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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 31.01.2019

Latein-Podcast bei Radio BremenWenn man über die gleichen Witze wie vor 2000 Jahren lacht

Von Felicitas Boeselager

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Die Macher der Sendung "Nuntii Latini" von Radio Bremen sind Lateinlehrer: Aljoscha Riehns, Imke Tschöpe, Berit Wenderhold (v.l.). Sie treffen sich in einem französischen Bistro in Bremen.  (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)
Zwei bis drei Stunden brauchen die Macher der Sendung "Nuntii Latini" um eine Meldung ins Lateinische zu übersetzen. (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)

Wen interessieren Nachrichten auf Latein? Die Fans von "Nuntii Latini" auf Radio Bremen haben dafür gesorgt, dass die Sendung wieder existiert und als Podcast verfügbar ist. Die Macher sind Lateinlehrer mit einer Leidenschaft für diese alte Sprache.

"Nostra res agitur: Nuntiorum Radiophoniae Ciceronianae finis." – "In eigener Sache: Radio Cicero funkt nicht mehr", hieß es als im Dezember 2017 die Lateinnachrichten bei Radio Bremen 2 eingestellt wurden. 14 Jahre hatten sie gesendet und ernteten jetzt, wie Stephan Cartier, Leiter der Kulturredaktion bei Bremen Zwei, erzählt: "Einen Sturm nicht der Entrüstung, aber der Enttäuschung." Das Redaktionsteam aus ehrenamtlichen Lateinlehrern war zu alt geworden und konnte die ehrenamtliche Arbeit nicht mehr leisten. Niemand hatte damit gerechnet, dass jetzt ganz Deutschland darüber berichten würde, dass es die kleine Radiosendung nicht mehr gibt.

"Und das war auch eines der Anlässe, der uns darüber hat nachdenken lassen dieses, ja doch, für sich genommen ein wenig skurril wirkende Projekt eben irgendwie weiterzuführen. Wir mussten dann ein bisschen suchen und sind jetzt eben umso froher, dass wir Leute gefunden haben, die das weiterführen."

Mit Wörterbüchern, Laptops und Notizzetteln

Und diese Leute sitzen hier: In einem französischen Bistro in Bremen. Draußen ist es eiskalt und schon dunkel. Drinnen stapeln sich auf einem Tisch die unterschiedlichsten Latein-Wörterbücher zwischen Laptops und Notizzetteln.

"Dann kommt ein ACI: Illam legationem nunc novam investigationes scientiaeque naturales iam ingredi", liest Berit Wenderholt vor. Sie hat zu Hause zwei Meldungen für die Januar-Ausgabe der Nachrichten verfasst und kontrolliert sie jetzt gemeinsam mit Imke Tschöpe und Aljoscha Riehns. Alle drei sind Lateinlehrer.

"Ich hab schon als Schüler Radio-Bremen-Lateinnachrichten übersetzt", erzählt Riehns. Sein alter Lehrer war vor 16 Jahren einer der Gründer der Bremer Lateinnachrichten. "Und als dann diese Anfrage kam, das wiederzubeleben, da war ich von Anfang an Feuer und Flamme, weil ich das halt schon seit Jahren kannte und das auch total schade fand als die eingestellt wurden."

Tschöpe nickt, auch sie habe nicht gezögert, als die Anfrage sie erreichte. Sie ist froh, dass die Tradition wieder auflebt und sie ihre Leidenschaft für die Sprache teilen kann: "Ganz besonders hat mich immer fasziniert, wie nah uns eigentlich die Antike im Gefühlsleben sein kann. Nicht unbedingt immer ist, aber manchmal ist es tatsächlich so, dass man über dieselben Witze lachen kann wie die Leute vor 2000 Jahren."

Nicht alles lässt sich übersetzen

Ungefähr zwei bis drei Stunden brauchen sie, um eine Meldung zu übersetzen. Besonders schwierig sind neue Worte, da ist Kreativität gefordert.

"Ich guck mal nach, Handy wird's hier nicht geben. Das ist zu alt." "Telefonum gestabile, also tragbares Telefon." Auch Städtenamen sind manchmal eine Herausforderung, vor allem dann, wenn es sich um junge Städte handelt. "Jung" natürlich aus der Sicht von Altphilologen. "Seattle, die Stadt Seattle." "Ja Seattlum."

Einige Begriffe finden sich im Online-Lexikon der Wikipedia. Dort sind viele Artikel auch auf Latein verfügbar. Aber nicht alles lässt sich übersetzen, Eigennamen bleiben zum Beispiel gleich: "New York Times dessaviam, diae natales centesimi, scholae architekturae designaconisque Bauhaus, hab ich unübersetzt gelassen, causa commendat."
In dieser Meldung geht es darum, dass die "New York Times" Dessau als Reiseziel empfiehlt. Stephan Cartier sucht die Meldungen aus und schickt den Lateinlehrern die deutsche Version. Dabei sucht er gezielt nach: "Nachrichten die auch am Ende des Monats taugen, beziehungsweise sie müssen ja die nächsten 2000 Jahre taugen."

Mindestens. Eine Redakteurin von Bremen Zwei vertont die Nachrichten dann, das sei nicht ganz einfach, berichtet Cartier. Sagt man nun Zizero, oder Kikero? Spricht man "ae" wie "aei" aus oder wie "ae"? Hier scheiden sich die Geister:

"Also ich kann mich aus meiner Schulzeit dran erinnern, es hatte wirklich was von Glaubensfragen, man muss es aber nicht verhohnepiepeln. Es gibt natürlich in der Tat, da es keine Tonbandaufzeichnungen aus dieser Zeit gibt, muss man darauf vertrauen, dass es durch Tradierungsmechanismen schon ein bisschen darüber aussagt, wie ernsthaft und wie richtig auch inhaltlich übersetzt wird, wenn man sich damit beschäftigt hat, wie es ausgesprochen wird."

"Achtung! Gymnasial-Lehrer-Latein"

Gerade die Aussprache wird bei den Hörern stark diskutiert:

"Wir bekommen Mails von Hörenden, die sich wirklich zutiefst erschüttert darüber zeigen, dass wir uns für eine Variante entschieden haben und sie es aber anders gelernt haben. Da ist von 'Achtung! Gymnasial-Lehrer-Latein' die Rede, das moniert wird. Das bewegt die Leute wirklich und zwar jeden Einzelnen."

Als Bremen Zwei die "Nuntii Latini" im November 2018 wieder auflegt, ist die Begeisterung groß, so groß, dass die Redaktion etwas verwirrt war, erinnert sich Cartier:

"Wir machen ja nun 24 Stunden tolles Radioprogramm, versuchen wir jedenfalls, wir machen ganz wichtige Themen, glaub ich auch, die wirklich die Welt im besten Sinne des Wortes bewegen, aber wir haben mit relativ wenig so einen bewegenden Erfolg gehabt, wie mit den Lateinnachrichten, damit muss man einfach umgehen. Wir sind jedenfalls erst mal sehr froh darüber."

Dieser Erfolg könnte zum einen an der klar definierten und nicht besonders großen Zielgruppe liegen: Lateinlehrer, die die Nachrichten mit ihren Schülern übersetzen, oder solche, die einfach Freude an der Sprache habe. Cartier kann sich aber noch einen anderen Grund vorstellen:

"Ans Lateinische gibt es die Hoffnung so einer allgemeinen Sprache, einer Sprache die wirklich theoretisch überall auf der Welt gesprochen werden könnte, anders als das Englische. Das kann man ja irgendwo sprechen, aber es hat halt nicht die Tradition dieser sogenannten Lingua Franca, also einer weltverbindenden Sprache und ich glaube, das liegt so ganz tief darunter, dass man so eine Wiederbelebung, in dieser uns alle, in dieser auseinanderdriftenden Welt, verbindende Sprache findet – nämlich im Lateinischen."

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