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Lesart | Beitrag vom 28.11.2018

Lavinia Greenlaw: „Eine Theorie unendlicher Nähe“ Eine Dichterin ganz bei sich selbst

Von Nico Bleutge

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Buchcover Lavinia Greenlaw: „Eine Theorie unendlicher Nähe“. Im Hintergrund sieht man einen Sonnenuntergang. (Carl Hanser Verlag / dpa)
"Nicht das Thema interessiert mich, sondern die Variation", sagt Lavinia Greenlaw. (Carl Hanser Verlag / dpa)

Die englische Dichterin Lavinia Greenlaw ist auf Suche nach der Erfahrung von Gegenwärtigkeit. Sie geht in der Wahrnehmung auf – und in der Sprache. In ihrem neuen Band „Eine Theorie unendlicher Nähe“ nähert sie sich dem Himmel ihrer Kindheit.

Für die englische Dichterin Lavinia Greenlaw ist das Gedicht immer auf Präsenz aus und spielt zugleich trickreich mit unterschiedlichen Sprachen. In einem Gedicht ihres Bandes "Night Photograph" aus dem Jahr 1993 hat sie gezeigt, wie sich auf einer nächtlichen Fahrt über den Ärmelkanal ästhetische und wissenschaftliche Sichtweise ganz und gar durchdringen können. Die wissenschaftliche Perspektive untergräbt die euphorische Wahrnehmung nicht etwa, sondern befeuert sie recht eigentlich, so dass der Leser die nautisch genau austarierte Fahrt ebenso als epiphanischen Moment erleben kann.

Auch in ihrem jüngsten Gedichtband "Eine Theorie unendlicher Nähe" spielt die Erfahrung von Gegenwärtigkeit eine große Rolle. Lavinia Greenlaw wurde 1962 in London geboren, aufgewachsen aber ist sie in einem Dorf der Grafschaft Essex, "wo das Auge Meer von Fluss / Hügel von Tal nicht unterscheiden kann". So umspielt sie das "flüchtige Vollkommene" oder nutzt die Form der Liste, um Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend sprachlich aufzufalten. Dabei geht es ihr eher darum, die Zeit zu dehnen und mit Ähnlichkeiten zu arbeiten, als sich an bestimmten Stoffen festzubeißen: "Nicht das Thema interessiert mich, / sondern die Variation."

Die Kraft der Assoziation

Eine Ordnung zu finden, ohne sie bewusst finden zu wollen, dort unterwegs zu sein, "wo Ungewissheit herrscht" – vielleicht ließe sich Greenlaws Poetik so umschreiben. Fast immer bringt ihre assoziative Kraft Momente aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, und die Lücken zwischen diesen Assoziationen sind ebenso wichtig wie die Momente selbst. Nicht von ungefähr beginnt einer der Zyklen mit dem Wunsch: "Gib deine Gestalt auf, / werde unbestimmt". Von Gedicht zu Gedicht imaginiert sich die Sprecherin stärker in die Wahrnehmung der Berge, der Luft und der Wolken hinein: "Du vergisst, was es heißt, / auszufeilen oder umzuformen. / Du atmest / Weißes gegen weißen Himmel."

In solchen Versen ist Lavinia Greenlaw bei sich selbst. Nicht ganz so intensiv sind jene Gedichte, in denen sie eine Trennungserfahrung sprachlich zu fassen versucht. Dort driften die Verse mitunter ins allzu Bekannte ab. Oder die Räume zwischen den Assoziationen sind umgekehrt so groß, dass keine Offenheit entsteht, sondern eine bloß negativ bestimmte Leere.

Nah, manchmal auch zu nah am englischen Original

Wiebke Meier trifft in ihre Übersetzungen immer wieder gut die Tönung der Gedichte und folgt genau den Verschiebungen der Gedanken und Wahrnehmungen in Greenlaws Versen. Zum Beispiel wenn sie das Sichtbare nachzeichnet: "Unter diesem behutsamen Licht / ist es nur die Erde, auf der wir gehen". Manchmal bleibt sie aber zu nah am englischen Satzbau, was zu etwas uneleganten deutschen Sätzen führen kann. Etwa wenn aus "Two lovers at dusk tipping the fence" die Formulierung "Zwei Liebende in der Dämmerung den Zaun umkippend" wird.

Am Schönsten entfaltet Greenlaw die Gegenwart in dem Kapitel "Winterfund". Hier ist die Sprecherin in Schneelandschaften unterwegs, an Flussläufen oder Küsten, in einer "milchigen Geographie aus Salz und Kalk". Mal ist sie "Linie", mal nur noch ein "Murmeln", bis der "massive Kollaps / der Distanz" wieder für Abstand sorgt. Aufgehen in der Wahrnehmung wird zu Aufgehen in der Sprache. Das Ich verwandelt sich in Formen, und die kleinen Dinge leben auf und fliegen.

Lavinia Greenlaw: "Eine Theorie unendlicher Nähe"
Gedichte, Zweisprachig, aus dem Englischen von Wiebke Meier
Edition Lyrik-Kabinett im Carl Hanser Verlag, München 2018
104 Seiten, 18,00 Euro

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