geschrieben, dass man sich nicht wie Soldaten kleiden soll. Die Moral von Calvin ist von früher, die behalten wir."

Und Pastor Westering von der christlich-reformierten Gemeinde kann sich Frauen im Pfarramt so wenig vorstellen wie der Papst:

"Das Neue Testament in der Bibel, die Briefe vom Apostel Paulus, die sagen, dass die Frauen in der Gemeinde, sie haben nicht die Leitung, aber sie haben zu folgen und zu dienen."

"Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie etwas lernen, so lasset sie daheim ihre Männer fragen. Es steht den Weibern übel an, in der Gemeinde zu reden."

"Vom Ursprung, dass Bibel auch sagt, dass Frauen in der Gemeinde schweigen sollen, und sie müssen zu Hause ihre Männer fragen, das ist ein biblisches Gesetz, und die Jünger von Jesus waren doch alle Männer".

Sagt zumindest Jan Hoefnagel.

Wenn man am Wochenende den frommen Flecken am Ijsselmeer besucht, dann merkt man sofort, dass die Uhr hier anders tickt. Hermann Selderhuis:

"Wir haben zwei Tankstellen, die sind zu, Geschäfte sind alle zu. Ein Außenseiter würde sagen: Da ist alles ganz tot hier, und da spazieren die Leute am Sonntag zwischen den Gottesdiensten am Deich, das ist noch richtig Sonntag. Am Samstag um 12 wird die Tankstelle zugemacht, dann fängt der Sonntag an."

Sonntag Morgen in Urk: Völkerwanderung ab halb zehn. Bis auf die Kleinkinder und die ganz Alten befinden sich rund 15.000 auf dem Weg zum Gotteshaus und lauschen dort der Predigt, die meist eine dreiviertel Stunde dauert. Außerhalb der Kirchenmauern sind zwischen zehn und halb zwölf höchstens einige Touristen unterwegs.

"Was den Sonntag betrifft, das wird hier eingehalten, die Sonntagsheiligung, und früher war damit auch gemeint, dass man am Sonntag nicht fahren durfte. Das hat man auch am Anfang des Ortes, da stand ein Schild, da stand drauf, dass die Touristen lieber nicht mit Autos nach Urk kommen sollten."

Aber selbst in Urk ändern sich die Zeiten. Das Schild ist verschwunden, und zwischen den Gottesdiensten sieht man sogar einige Einheimische, die mit dem Auto unterwegs sind.

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