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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2009

Leben in der Lobby

Ausstellung im Schloss Neuhardenberg "Grand Hotel Abgrund"

Von Barbara Wiegand

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Art-Lobby des Chelsea Hotels in New York (AP)
Art-Lobby des Chelsea Hotels in New York (AP)

Grand Hotels zogen nicht nur reiche Bürger an, sondern auch Künstler und Literaten. Als Orte der Selbstinszenierung und der Begegnung fanden sie Eingang in die Weltliteratur. Dies zeigt jetzt eine Ausstellung in Neuhardenberg, die auch Bilder des Dauer-Hotelgastes Udo Lindenberg präsentiert.

Er wollte also schon immer da rein, der Udo Lindenberg, ins Nobel-Hotel, aus dem Koffer leben, ohne eigenes Zuhause. So ist es jedenfalls im Song "Mein Ding" auf seinem neuen Album zu hören. Was mancher Vielreisende bei allem Komfort als ungemütlich und anstrengend empfindet, ist für den deutschen Rocker bis heute Faszination pur:

"Das ich da machen kann, was ich will - das hat ja auch Bach schon mal gesagt: Hätte er seinen Müll persönlich runtertragen müssen, hätte er manche Kantate nicht geschrieben. Du musst dich nicht um Kleinkrams kümmern, du kannst dich konzentrieren auf das, was du kannst."

Außerdem, so erzählt der 63-jährige Deutschrocker weiter, mag er das noble Herbergsleben, weil es flexibel ist.

"Immer auf dem Sprung. Im Hotel triffst du interessante Leute. Medien-Kollegen, Traumtänzer, alles dabei."

Genau das war es wohl auch, was viele seine Künstlerkollegen einst ins Hotel gezogen hat. So beschrieb Marcel Proust es als Theater, belebt von einer großen Komparserie. Ein Theater der Welt, wie Reinhard Wittmann vom Literaturhaus München erläutert

"Wenn Sie die Gästeliste sehen, dann sehen Sie, wie international diese Gesellschaft war. Und man ging wirklich hin, um Leute zu treffen, kennen zu lernen, oft auch ganz absichtlich. Man nahm die Tochter mit, die Unverheiratete, damit sie einen Mann findet. Und diese Welt im Kleinen, das hat die Künstler immer fasziniert. Man ist privat und zugleich in einem öffentlichen Gebäude."

Die Künstler studierten das Leben hinter den imposanten Drehtüren der Grand Hotels und machten die "Menschen im Hotel" zu Gestalten der Weltliteratur. Etwa Vicki Baum in ihrem gleichnamigen Roman. Thomas Mann, der den Hochstapler Felix Krull zunächst vom Liftboy zum Kellner beförderte. All dies dokumentiert die Ausstellung, deutet sie an, mit Hilfe von Büchern, originalen Hotel-Accessoires, Notizen, Filmen, Fotos. Recht geschickt hat man dazu vergrößerte Bild-Ausschnitte an die Wände geklebt oder als Pappfiguren aufgestellt, so dass es aussieht, als ob Joseph Roth gemeinsam mit Stefan Zweig im alten Speisesaal des Hotel Adlon sitzt, beim ein oder anderen Glas. Mit der Originalweinkarte in der Vitrine vor sich.

Auf diese Weise begegnet man auch Vladimir Nabokov, der die letzten 16 Jahre seines Lebens im Hotel verbrachte und hier gerade vom Schmetterlingsfang zurückgekehrt scheint. Oder Friedrich Dürrenmatt mit Zigarre in der Lobby, vor sich Fotos eines brennenden Hotels

"Er war im 'Waldhaus' in Vulpera, das ist im Unterengadin, und er hat dort die Geschichte geschrieben, die auch als Roman erschienen ist 'Durcheinandertal'. Da ist das Grand Hotel schon anders, als es Thomas Mann noch schildert. Das ist ein zwielichtiges Personal. Ein bisschen kriminell. So lässt er am Ende dies Grand Hotel abbrennen im Roman. Und das Kuriose ist, dass ein halbes Jahr später nach Erscheinen des Buches das Hotel Waldhaus wirklich abgebrannt ist."

So steht Dürrenmatts 1989 erschienener sarkastischer Roman in der Schau sinnbildlich auch für den Niedergang der Grand Hotels. Einst als Traumschloss reicher Bürger erbaut und "Kaiser" oder "Königshof", "Majestic" oder "Residenz" benannt, wurden sie zu Nazizeiten international isoliert. Mit dem aufkommenden Massentourismus wichen sie oft Bettenburgen. Und auch wenn manches Fünf Sterne Haus heute wieder alte Zeiten beschwört, so ist die Zeit der prunkvollen Säle mit Lehnsesseln unter glitzernden Lüstern, der noblen Salons und Tables d'hotes, an denen sich vom Bankier bis zum Künstler alle zum Essen trafen, wohl vorbei.

Stattdessen gibt es Standardzimmer, Events und abgeschottete VIP Etagen. Udo Lindenberg als Dauerbewohner des Hamburger Atlantic ist eher ein Unikum aus anderen Zeiten.

Dass man das unterm Hoteldach eingerichtete Atelier des malenden Musikers in Neuhardenberg nachgebaut hat und daneben auch einige seiner harmlos heiteren, mit Hilfe von Likör gefertigten Bilder zeigt, ist eine unterhaltsame Ergänzung einer Ausstellung, die sich ansonsten inszenatorisch fast zu zurückhaltend gibt. Die zwar klug ausgewählten, aber ohne erkennbaren roten Faden aneinander gereihten Exponate schaffen wenig Atmosphäre. Sie sind eher symbolische Schlüssel, um die Zimmer und Säle der alten Grand Hotels in unserer Vorstellung aufzuschließen.

Service:
Die Ausstellung "Grand Hotel Abgrund. Dichtung und Dichter im Hotel" ist vom 1. September bis zum 26. Oktober im Schloss Neuhardenberg zu sehen.

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