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Buchkritik | Beitrag vom 19.07.2019

László Moholy-Nagy: "Moholy Album"Ein feiner Beobachter und großer Menschenfreund

Von Eva Hepper

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Cover vom "Moholy Album" von László Moholy-Nagy, darauf sit eine Frau im Bikini von hinten zu sehen (Steidl)
Der Bildband zeigt auch Fotografien, die László Moholy-Nagy im Juli 1937 auf der Atlantikpassage nach New York aufgenommen hat. (Steidl)

László Moholy-Nagy war ein ungarisch-amerikanischer Maler, Fotograf, Bühnenbildner und Typograf. Er hatte großen Einfluss auf das Bauhaus. Nun ist ein opulenter Band mit etwa 1000 seiner Fotografien erschienen, die unter anderem Ikonen des "Neuen Sehens" zeigen.

Mal lacht die junge Frau in die Kamera, mal der nicht mehr ganz so junge Mann. Die zwei sind Reisebekannte an Bord eines Ozeandampfers, und wenn nicht sie selbst im Bild sind – sie etwa stellt übermütig die Freiheitsstatue nach, er übt sich im Stockschießen – dann wird das Schiff selbst zum tragenden Motiv dieses mehr als 30 Bilder zählenden AGFA-Rollfilms. Zu sehen sind Schornsteine, Rettungsboote und Taue sowie die Reling und ihre Schattenwürfe. 

Es sind vollendet komponierte Aufnahmen in Schwarz-Weiß, die László Moholy-Nagy im Juli 1937 auf der Atlantikpassage nach New York aufgenommen hat. Tatsächlich bestechen die Bilder nicht nur aufgrund ihrer Qualität, sondern auch wegen ihres historischen Wertes: Es geht um einen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts und seinen durch das Berufsverbot in Deutschland im Jahr 1933 und finanzielle Nöte erzwungenen Weg ins US-amerikanische Exil. 

An der Seite von Walter Gropius gelehrt

Das "Moholy-Album" ist ein opulenter gestalteter Bildband und eine Weltpremiere. Zum ersten Mal hat Hattula Moholy-Nagy, die Tochter des 1895 in Ungarn geborenen und 1946 in den USA gestorbenen Universalkünstlers, als Hüterin des Nachlasses ihr Fotoarchiv geöffnet. Gemeinsam mit der Kuratorin Jeannine Fiedler präsentiert sie etwa 1000 größtenteils noch nie publizierte Kontakte und Reprofotografien aus den Jahren 1924 bis 1937.

Moholy-Nagy war damals auf der Höhe seines Schaffens. Von 1923 bis 1928 lehrte er an der Seite von Walter Gropius am Bauhaus, um 1925 formulierte er seine Theorie zum Neuen Sehen. Das sollte sich frei machen von konventionellen Sichtweisen. Parallel dazu experimentierte er mit den heute weltberühmten Fotogrammen und Lichtskulpturen und war auf Vortragsreisen kreuz und quer durch Europa unterwegs.

Moholy glänzt in den zahllosen Alltagsbeobachtungen

Von all dem erzählen die Abbildungen. Sie zeigen Ikonen des Neuen Sehens, wie etwa Aufnahmen vom Berliner Funkturm oder der Dessauer Bauhaus-Balkone, Stillleben und Fotogramme sowie Porträts von Gefährtinnen wie Ellen Frank oder Sibylle Pietzsch, seiner zweiten Ehefrau.

Noch spannender anzusehen sind Schnappschüsse und Aufnahmen, die ohne theoretischen Überbau entstanden sind und einen formal weniger strengen und doch immer treffenden Blick des Ausnahmekünstlers offenbaren: Straßen- und Marktszenen von Helsinki, über Marseille bis Amsterdam und London, sowie zahllose Bilder von Kollegen, Freunden, Kindern und Land und Leuten. In diesen Aufnahmen zeigt sich der feine Beobachter und große Menschenfreund Moholy-Nagy.

Dass sich über 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers noch neue Aspekte in seinem Werk entdecken lassen, ist auch Jeannine Fiedler zu verdanken. Ihr umfangreiches Vorwort ordnet den "Meister aller Klassen", seine Lebensstationen, die enorme Reisetätigkeit und sein Werk ein. Auch erläutert die Kuratorin jede einzelne Abbildung, stellt Bezüge her und zitiert aus Briefen und Schriften Moholy-Nagys. So kann man dieses Buch nicht zuletzt als – fragmentarische – Autobiografie in Bildern lesen.

László Moholy-Nagy: "Moholy-Album"
Herausgegeben von Jeannine Fiedler
Steidl-Verlag, Göttingen 2019
352 Seiten, 68 Euro

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