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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 06.04.2016

Leben in Puntland und SomalilandEuropavirus und kleine Hoffungsschimmer

Von Arndt Peltner

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Marktstände in Hargeisa - der Hauptstadt von Somaliland.  (picture alliance / dpa / Peter Smolka)
Marktstände in Hargeisa - der Hauptstadt von Somaliland. (picture alliance / dpa / Peter Smolka)

Anders als im Rest Somalias ist es in den Gebieten Puntland und Somaliland seit Jahren überwiegend friedlich. Und doch zieht es auch von dort große Teile der jungen Bevölkerung ins Ausland, weil es ihnen an Jobs fehlt. Andere dagegen sehen ihre Zukunft in Somalia optimistisch.

Harasheikh, ein Dorf im Osten der unabhängigen Republik Somaliland. Eine Sandstraße führt von der Großstadt Burao dorthin, drei Stunden im Jeep vorbei an Kamel- und Ziegenherden, Nomadenansiedlungen und der schier endlosen Steppe.

Am Rande von Hargeisa liegt ein Ausbildungszentrum, in dem Elektriker und Techniker geschult werden, die hier mit dem Wasserministerium von Somaliland ein Projekt zur Entwicklung ländlicher Gegenden verfolgt. Denn Handwerker fehlen in der Region am Horn von Afrika, aber auch Wasser und Strom. Deswegen soll eine Solar betriebene Wasserpumpe neben sauberem Wasser auch Strom für kleine Dörfer liefern. Der Strom wird an die Bewohner verkauft. Mit dem Erlös kann der zuvor ausgebildete Techniker finanziert werden, der die Pumpe wartet. Ein kleiner Kreislauf mit weitreichenden Folgen.

Ruun ist 65 Jahre alt. Sie wurde in Harasheikh geboren, erlebte den Krieg und die Dürre. Das Wasserprojekt werde im Dorf gut angenommen, meint sie. Im nächsten Satz dann: Aber es sei zu wenig, um "Tahreeb", wie hier die gefährliche Reise nach Europa genannt wird, zu stoppen. 15 junge Männer aus der kleinen Gemeinde haben sich dieses Jahr schon auf den Weg gemacht, darunter ihr Sohn.

"Jede Familie ist davon betroffen – noch einmal mehr, wenn sie unterwegs im Sudan und Libyen von Banden aufgegriffen werden, die Lösegeld verlangen."

Eltern müssen dann ihr Haus und ihr Vieh verkaufen oder sich von Nachbarn, Freunden und Verwandten Geld leihen, damit der Sohn frei kommt und seine Reise nach Europa fortsetzen kann. Lösegelder werden in der Höhe von 10.000 Dollar und mehr gezahlt.

Ruun sitzt in ihrer kahlen Hütte auf dem Boden. Sie erzählt von dem harten Leben in dieser kargen Gegend, von den täglichen Herausforderungen und davon, dass sie nie woanders gelebt hat. Sie sagt, sie versteht die Entscheidung ihres Sohnes und der anderen jungen Leute.

"Es gibt hier keine Arbeit, keine Möglichkeiten. Und Somaliland wird international nicht anerkannt, das behindert die Entwicklungsmöglichkeiten, das Wachstum unseres Landes."

Viele junge Männer wollen weg

Im Nachbardorf Xaaxi sitzt eine Gruppe junger Männer und Jugendlicher unter einem Baum in einem Kreis auf dem Boden zusammen. Sie alle wollen weg. Ihr Ziel: Deutschland. Weder die Gefahr unterwegs, die Sorgen der Eltern, noch die ungewisse Zukunft werden sie aufhalten.

"Ich werde ankommen", meint der 18-jährige Abdul. "Inschallah", so Gott will. Die Einwände, dass niemand in Europa auf sie warte und sie dort auch nicht arbeiten dürften, werden mit einem Lachen übergangen. Sie hätten "Freunde", die es geschafft haben. Die posteten auf Facebook Bilder von ihrem neuen Leben. Sie hätten schon neue Autos, ihnen ginge es gut. "Glaubt nicht alles, was ihr auf Facebook seht". Die Antwort kommt schnell. "Wer bist Du, ich kenne Dich nicht. Aber ich kenne meine Freunde auf Facebook".

Eine Grundschule in einem Flüchtlingslager außerhalb der 500.000-Einwohner-Stadt Burao, das Camp ist zu einem eigenen Stadtteil der Metropole geworden. Die Kinder lernen die Nationalhymne Somalilands, einige sind lautstark dabei, wiederholen das, was an der Tafel steht aus vollem Hals.

Man spürt hier den Elan und die Wissbegierde der Kinder. Sie wollen hier sein und lernen. Das ist nicht selbstverständlich. Im gesamten Bereich von Somalia gehen nur 42 Prozent der Kinder zur Schule. Der Krieg, die Dürre, Flucht und Vertreibung haben die Prioritäten am Horn von Afrika verschoben. Somalia hat weltweit mit die geringsten Einschulungszahlen. Etwa 4,4 Millionen Kinder sehen in Somaliland kein Klassenzimmer von innen.

Roda lebt seit über 15 Jahren in diesem Lager. Ihr Mann ist im Sicherheitsdienst des Camps angestellt, sie arbeitet seit nunmehr neun Jahren in der Schule mit.

"Als der Krieg 1988 ausbrach, floh ich in eine Region nahe der Grenze auf äthiopischer Seite. Dort gab es ein Flüchtlingslager, den Leuten wurde geholfen. Ich war noch jung und traf dort meinen heutigen Mann. Als das Camp nicht mehr unterstützt wurde, wussten wir erst einmal nicht, wohin wir gehen sollten. Eine Organisation half somalischen Rückkehrern. Als wir dann nach Somaliland kamen, wurde uns dieses Gebiet zugewiesen. Seitdem sind wir hier und bleiben hier."

Flüchtlingslager als Dauereinrichtung

Das Flüchtlingslager ist zu einer Dauereinrichtung für die Menschen hier geworden und hat sich zu einer kleinen Stadt entwickelt. Straßenbeleuchtung, Moscheen, kleine Läden, Mobiltelefonmasten. Die sind wichtig. Denn Somaliland hat kein eigenes Bankensystem. Alles wird per Handy bezahlt, der Tee an der Ecke, die Fahrkarte im Bus: Eine SMS wird an die Nummer des Verkäufers, Ladens, Anbieters geschickt und sofort abgerechnet. Aus der Not hat sich inzwischen ein eigenes Bezahlsystem entwickelt. Deshalb gibt es in Somaliland fast überall ein 4G Mobilfunknetz.

Und die Grundschule. Nach dem Abschluss müssen die Kinder ins etwa 15 Kilometer entfernte Burao, so auch die Kinder von Roda:

"Unsere vier Kinder sind nun auf Schulen in Burao, sie laufen jeden Tag dorthin und zurück. Den Bus können wir uns nicht leisten, es ist einfach zu teuer für vier Kinder."

70 Prozent der somalischen Bevölkerung ist zwischen 16 und 24 Jahren alt. Der Großteil von ihnen hat keine Schulbildung, keine Ausbildung, ist arbeitslos. Viele von ihnen sind offen für Piraterie und radikale islamistische Gruppen. Andere wollen ihr Glück im fernen Europa finden. "Tahreeb" hört man überall auf dieser Reise. Und auch Roda kennt  "Tahreeb". Es sei wie eine Epidemie, niemand sei dagegen immun.

"Bei meinem ältesten Sohn spüre ich, dass er weg will. Ich versuche ihn zu halten, ihm seine Wünsche, so weit es möglich ist zu erfüllen, einfach, damit er zufrieden ist. Aber manchmal sagt er, dass er nicht länger seine Mutter um etwas bitten will. Sein Herz hat sich abgewendet, er schaut in eine andere Richtung. Ich tue mein bestes, ihn zu halten. Es ist wie ein Virus der Jugend. Ich bete täglich, dass er bleibt. Sage ihm, dass er hier ein Leben aufbauen kann, so wie sie und ihr Mann. 'Tahreeb' betrifft uns alle."

Puntland, direkt am Horn von Afrika gelegen, ist eine semi-autonome Region Somalias, zwar mit eigener Regierung. Doch anders als in Somaliland sieht sich die Bevölkerung langfristig als Teil eines geeinten Somalias.

Puntland ist aber auch Heimat der meisten Piraten, die seit ein paar Jahren den Golf von Aden unsicher machen. Auch auf dem Land sind Entführungen und anschließende Lösegelderpressungen keine Seltenheit. Deshalb verlangt die puntländische Regierung von westlichen Besuchern, nur mit Polizeischutz zu reisen.

"Ich bin Mohammed Diri, der Leiter des handwerklichen Ausbildungscenters in Garowe, Puntland. Wir bilden arbeitslose Jugendliche aus, als Elektriker, Automechaniker, Schreiner, Maurer, Fliesenleger und auch am Computer."

Hauptproblem ist die Jugendarbeitslosigkeit

Das "Vocational Training Center" wird von gleich mehreren Hilfsorganisationen unterstützt, darunter Care, Save the Children, Unicef, die alle auf einer Wand aufgelistet sind. In verschiedenen Flachbauten wird gehämmert und gesägt, geschraubt und genäht:

Vor einem Klassenzimmer steht ein Dozent mit einer Gruppe von jungen Männern vor Solarpanels. Daneben eine Batterie, Kabel, Schraubenzieher. Mohammed Diri führt durch die verschiedenen Ausbildungshallen.

"Wir bilden hier aus, weil eines der Hauptprobleme in Somalia und Puntland die Jugendarbeitslosigkeit ist. Tausende von jungen Leuten sind schon nach Europa, Amerika und in andere Länder emigriert. Sie machen sich auf den Weg durch die Wüste nach Libyen, von dort über das Mittelmeer. Ich glaube, es ist wichtig hier handwerklich auszubilden, damit die jungen Leute danach einen Job in diesem Land finden können. So kann man die Jugendarbeitslosigkeit und auch die Emigration stoppen. In dem wir Möglichkeiten für sie schaffen."

Das Center versucht, mit einfachen Mitteln zu schulen. Aber Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Das spürt auch die 17-jährige Hooda, die hier als Köchin ausgebildet wird. Eigentlich wollte sie Computertechnologie lernen, doch dann entschied sie sich für die Kochklassen.

"Idealerweise wäre die Ausbildung praktisch und theoretisch, am Anfang haben wir auch viel zusammen gekocht. Aber nun ist es mehr Theorie. Denn die Schulleitung hat uns erklärt, es fehlten die Zutaten, das Gemüse. Aber wir helfen uns untereinander, gehen gemeinsam auf den Markt, kaufen ein und kochen zusammen."

Hooda, will hier in Puntland bleiben. Sie hat große Pläne für die Zeit nach der Ausbildung:

"Mein Traum ist, eine eigene Kochshow im Puntland Fernsehen zu haben, denn das gibt es noch nicht. Ich will den Leuten etwas beibringen. Wenn ich hier nur ein Restaurant eröffne, kann ich das nicht. Außerdem gibt es schon genügend Restaurants in Garowe. Ich will etwas Neues anfangen, eben eine Fernsehkochshow."

Die überraschten Blicke des Journalisten lächelt sie weg und meint:

"Unser Land ist nicht so, wie du denkst. Es ist friedlich und wir lieben es. Ja, wir haben hier keine große Entwicklung, aber wir haben eine gute Zukunft. Wir glauben an Puntland und daran, dass es in den kommenden Jahren besser wird. Unser Land ist nicht so gefährlich, wie die Leute meinen."

"Ich glaube, Somalia braucht einen Marshall-Plan"

Diese Hoffnung hat auch der Leiter der Einrichtung, Mohammed Diri. Er ist davon überzeugt, dass mit internationaler Unterstützung eine bessere Zeit für das geschundene Land anbrechen kann:

"Ich glaube, Somalia braucht einen Marshall-Plan. Die europäischen Länder sollten solch einen Plan umsetzen. Somalia ist ein sehr reiches Land mit vielen und unbegrenzten natürlichen Ressourcen. Aber wir haben weder das Geld noch das Know-how sie zu nutzen. Ich wünsche mir also, dass die europäischen Länder hier investieren, das Migrationsproblem hier bekämpfen, indem sie in Somalia investieren."

Über "Tahreeb" wird auch in Puntland viel und überall gesprochen. Jamal Hassan Darod ist 27 Jahre alt. Er ist der Vorsitzende der "Somali Youth Network Association". Er selbst hat fünf Jahre in Uganda studiert und findet jetzt keinen Job in seinem Heimatland. Jamal lebt wieder bei seinen Eltern, arbeitet ehrenamtlich um Berufserfahrungen zu sammeln.

Die Hoffnungen, die die Familien in ihn setzt, sind groß: Ein Onkel finanzierte sein Studium im Ausland. Jamal Hassan Darod kennt die Probleme der Jugendlichen. "Wir haben hier in Puntland Frieden", betont Jamal mehrmals im Gespräch, so, als ob er sich damit selbst vergewissern will. Er will bleiben und sagt dennoch:

"Viele gehen ins Ausland, nach Europa, um einen zweiten Pass zu bekommen. Nur damit kommt man hier an Jobs. Als ich mich das letzte Mal auf eine Stelle bewarb, fragte man mich, ob ich einen zweiten Pass habe. Ohne hätte ich keine Chance, wurde mir gesagt."

Die Sicherheitslage in der Hauptstadt Garowe jedenfalls scheint unter Kontrolle zu sein, auch wenn man auf Schritt und Tritt von drei schwerbewaffneten Polizisten begleitet wird und es nach einer Stunde an einem Ort heißt, man müsse nun weiter.

An der "Puntland State University" sitzt eine Runde Studierender zusammen. Junge Männer und junge Frauen. Sie alle betonen, dass sie nicht weg wollen, sie in Puntland ihre Zukunft sehen. Selbst wenn sie weggehen, wollen sie zurückkommen, wie die Studentin Samira. Als der Krieg ausbrach, floh ihre Familie nach Kenia. Vor ein paar Jahren kamen sie zurück nach Garewo.

Geld war keines da für die Ausbildung der Tochter. Doch Samira eröffnete mit ihrer Mutter einen kleinen Laden und Imbiss. Davon finanziert sie nun ihr Studium. Sie arbeitet hart, jeden Tag bis spät in die Nacht. Immer den Laden, das Studium, das Ziel vor Augen.

Flüchtlingsproblematik in Europa nur vor Ort zu lösen

Der Schlüssel für die Zukunft Puntlands und Somalilands, ja, für ganz Somalia liege in der Bildung und Ausbildung. Das unterstreicht Professor Abdullah Aledou. Aber er sagt auch: Hier in Puntland studiere man an der Realität vorbei.

"Etwa 85 Prozent unserer Studenten sind in den Sozial- und Geisteswissenschaften eingeschrieben. Aber Somalia braucht Fachkräfte in der Fischerei, in der Landwirtschaft, in der Viehhaltung. Das bedeutet für mich, wir vertreten eine Bildung, die alles andere als gut und wichtig ist. Wir produzieren jährlich viele Uni-Abgänger nicht nur in Puntland, sondern auch in Süd- und Zentralsomalia und in Somaliland. Sie alle finden dann keinen Job und emigrieren. Warum? Weil ihr Wissen hier nicht gebraucht wird. Sie haben Wirtschaft und Verwaltung studiert. Aber hier gibt es keine großen Unternehmen und die Eltern haben kein Geld für eine Geschäftsgründung. Wir brauchen stattdessen Ärzte, denn es gibt viel Kranke. Wir brauchen Ingenieure, die das zerstörte Land wieder aufbauen und Brücken bauen."

Die Universitäten versuchten ihr bestes, doch ausgebildet wird am Markt vorbei. Professor Abdullah Aledou sieht viele seiner Studenten das Land verlassen.

"Die Situation ist sehr ernst. Ich sehe ein Land, aus dem die Jugend wegrennt. Wie kann ich da ein positives Bild zeichnen, wenn der Großteil der Somalier Jugendliche sind und die meisten davon nur aus diesem Land wegwollen."

Daher sei die internationale Gemeinschaft gefordert, in Puntland und auch Somaliland in die Bildung und Ausbildung zu investieren, sagt er. Denn er ist der Meinung, die Flüchtlingsproblematik in Europa lasse sich nur in den Herkunftsländern lösen.

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