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Studio 9 | Beitrag vom 18.06.2020

Laschet und der Corona-Hotspot FleischindustrieDie Sache mit den Sündenböcken

Von Marianne Allweiss

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Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, trägt eine Gesichtsmaske mit dem Wappen von Nordrhein-Westfalen, als er zu einer Gesprächsrunde zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsidenten der Bundesländer im Kanzleramt eintrifft. (picture alliance / dpa / Markus Schreiber / AP-Pool)
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet: Seine Äußerung über rumänische und bulgarische Beschäftigte bei Tönnies sorgt für Empörung. (picture alliance / dpa / Markus Schreiber / AP-Pool)

Im Schlachtunternehmen Tönnies im Kreis Gütersloh gibt es einen neuen Corona-Ausbruch. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ging erst davon aus, dass rumänische und bulgarische Arbeiter das Virus eingeschleppt haben. Dafür bekam er viel Kritik.

Deutschland hat schon wieder einen neuen Corona-Hotspot in einer mittlerweile dafür berüchtigten Branche: der Fleischverarbeitung. Im Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen sind mindestens 657 Menschen infiziert. 7000 Menschen stehen unter Quarantäne, Schulen und Kitas sind geschlossen. Betroffen ist Tönnies, eines der größten Schlachtunternehmen in Deutschland.

Ministerpräsident Armin Laschet ging gestern in einem Interview davon aus, dass die rumänischen und bulgarischen Arbeiter das Virus eingeschleppt haben und glaubte nicht, dass die Lockerungen der Corona-Maßnahmen zu dem Ausbruch geführt haben könnten.

"Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt", so Armin Laschet. "Das wird überall passieren. Wir haben in ganz Deutschland ähnliche Regelungen. Der Spargelhof in Bayern, der Fall in Coesfeld. Das hat nichts mit Lockerungen zu tun, sondern mit der Unterbringung von Menschen in Unterkünften und Arbeitsbedingungen in Betrieben."

Heute ergänzte der Ministerpräsident dann, es verbiete sich, Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben. Aber da war das Bild vom Sündenbock natürlich schon in der Welt.

Bewerber für den CDU-Parteivorsitz

Sind sie jetzt also selbst schuld? Diejenigen, die für wenig Geld unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und leben, damit Fleisch in Deutschland so billig sein kann?

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So sieht es jedenfalls der Fleischriese Tönnies und ist sich keiner Schuld bewusst. Und Laschet? Der hatte sich in den vergangenen Wochen als Vorreiter der Corona-Lockerungen inszeniert. Er bewirbt sich um den Parteivorsitz der CDU und gilt als möglicher Kanzlerkandidat der Union.

Kein Wunder, dass jeder Satz von ihm auf die politische Waagschale gelegt wird und auch kein Wunder, dass sein Halbsatz über Rumänen und Bulgaren nun für große Empörung sorgt.

Ungeschickte Äußerung

Auf Twitter wird unter dem Hashtag #toennies heiß diskutiert. Meist wird die auffällige Suche nach einem Sündenbock kritisiert, und das ausgerechnet von jemandem, der Verantwortung für die Arbeitsbedingungen trägt.

In unserem Programm sagte der frühere Bundestagpräsident Wolfgang Thierse: "Es ist zumindest eine ziemlich ungeschickte Äußerung. Nur erklärlich durch die überfallartige Frage auf der Straße. Und er war offensichtlich im Kopf damit beschäftigt, abzuwehren, dass das ein NRW-Problem sei."

Kritik an Laschet findet Thierse richtig. Ein Eindreschen auf ihn aber nicht. Viel wichtiger sei eine Diskussion über die Ausbeutung ausländische Arbeitskräfte in Deutschland, über diejenigen also, die jetzt die Sündenböcke sind.


Schuld sind immer die anderen - Über das Phänomen des Sündenbocks haben wir auch mit der Diplom-Psychologin Janine Dieckmann gesprochen. Sie verantwortet seit 2016 den Forschungsschwerpunkt Diskriminierung am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft der Thüringer Dokumentations- und Forschungsstelle gegen Menschenfeindlichkeit.

In der Medizingeschichte seien Epidemien oder Pandemien immer wieder mit der Suche nach Sündenböcken einhergegangen, sagte Dieckmann im Deutschlandfunk Kultur.

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