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Studio 9 | Beitrag vom 26.03.2015

Langzeitaufenthalt zweiter AstronautenSelbsterfahrungsgruppe auf der Raumstation

Von Dirk Lorenzen

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US austronaut Scott Kelly (NASA) and Russian austronauts Gennady Padalka, Mikhail Kornienko (RSA), from left, members of the main crew of Expedition 43/44 to the International Space Station, pose for a group photo at a press conference ahead of the start of a one-year mission. (picture alliance / dpa / Mikhail Japaridze / TASS)
US-Astronaut Scott Kelly (NASA) und die russischen Astronauten Gennady Padalky und Mikhail Kornienko (RSA) (von links) (picture alliance / dpa / Mikhail Japaridze / TASS)

Rund ein halbes Jahr verbringen Astronauten im Schnitt im All. Doch am Freitag starten zwei Astronauten zum ersten Langzeitaufenthalt: Ein Jahr wollen sie auf der Internationalen Raumstation ISS bleiben. Erst wenn klar ist, dass Menschen das gut überstehen, sind etwa Marsexpeditionen überhaupt denkbar.

Scott Kelly und Mikhail Kornienko sollen bis zum März 2016 auf der Internationalen Raumstation leben und arbeiten. Sie werden im All Hunderte wissenschaftliche Experimente durchführen, doch der Hauptforschungsgegenstand sind sie selbst: Dutzende Experten am Boden verfolgen, ob und wie die beiden mit den Belastungen des langen Fluges klarkommen, erklärt der Chef-Mediziner der NASA John Charles:

"Wir untersuchen, wie konzentriert die Astronauten ihre Arbeit machen, wie wohl sie sich an Bord fühlen, ob sich ihre Sehkraft verändert und ob es psychische Probleme gibt. Zudem geht es natürlich um den Kreislauf, das Immunsystem, Muskelschwund und Knochenabbau und die Maßnahmen dagegen sowie um bakterielle Belastungen. Wir brauchen diese Informationen, bevor wir Raumschiffe bauen können, die die Erdumlaufbahn verlassen und zum Mars reisen sollen."

Missionen ins Sonnensystem durchführbar? 

Längere Aufenthalte im Weltraum sind durchaus gefährlich: Bei vielen Astronauten verschlechtert sich das Sehvermögen, ihr geschwächtes Immunsystem wird von Krankheitskeimen bedroht und manche ziehen sich nach der Rückkehr Knochenbrüche zu. Mit dem Ein-Jahres-Flug wird die Raumstation nun also zur Selbsterfahrungsgruppe für die ganz langen Weltraum-Reisen. Denn ob die hochfliegenden Pläne für Missionen weit hinaus ins Sonnensystem überhaupt durchführbar sind, ist noch völlig offen, kritisierte schon vor Jahren der US-Raumfahrtexperte Klaus Heiss:

"Es gibt arge Probleme, vor allem psychologische Probleme. Es gibt da einige Zwischenfälle, auch im Shuttle-Programm, wo sie einfach durchdrehen, sowohl die Russen als auch die Amerikaner. Es ist wichtig, um den Körper selber zu verstehen, aber auch um zu beantworten: Kann überhaupt ein menschlicher Körper über lange Zeit über den Mond hinaus andere Destinationen erreichen im Sonnensystem? Die Antwort heute ist: nein. Und das verneint die NASA und das verneinen die Weltraumenthusiasten. Ich brauche die Antworten, bevor ich sage, jetzt gehe ich über den Mond hinaus weiter zum Mars oder wohin auch immer."

Rekordhalter ist ein Russe

Zwar verkaufen uns die PR-Abteilungen der Raumfahrtagenturen Flüge ins All als lustiges Abenteuer, doch tatsächlich erleben viele Astronauten den Arbeitsalltag auf der Station eher als ermüdend: Sich stets wiederholende Wartungsarbeiten, Notfallübungen, das tägliche Sportprogramm, die laute Belüftungsanlage und vieles andere zerren um so mehr an den Nerven, je länger der Einsatz dauert. Dabei ist der einjährige Aufenthalt nur ein erster Schritt. Ein wirklicher Raumflug zum Mars und zurück dürfte mehr als zwei Jahre dauern. Und da gäbe es, anders als auf der Raumstation, nicht die Möglichkeit, im Notfall binnen weniger Stunden wieder auf der Erde zu sein. Scott Kelly weiß, worauf er sich einlässt – er freut sich auf seinen vierten Raumflug, hat aber auch viel Respekt vor der Aufgabe:

"Die kosmische Strahlung ist immer Anlass zur Sorge. Aber diese Belastung gehört bei Langzeitmissionen einfach dazu. Raumflüge sind mit Risiken verbunden – und ein erhöhtes Krebsrisiko ist eines davon. Allerdings beschäftigt mich viel mehr, dass ich für diese Mission über ein Jahr lang von zu Hause weg sein werde. Sich darauf einzustellen, ist gar nicht so einfach, zumal wenn man ein neunzehnjähriges Kind zurück lässt."

Scott Kellys Zwillingsbruder Mark, der einst auch für die NASA im All war, wird während der kommenden zwölf Monate auf der Erde ebenfalls regelmäßig untersucht. So sollen mögliche Auswirkungen des Weltraumaufenthalts besser auffallen. Trotz der einjährigen Mission werden Scott Kelly und Mikhail Kornienko keinen historisch langen Flug im All absolvieren. Den Rekord für die längste Zeit im All behält Waleri Poljakow: Er lebte vor zwanzig Jahren auf der russischen Raumstation MIR ununterbrochen für ein Jahr und zweieinhalb Monate.

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