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Tonart | Beitrag vom 09.05.2019

Lea Letzel über ihr Stück "2 Second Manual""Ich würde den Skatepark als Bühne bezeichnen"

von Leonie Reineke

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Ein Skater springt von einem Geländer, das in einem Skateboard als Hindernis aufgebaut ist. (Lea Letzel / privat)
Ort kreativer Entfaltung: Musik, Bewegung und der Sound der Scaterrollen spielen in „2 Second Manual“ zusammen. (Lea Letzel / privat)

Skateboardfahren macht Spaß – und jede Menge Geräusche. Diesen musikalisch auf den Grund zu gehen, war das Anliegen der Medienkünstlerin Lea Letzel. Sie erfand ein Stück für drei Skateboarder, Violine und Schlagzeug.

Ein Skateboarder rauscht über eine Rampe. Er holt Schwung, sein Brett schnellt hoch, er springt. Direkt daneben: zwei Musiker mit ihren Instrumenten. Die Klangkulisse: eine Mischung aus den Geräuschen einer Sportanlage und einem avantgardistischen Konzert.

Das Szenario in der ehemaligen Industriehalle in Köln-Kalk ist eine Performance der Medienkünstlerin Lea Letzel. "2 Second Manual" heißt das Stück für drei Skateboarder, Violine und Schlagzeug.

Die 1984 geborene Lea Letzel arbeitet an der Schnittstelle von Bildender Kunst, Theater und zeitgenössischer Musik. Die Idee zu ihrem Skate-Konzert kam ihr bei einer Künstlerresidenz im isländischen Reykjavík. Dort war sie in der Nähe eines Skateparks untergebracht, an dem sie regelmäßig vorbei ging.

Inspiration Skatepark 

Lea Letzel: "Irgendwann stand da die Tür auf, und ich bin mal rein. Da hat sich Skatepunk mit Hiphop gemischt. An einem Tag ist die Anlage ausgefallen und man hat nur die Skateboarder gehört. Ich habe die Tür aufgemacht – irre. Eine riesige Halle und die absurdesten Holzkonstruktionen. Da waren 55 vornehmlich Jungs, auch ein paar Mädchen, am skaten. Dadurch, dass es bestimmte Strukturen und Wege durch den Skatepark gab, haben sich bestimmte Geräuschabfolgen wiederholt. Und aufgrund dieser seltsamen, sich immer wieder verschiebenden Geräuschabfolgen dachte ich: Das ist klanglich irre interessant."

Von diesem Setting inspiriert, entwarf Lea Letzel ihr Stück "2 Second Manual": In einer räumlichen Choreografie mit festen Positionen und Abläufen führen mehrere Skateboarder ihre Tricks aus. Live dazu spielen der Schlagzeuger Dirk Rothbrust und die Geigerin Akiko Arendt.

Lea Letzel: "Wenn sie alle gleichzeitig fahren, dann hat man so ein stetiges Rauschen von Gummirollen über Beton oder Holz und dann wieder scharfe Geräusche, als wenn jemand stürzt. Das besteht dann aus dem Verkanten eines Skateboards. Aufschlagen von Holz auf Beton, fallende Körper, unterschiedliche Sequenzen, das Quietschen von Reifen, Wiederholen von Tricks".

Das Skateboard als Musikinstrument 

Wie aber wurde daraus dann eine musikalische Anordnung? Welche Ideen stecken hinter der Instrumentenauswahl?

Lea Letzel: "Auf der einen Seite, mit Materialien zu arbeiten, die auch im Skatepark vorkommen. Also unterschiedliche Fliesen, Karton, ein dumpfer Laut. Nachahmungseffekte von den Geräuschen, die es dort gibt. Und dann: Um diese Geräusche musikalisch zu organisieren mit einem klassischen Schlagzeug-Setup, mit dem man einhaken konnte. Bevor man angefangen hat, in Indoor-Skateparks zu fahren, ist man viel in der Stadt unterwegs gewesen. Das hat angefangen in Kalifornien, in Swimmingpools von reichen Leuten, die nicht da waren. Und man sucht sich Begebenheiten, wo man Tricks machen kann. Der Skatepark ist eine idealisierte Form, etwas, was ich als Bühne bezeichnen würde, weil das so eine Modellhaftigkeit erzählt. Tricks möglichst gut nacheinander machen kann, um lange Phasen des von A-nach-B-Kommens zu vermeiden."

Der Skatepark als Bühne

Der Skatepark als Bühne - die Musik als Bindeglied zwischen künstlerischem Ausdruck und urbaner Freizeitkultur. In ihrem Stück "2 Second Manual" kommt Lea Letzel nicht nur die Rolle der kreativen Ideengeberin zu, sondern auch die einer Logistikerin. Ihre Aufgabe ist es, eine Kommunikationsbasis zu schaffen, auf der Skater und Musiker sich austauschen und trotzdem ihre jeweilige Expertise ungehindert einbringen können.

Es geht nicht darum, einen Klang nur mit hübschen Bildern zu versehen oder ein visuelles Szenario mit dekorativen Klängen zu schmücken. Im Gegenteil: Alle Elemente erfüllen eine unverzichtbare Funktion im Gesamtzusammenhang. Insofern ist "2 Second Manual" zweifellos ein Beispiel für geglückte Interdisziplinarität.

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