Lesart 27.11.2020

Leanne Shapton: "Gästebuch - Gespenstergeschichten"Ein dunkles TraumbuchVon Manuela Reichart

Beitrag hören Buchcover "Gästebuch – Gespenstergeschichten" von Leanne Shapton (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)In dem Buch geht es nicht zuletzt um die Frage, wie geisterhaft wir uns heute in den unzähligen Fotos bewegen, die jede Sekunde ins Netz gestellt werden. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Geschichten zum Gruseln, Bilder zum Staunen: Leanne Shaptons "Gästebuch - Gespentergeschichten" ist das passende Buch für unsere Zeit. Die amerikanische Autorin erzählt und illustriert Spukgeschichten, die ins Herz der mo­dernen Finsternis führen.

Dass die 1973 in Kanada geborene, in New York lebende Autorin und Illustratorin sich vor dem Meer und vor Haien fürchtet, davon hatte Leanne Shapton schon in ihrem Erinnerungsbuch "Bahnen ziehen" (2012) erzählt. Sie war von Kindheit an Leistungsschwimmerin und geprägt von über­schaubaren Schwimmbahnen und Badeanstalten. Deswegen wundert man sich nicht, dass in ihrem neuen düster-romantischen "Gästebuch", das Geister und Spuk beschwört, den Haien ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Vor allem der Grönlandhai, der hauptsächlich wegen seiner Leber gejagt wird, steht im Mittelpunkt. Leanne Shapton zitiert einen Antarktisforscher, der einen Hai davonschwimmen sah, dem vorher Leber, Herz und Innereien entfernt worden waren. Parallel zur Gruselgeschichte vom nicht zerstörbaren Menschenfresser werden Speise­pläne eines Ozeandampfers zitiert, man sieht graustichige Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Hais und von Ruderflusskrebsen, die sich an das Auge des Grönlandhais heften und dessen Hornhaut zerkratzen.

Auch aktuelle Fotos

In der Natur gibt es genug Grausamkeiten, die den Stoff für Albträume bieten. Shaptons "Gästebuch" ist vor allem das: Ein dunkles Traumbuch, eine Reise in die Nacht. Es geht um den Eisberg, der die Titanic versenkte, um Gespensterhäuser, die über Ge­nerationen für Angst und Schrecken sorgen, um einen erfolgreichen Tennisspieler, der von einem bösen Geist besessen ist, der ihn erst zur großen Karriere, dann in den Zusammenbruch treibt.

Leanne Shapton hat alte Bilder und Fotografien neu arrangiert und erzählt Geschichten zu diesen Aufnahmen. Sie arbeitet quasi dreidimensional, denn zum vorgefundenen und neu kommentierten Material kommen eigene Zeichnungen und Aquarelle. Sie spielt etwa mit dem Genre der Geisterfotos (die Anfang des 20. Jahrhunderts sehr in Mode waren) und erzählt das alte Begehren aus Thomas Manns "Tod in Venedig" neu. Aber sie nutzt auch höchst aktuelle Fotos, wenn sie einen Mann, der auf keiner Party, keinem Event fehlen will, der sich selber in den sozialen Medien in Szene setzt, an einem Tag auf unzähligen Veranstaltungen rund um den Globus auftreten lässt.

Verstörend und unterhaltsam

Man ist geneigt zu googeln, ob es diesen Society-Herrn wirklich gibt. Aber auch er gehört in die Reihe der vielen fiktiven ungebetenen Gäste, die hier auftreten: Die Mutter mit Perlenkette, die ihr Kind in falscher Sicherheit wiegt, um pünktlich zur Abendein­ladung zu kommen, Gespenster, die sich hinter langen Tüchern verbergen, hübsche Frauen aus der Vergangenheit, die man auch heute noch "liken" kann, düstere Traumgestalten und nicht zuletzt Kleider, die vom weiblichen Leben auf besondere Weise erzählen. Auch das sind Geistergeschichten der besonderen Art. Leanne Shapton ist eine Kennerin weiblicher Mode.

Am Ende dieses ebenso verstörenden wie unterhaltsamen Buchs geht es nicht zuletzt um die Frage, wie geisterhaft wir uns heute in den unzähligen Fotos bewegen, die jede Sekunde ins Netz gestellt werden.

Leanne Shapton: "Gästebuch - Gespenstergeschichten"
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
320 Seiten, 24 Euro

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