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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.02.2020

Lars Gustafsson: "Dr. Weiss’ letzter Auftrag" Alles ist überall und nirgends

Von Jörg Magenau

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Coverabbildung von Lars Gustafssons  "Dr. Weiss’ letzter Auftrag".  (Cover/Wallstein Verlag)
Dr. Weiss absolviert eine atemberaubende Reise durch Raum und Zeit. (Cover/Wallstein Verlag)

Eine mythische Krone zu suchen - das ist "Dr. Weiss' letzter Auftrag". In dem Science Fiction-Roman von Lars Gustafsson gibt es kein Anfang und kein Ende - als Leser kann man sich lustvoll in die Abgründe von Gustafssons Phantasie stürzen.

Wenn das erste Kapitel "Letztes Kapitel" heißt, sollte man gewarnt sein. Der Ich-Erzähler verlässt an diesem Anfang oder Ende das an der englischen Südküste gelegene, fiktive Städtchen Worthington mit dem Zug. 15 Jahre zuvor war er schon einmal hier, doch jetzt, verspricht er, würde er nie mehr wiederkehren.

Und doch spielt der Bahnhof von Worthington im weiteren Verlauf eine entscheidende Rolle, nicht nur, weil ein Obdachloser ihm dort ein Dokument übergeben wird, sondern mehr noch wegen des Uhrturms, der sich in der Mitte der Halle erhebt. Dessen vier Ziffernblätter zeigen in vier Richtungen, wobei die Uhren zu unterschiedlichen Stunden stehen geblieben sind.

Keine geraden Wege durch die Zeit

Der vor 2016 gestorbene schwedische Schriftsteller und Philosoph Lars Gustafsson begibt sich in seinem nachgelassenen Roman "Dr. Weiss’ letzter Auftrag" in ein Gedankenlabyrinth, in dem es keine geraden Wege durch die Zeit gibt. Was war, kommt erst noch, und die Zukunft liegt in tiefster Vergangenheit.

Von dort, aus einer voreiszeitlichen Zivilisation, stammt die mythische Eisenkrone, die bei ihrem Träger eine enorme Intelligenzverstärkung bewirkt – allerdings zum Preis der Einsicht in die "totale Nichtigkeit der menschlichen Existenz". Ein seltsamer "Ordensmeister", ein alter Mann von 35 Jahren, erteilt Dr. Weiss den Auftrag, diese Krone zu finden. Aber vielleicht hat er sie auch schon längst gefunden und getragen, und das, wonach er sucht, ist längst geschehen.

Die Zeitebenen werfen Falten, und statt einer übersichtlichen Chronologie, wo das eine aus dem anderen folgt, gibt es Knoten, Verschlingungen, Wiederholungen und abrupte Übergänge zwischen Traum und Außenwelt, Mythos, Märchen und Wirklichkeit.

Aber was ist überhaupt ein "wirklicher Ort"? Zu Beginn befindet sich der Protagonist im Inneren einer Klein’schen Flasche, die so in sich selbst verschlungen ist, dass alle Außenwände Innenwände sind. Ob er dort nur ein paar Minuten oder aber Jahrtausende festgehalten wurde, kann er nicht sagen.

Es spielt auch keine Rolle, weil er als sogenannter "Überschreiter" nicht in eine Zeit gehört, sondern in viele. Und wenn die Zeit nicht gerade, sondern verschlungen ist, dann kann ein kleiner Schritt direkt aus der Zukunft in die Vergangenheit führen.

So ist dieser Roman folgerichtig eine Art Science-Fiction-Roman, der zwischen Eiszeit, Mittelalter und den 20er Jahren angesiedelt ist. So gibt es noch Kutschen. In Potsdam spielt jedoch ein gewisser Doktor Alberstein eine Rolle, dessen Name nicht ganz zufällig Albert Einstein paraphrasiert.

Mozarts spätes "Orgelwerk in einer Uhr" kommt ebenso vor wie dessen Auftraggeber, der Wiener Graf von Deym. Dr. Weiss’ Reise führt in eine gigantische Museumshalle mit unnützen Dingen, in eine vorgeburtliche Moorlandschaft und in die Wüste, wo in einer Werft Luftschiffe gebaut werden.

Das erinnert an Michael Endes "Unendliche Geschichte" oder – in Dr. Weiss’ Begegnung mit den "Kleinwüchsigen" – an Tolkiens "Herr der Ringe".

Literatur kann alles

Jenseits der abenteuerlichen und atemraubenden Geschichte, deren kurvenreicher Verlauf dem Erzähler Gustafsson sichtlich Vergnügen bereitet hat, handelt es sich um eine praktische Einübung in die Relativität der Zeit, die nicht nur dem Helden Schwindel bereitet. Literatur weiß und kann ja alles, was Einstein bloß vermutet hat. "Quanten haben keine Temperatur", schreibt Gustafsson, "sie haben auch keinen Zeitpunkt. Alles ist überall und nirgends."

Was das fürs Erzählen bedeutet, kann man in diesem Buch erleben, das zwangsläufig Fragment geblieben ist. Doch das merkt man nicht, da es weder Anfang noch Ende geben kann. Dazwischen aber ist alles möglich, weil "unsere gesamte Welt sich in einer außergewöhnlich unwahrscheinlichen Grenzschicht zwischen verschiedenen physikalischen Systemen abspielt."

Das ist exakt der Ort, an dem sich Lars Gustafsson als Denker und Erzähler am liebsten aufgehalten hat. Wer ihm dorthin folgen möchte, kann sich mit diesem Roman lustvoll in die Abgründe seiner Phantasie hineinstürzen.

Lars Gustafsson: "Dr. Weiss’ letzter Auftrag"
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Wallstein, Göttingen 2020
146 Seiten, 20 Euro

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