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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.04.2011

Leben im Schatten der Macht

Über das Schicksal vieler Angehörigen von Prominenten

Von Andreas Rinke

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Walter Kohl stand oft im Schatten seines Vaters Helmut Kohl. (AP)
Walter Kohl stand oft im Schatten seines Vaters Helmut Kohl. (AP)

Im Vergleich zu seinem Vater war und ist Walter ein Niemand. Sein Vater veränderte Deutschland und ein klein wenig die Welt. Walter dagegen ist ein normaler Mensch, dessen Leben seit der Geburt von der Prominenz seines Vaters geprägt und diesem untergeordnet wurde – so sehr, dass er lange Zweifel hegte, ob sein "Ich" für ein eigenes lebenswertes Leben überhaupt ausreichte .

Walter, der Sohn von Helmut Kohl, teilt damit das Schicksal vieler Kinder und Angehörigen von Prominenten. Im Schatten eines mächtigen Baumes können keine saftigen Früchte gedeihen, lautet das Sprichwort.

Und in der Geschichte hat die Dominanz von Gestalten in Politik, Wirtschaft und Kultur immer wieder bewirkt, dass viele Menschen um sie herum kaum wahrgenommen wurden. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen Herrscher notfalls ihre Kinder opferten, um ihre Ziele zu erreichen.

Aber die Fremdbestimmung ist immer noch enorm: Vor Walter Kohls Buch mit dem genialen Titel "Leben oder gelebt werden" hat sich beispielsweise der Sohn von Gérard Depardieu in der Autobiografie "Im Schatten meines Vaters" den Frust von der Seele geschrieben.

Doch dass Walter Kohl mit seinem Buch einen solchen Erfolg hat, liegt weniger an der Neugier der Menschen, die wissen wollen, wie es hinter den Kulissen der Prominenz wirklich zugeht. Er hat vielmehr den neuen Zeitgeist getroffen.

Denn wurde gerade noch die Elite-Debatte als Befreiung eines überkommenen bundesdeutschen Gleichheits- und Mittelmäßigkeitswahns gefeiert, wandeln sich Grundüberzeugungen bereits wieder. Vorbei ist die Zeit, in der "Genies" in allen Bereichen gnadenlos gefeiert werden. Die deutsche Gesellschaft entdeckt vielmehr das Team – und die Menschen im Schatten der großen Lichtgestalten.

Verantwortlich dafür sind der technologische Fortschritt, eine gelebte Demokratie und demographische Not. Sicher, es bleibt die Sehnsucht nach Idolen. Aber es wird immer klarer, dass echter Fortschritt nur im Zusammenwirken vieler möglich ist. Neue High-Tech- und Live-style-Ikonen wie das iPad sind eben nicht dem Geist einzelner Genies, sondern dem Zusammenwirken Tausender Wissenschaftler entsprungen.

Das Internet mit der schnellen, vor allem billigen Verbreitung von Informationen aller Art enthüllt zudem, wie viele Talente es jenseits der kanalisierten Wege etwa durch das Fernsehen gibt. Und die stete Wiederholung demokratischer Wahlen schärft das Bewusstsein, dass Basis unserer Gesellschaft letztlich die Gleichheit jeder Stimme ist.

Fast noch wichtiger: Angesichts unserer schrumpfenden, alternden Bevölkerung und des absehbaren Mangels an Arbeitskräften richtet sich gerade in Deutschland mehr und mehr Aufmerksamkeit auf diejenigen, die bisher vernachlässigt in dieser Gesellschaft gelebt hatten: etwa Schulabbrecher, Migrantenkinder oder Arbeitslose.

Schon aus ökonomischen Gründen beginnt man sich nicht nur um die Ursachen von Erfolg, sondern auch um die Gründe des Scheiterns zu kümmern. Und siehe da: Gesichtslose Massen verwandeln sich plötzlich in eine Fülle von EinzelBiografien und mit dem Blick auf den Einzelnen, verändert sich deren Wertschätzung.

Die Folge ist ein Paradigmenwechsel in der Bewertung etwa der Spitzenpolitiker und der Schatten-Menschen. Burkhard Müller hat in einem Plädoyer für das sprichwörtliche Mittel-Maß gerade erst den schönen Satz geprägt: "Je größer die Politiker, die eine Zeit hervorbringt, desto schlimmer pflegt es mit der Zeit zu stehen."

Sichtbarstes Zeichen für den Paradigmenwechsel ist die neue Härte im Umgang mit den Prominenten: Früher galt etwa eine gewisse Brutalität der Mächtigen geradezu als charakterliches und soziales Plus.

Ein Genie durfte sich ausleben – und notfalls die Mittelmaß-Menschen um sich herum "verbrauchen". Heute erregt sich die Öffentlichkeit, wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble seinen Pressesprecher anschnauzt – oder wenn Walter Kohl seine sehr privaten Leiden unter dem Einheitskanzler schildert. Es lebe der Schatten-Mensch!


Andreas Rinke, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Historiker und hat über das Schicksal der französischen "Displaced Persons" im Zweiten Weltkrieg promoviert. Er hat als politischer Beobachter bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" und dem "Handelsblatt" gearbeitet. Schwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem die internationale und europäische Politik. Heute lebt er als Journalist in Berlin.

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