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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.06.2011

Latent feministisch

Kunsthalle Mannheim zeigt Werke rebellischer DDR-Künstlerinnen

Von Christian Gampert

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Fragmentarisierte Körperteile - Ausdruck weiblicher Unterdrückung (Kunsthalle Mannheim - Tina Bara)
Fragmentarisierte Körperteile - Ausdruck weiblicher Unterdrückung (Kunsthalle Mannheim - Tina Bara)

Im Westen Deutschlands haben in den 80er-Jahren viele Frauen gegen eine von Männern dominierte Welt aufbegehrt. Was bisher nur wenig bekannt war: Auch in der DDR haben sich Künstlerinnen mit viel innerem Engagement gegen die typischen Rollenklischees gewehrt.

Rebellisch werden, aus der Haut fahren – das wollten so manche in der DDR. Nur wenige haben es – vor 1989 - tatsächlich getan; aber es gab einen Untergrund, eine Szene, vor allem in Dresden, Leipzig und Berlin, die sich mit Kunstwerken zur Wehr setzte gegen die von oben verordnete Sicht auf eine graue Welt.

Dass Künstlerinnen dabei eine Rolle spielten, und dass – seit Anfang der 1980iger Jahre – dort eine spezifische Form weiblicher Selbstbefreiung erprobt wurde, ist in der westdeutsch geprägten Kunstgeschichtsschreibung eher unzureichend wahrgenommen worden. Hier kannte man nur die Herren Tübke, Heisig, Mattheuer, also die Offizialkunst. Was die Künstlerinnen taten, die nun in Mannheim gezeigt werden, ist etwas ganz anderes: es geht vor allem um die Inszenierung der eigenen Körperlichkeit, um das Zeigen einer Verletzung, um eine Selbstvergewisserung, um ein Aufbegehren.

Nehmen wir die Schwarz-Weiß-Fotos von Tina Bara. Die nackten Frauenleiber, die sie inszeniert, haben nichts Erotisches – gerade deshalb aber sind sie für die Kuratorin Susanne Altmann so geeignet, auch etwas über die gesellschaftliche Realität der DDR zu sagen:

"Hier sind fotografische Arbeiten von Tina Bara, die versucht hat, Geschichte zu studieren. Und sie hat in ihren frühen Arbeiten tatsächlich den Körper benutzt, um diese geistige Enge in eine körperliche Enge zu übersetzen. Das sind Körperteile, die fragmentarisiert werden, die in schmerzhaften Positionen gezeigt werden. Wo sich jedem Zeitgenossen dieses Unbehagen vermittelt hat."

Gezeigt wurden diese Arbeiten natürlich nur heimlich, in Wohnungen, unter Eingeweihten der Opposition. Das Gefühl, eingesperrt zu sein, auch geistig, ist vorherrschendes Thema: Cornelia Schleime, in der DDR verfemt, heute eine erfolgreiche Künstlerin, ist in der Ausstellung mit verfremdeten Bildern von verbundenen Köpfen zu sehen – und mit einem Film.

"Bildmetaphern von Unbeweglichkeit und Starre waren eigentlich sehr beliebt. Da kam man sehr schnell drauf, daß man mit Fesselung fast von mumienhaften Einwicklungen genau diese Unbeweglichkeit symbolisieren konnte, und das hat Cornelia Schleime auch sehr eindrucksvoll getan in diesem Film, den wir hier zeigen, 8 Millimeter, der heißt 'unter weißen Tüchern', und da gibt es einige Protagonistinnen, die mit diesen Fesselungs-Mechanismen an eine Wand oder eine Tür gepinnt sind und sich überhaupt nicht mehr bewegen können. Das waren Gleichnisse, die man erkennen konnte."

Offiziell war die Frauenfrage in der DDR gelöst: es gab ja Vollbeschäftigung und Ganztagsbetreuung für die Kinder. Gleichwohl kamen Frauen in der Politik kaum vor. Die gezeigten Arbeiten sind auch eine Rebellion gegen die Hausfrauenrolle – mit eindrucksvollen Selbstbeschmierungen etwa der Performance-Künstlerin Else Gabriel, die als Mitglied der Dresdner "Autoperforationsartisten" sich auch gegen männliche Konkurrenz behaupten musste. Im Nachhinein mag man diese Arbeiten feministisch nennen, aber die westliche Kunstszene war weit, sagt Susanne Altmann.

"Es gab sicherlich Kontakte, aber was die latent feministischen Geschichten anbetrifft, gab es kaum Input an Theorien – man wusste auch gar nicht, was Nancy Spero in den USA gemacht hat. Das ist alles auf so einer intuitiven Ebene als Rebellion gegen den Obrigkeitsstaat abgelaufen. Das darf man nicht unterschätzen, wie abgeschottet die DDR war."

Die Ausstellung zeigt eine Vielzahl von Medien, überraschenderweise auch hochexperimentelle Super-8-Filme, die jetzt natürlich digitalisiert sind. Super-8 war in der DDR verbreitet für das Abfilmen von Familienfesten und Urlauben, und die Künstler nahmen das Medium dankbar auf.

Andererseits bedienten die meist an den staatlichen Akademien ausgebildeten Künstlerinnen ganz traditionelle Bildmedien: Doris Zieglers Ölbild von 1987 etwa zeigt ein depressives, androgynes nacktes Paar vor trüber Industrielandschaft – im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Und manche haben teuer bezahlt für ihre Arbeit: Gabriele Stötzer, wahrscheinlich die bedeutendste der in Mannheim gezeigten Künstlerinnen, inszeniert im Film Ekelperformances mit zerschlagenen Eiern auf nackten Körpern, mit gierig zugreifenden Männerhänden als Schattenspiel auf weiblichen Brüsten, mit seltsamen DDR-Eingeborenen-Tänzen. Und, noch schlimmer, auf ihren Fotos sieht man Frauenbeziehungen – was als lustiger Körper-Berg beginnt, wird dann immer provokanter.

"Es handelt sich um die Arbeit von Gabriele Stötzer, sie wurde eingesperrt, ein Jahr Frauengefängnis nach Unterzeichnung der Biermann-Petition. Das hat sie sehr geprägt. Und sie ist dann nach ihrer Entlassung …als bildende Künstlerin hat sie diese Themen wieder aufgenommen und hat Beziehungen zwischen Frauen, ambivalente und leidenschaftliche, ins Bild gesetzt. Mit ihren Freundinnen in Erfurt."

Aber selbst in den intimsten Momenten war die Stasi dabei. Und das gerade bei den überraschendsten Arbeiten, nämlich bei Stötzers Dessous-Fotos eines Transvestiten.

"In der thüringischen Stadt Erfurt hat sich ein junger Mann der Künstlerin angenähert und wollte sich mit ihr befreunden und mit ihr arbeiten. Und sie ist darauf eingegangen und hat mit ihm eine Serie experimenteller Fotos gemacht. Er war Transvestit und hat das auch sehr genossen, so zu posieren. Und im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass eben dieser junge Mann von der Stasi auf die Gabriele Stötzer angesetzt war."

Die Stasi als Transvestit – auch nicht schlecht. Da kommt der Staatsapparat endlich zu sich selbst. Kunsthistorisch aber haben die Arbeiten dieser aufmüpfigen DDR-Frauen überraschend viele Parallelen zu westlichen konzeptuellen Ansätzen, allerdings wohl völlig unbewusst. Eindrucksvoll eine "Gesichts(be)malaktion" von Karla Woisnitza in Dresden 1979, am anrührendsten aber der fotografische Bericht von Gundula Schulze über Leben und Verlöschen einer alten Frau im Berlin der 80iger Jahre.

Die Ausstellung ist fast ein bisschen zu klein – man möchte mehr davon sehen.


Mehr Infos im Netz:
Kunsthalle Mannheim: Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR, 2. Juli bis 9. Oktober 2011

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