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Deutschlandrundfahrt / Archiv | Beitrag vom 28.04.2019

Lausitzer LandschaftenIdylle zwischen Spreekähnen und Kohlebaggern

Von Thilo Schmidt

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Die Kahnfährfrau Anja Geier steht in sorbisch-wendischer Festtagstracht am 06.04.2016 auf einem Kahn im Spreewalddorf Lehde (Brandenburg). (picture alliance/dpa - Patrick Pleul)
Tradition und Tourismus finden im Spreewald zusammen. (picture alliance/dpa - Patrick Pleul)

Die Lausitz steht vor dem größten wirtschaftlichen Umbruch ihrer Geschichte. Denn der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung ist besiegelt. Und doch lassen sich viele Bewohner der Region von der ungewissen Zukunft nicht abschrecken.

Die Lausitz, eine geschundene Landschaft. Trotz Klimawandel und Kohlekompromiss: Der Abbau geht weiter, auch Dörfer werden immer noch abgebaggert. 17 überwiegend sorbische Dörfer waren es bisher.

Doch die Lausitz ist mehr als das – und vor allem hat sie Bewohner, die ihr Schicksal nicht abschreckt, und für die die Lausitz außer Heimat auch Speicher grenzüberschreitender Kultur und Identitäten ist.

"Nicht warten, bis jemand anders entscheidet"

Sybille Tetsch zum Beispiel, 47 Jahre alt, stammt aus Proschim, ist nach der Wende ins Wendland gezogen, nahe Gorleben. Dort hat sie – im Widerstand gegen die Atomkraft – ihren Mann kennengelernt. Und dann sind Sybille und Alexander zurückgekommen nach Proschim und haben ein Restaurant eröffnet.

"Ja, Proschim kann wirklich das letzte Dorf sein, das in der Lausitz von der Landkarte verschwindet. Aber wir wollten den Leuten eigentlich auch zeigen, dass es, selbst wenn Proschim wegkommen sollte, was ich persönlich nicht glaube, aber dass es doch Lebenszeit ist, die man verbringt, und dass man eben nach vorne guckt und dass man nicht wartet, dass irgendjemand anders entscheidet. Sondern: Wenn man eine Idee hat, dann sollte man einfach machen."

Sybille Tetsch steht am Rande des Waldes, im Hintergrund der Braunkohletagebau bei Proschim mit Vorschnittbaggern und Förderbrücke F60. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)Für Sybille Tetsch ist klar: Mit dem Braunkohletagebau nimmt sich der Mensch etwas heraus, was er nicht darf. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)

Das "Schmeckerlein", das Restaurant von Sybille und Alexander: ein altes Häuschen, ein liebevoll angelegter Garten mit Sommerküche, die Wege mit Holzschnitzeln ausgelegt. In den Kräuterbeeten wächst Bergbohnenkraut und Herzgespann, ein kleines Paradies. Aus einem alten Schweinestall ist eine offene Sommerküche geworden.

"Ich hab immer das Gefühl, hier in der Lausitz muss alles pragmatisch sein. So ein Gefühl für wirklich schöne Sachen fehlt mir hier manchmal. Und dass das ankommt, das merken wir. Die Leute sind wirklich berührt hier. Wenn die hier sitzen, abends, ein Glas Wein unter dem Sternenhimmel, dann ist da hinten der Gemüsegarten, wo wir essbare Blüten anbauen, man kann sehen, wenn hier die Schmetterlinge und die Hummeln sind."

Spreewald – auch das ist die Lausitz

Auch der Spreewald gehört zur Niederlausitz. Mit seinen vielen idyllischen Flüssen, gesäumt von Laubwäldern, verträumten Ortschaften mit kleinen Kahnfährhäfen. Raddusch ist so ein Dorf, 20 Kilometer nordwestlich von Cottbus. Der Tagebau Seese-Ost ganz in der Nähe ist seit über 20 Jahren Geschichte. Karl-Heinz Pudenz war im benachbarten Braunkohletagebau beschäftigt, als Schlosser auf der Abraumförderbrücke.

"Von 1970 bis 1997. Bis 1997 waren hier noch Restarbeiten und dann wurde die Brücke gesprengt."

Pudenz hatte Glück – und bald wieder einen neuen Arbeitsplatz. Und nebenbei, auch das ist ein Teil des Spreewaldes, fährt er Touristen auf dem Kahn durch die Fließe.

"Ich mache das familiär, Kahn fahren, 1970 hab ich mir einen Kahn ausgeliehen, von einem Bekannten, ein altes Rudel, er hat mir das gezeigt, familiär, und dann 1992 hab ich meinen Fährmannsschein gemacht, die Prüfung, mit meiner Frau zusammen."

Die einzige Kahnpostfrau in Deutschland 

Und was jetzt noch fehlt für den perfekten Bilderbuchspreewald ist die Postfrau, die im Spreewaldort Lehde, der nur über den Wasserweg erreichbar ist, per Postkahn die Briefe zustellt. Und das ist Karl-Heinz‘ Frau Jutta Pudenz.

"Sie sind die, die man immer im Fernsehen sieht?"

"Ja, die oft im Fernsehen zu sehen war. Aber gelernt hab ich eigentlich Schneiderin."

Von 1991 bis 2011 war Jutta Pudenz die einzige Kahnpostfrau in Deutschland und damit Hauptdarstellerin in unzähligen Fernsehreportagen.

"Naja, man darf es nicht unterschätzen, das ist ein schwerer Job. Alle Achtung für alle, die das jeden Tag so schaffen. Es war für mich jeden Tag wie ein Triathlon, muss ich sagen. Autofahren, ganz viel laufen und acht Kilometer mit dem Kahn staken."

Nebelschütz – vom Himmel geküsst 

Als Thomas Zschornak mit nur 26 Jahren Bürgermeister von Nebelschütz wurde, einer kleinen Gemeinde in der Oberlausitz, ging es erst einmal ums Aufräumen.

"Es war kein schönes Dorf, es war auch kein blühendes Dorf. Die Lebensqualität war nicht die beste hier, weil wir natürlich industriell-landwirtschaftlich geprägt waren, und es hatte auch keine Zukunftsvision."

Und obwohl ostdeutsche Gemeinden Anfang der Neunzigerjahre allerhand andere Probleme hatten, wussten Zschornak und die Nebelschützer damals schon ziemlich genau, wo es mit Nebelschütz hin sollte:

"Wir sagen, wir sind eine enkeltaugliche Gemeinde, da wir auf unsere Enkel schauen und an unsere Enkel denken."

Die Ortstafel von Nebelschütz vor der Pfarrkirche Sankt Martin (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)Das sorbische Dorf Nebelschütz lebt schon jetzt, was die Zukunft für weitere Orte in der Lausitz sein könnte. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Enkeltauglich – und engeltauglich. Denn der sorbische Name von Nebelschütz, Njebjelčicy, bedeutet, vom Bürgermeister etwas frei übersetzt: Vom Himmel geküsst.

"Nebelschütz kommt aus dem Sorbischen, Übersetzt: Njebjel, der Himmel. Deswegen haben wir uns den Eigennamen gegeben: Wir sind vom Himmel geküsst."

Zschornak hat übrigens nie alleine entschieden, sondern immer mit der Gemeinde den richtigen Weg gesucht, um den richtigen Weg gerungen.

"Vor Jahren hat man uns sehr belächelt, dass wir diesen besonderen Weg gegangen sind. Jetzt sind wir sehr stolz, als Gemeinde, dass viele uns besuchen. Und man probiert und arbeitet und schaut. Und man diskutiert immer wieder, und bringt sich immer wieder in die Diskussion selbst ein, ist das der richtige Weg? Man muss ja immer wieder korrigieren und die Leute mitnehmen und mit den Bürgern nach der richtigen Gesellschaft suchen."

Der Bürgermeister von Nebelschütz Thomas Zschornak steht auf der Brücke an einem Fluss (Thilo Schmidt)Plant gemeinsam mit den Nebelschützer Bürgern die Zukunft des Dorfs: Bürgermeister Thomas Zschornak (Thilo Schmidt)

Die Lausitz erstreckt sich nicht nur über Brandenburg und Sachsen, ein Teil liegt in den polnischen Woiwodschaften Niederschlesien und Lebus. Dass die Grenzen durchlässig geworden sind, mussten Deutsche und Polen erst lernen. Doch mehr und mehr knüpfen Deutsche und Polen Bande. So wie Anna und Tomasz Oskwarek. Sie leben mit ihren zwei Kindern in Peitz, einer Kleinstadt nördlich von Cottbus: etwas über 4000 Einwohner – und bekannt vor allem durch seine Teiche, in denen seit Jahrhunderten Karpfen gezüchtet werden.

Die beiden sind Ärzte – und damit ein Teil jener polnischen Zuwanderer, die den deutschen Ärztemangel etwas abmildern. Tomasz kam zuerst:

"Ich wollte einfach ausprobieren, also Deutsch war immer schon so eine Fremdsprache, die ich mochte, und in der Schule damit auch keine Probleme hatte, und von daher dachte ich: Ja, du probierst das mal, um zu sehen, wie die Arbeit für die Ärzte und insgesamt das Gesundheitssystem in Deutschland aussieht."

Tomasz hatte seine erste Arztstelle 2004 in Mecklenburg angetreten. Kurz danach kamen auch seine Frau Anna und die Tochter Karolina nach Deutschland. Patryk wurde 2007 geboren – in Deutschland.

"Für den Sohn war das ein kleiner Schock, als wir mal gesagt haben: Wir sind eine polnische Familie und er ist ein Pole. Das war für ihn was Neues. Er hat auch von Anfang an in Deutschland gewohnt und deutsch gesprochen, und fühlte sich auch dann in Deutschland wie zu Hause, deswegen war das für ihn ein Schock, dass wir zu ihm gesagt haben: Nein, er ist ein polnischer Staatsbürger, da hat er fast geweint, das war eine Überraschung für ihn."

Dies ist eine gekürzte Version des Manuskripts zur Sendung.

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