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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.07.2009

Langes Leben bedeutet nicht automatisch mehr Glück

Philosoph Knell: Mehr Zeit führt zu mehr Ansprüchen

Sebastian Knell im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Wenn wir unser Leben verlängern, führt das nicht automatisch mehr Glück, sagt Sebastian Knell. (AP)
Wenn wir unser Leben verlängern, führt das nicht automatisch mehr Glück, sagt Sebastian Knell. (AP)

Der Ethiker und Philosoph Sebastian Knell bezweifelt, dass eine mögliche Verlängerung des Lebens auch zu mehr Zufriedenheit führt. Zwar habe man mehr Zeit, sein Leben "mit erfüllendem Inhalt zu versehen". Die Ansprüche an diesen Inhalt würden aber mit längerem Leben steigen, so dass nicht mehr Zufriedenheit entstünde als bei einer kürzeren Lebensspanne.

Ewig leben? Unsterblich sein? Oder immerhin 150 Jahre alt werden? In nicht allzu ferner Zeit könnte es medizinisch möglich sein, den Alterungsprozess zu verlangsamen und das Leben zu verlängern. An Nagern und Insekten ist dies Forschern schon gelungen, warum also nicht auch beim Menschen? Und was dann? Wäre ein längeres Leben wirklich ein besseres Leben? Und welche Auswirkungen hätte dies auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft? Dazu befragen wir in dieser Woche im "Radiofeuilleton" einen Altersforscher, einen Philosophen, einen Bioethiker und eine 102-Jährige.

Liane von Billerbeck: Sebastian Knell hat sich als Philosoph an der Universität Basel mit dem Längerleben befasst und auch ein Buch herausgegeben, in dem sich Autoren verschiedener Disziplinen über die Folgen von Lebensverlängerung und biologischer Unsterblichkeit äußern. Sebastian Knell ist jetzt aus Basel zugeschaltet. Ich grüße Sie!

Sebastian Knell: Guten Tag, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Ihr Büro an der Baseler Uni befindet sich im Totengässlein. Denkt man da immer mal wieder ans Lebensende oder umgedreht an dessen Aufschub?

Knell: Das ist ein Zusammenhang, der mir schon öfter aufgefallen ist, zumindest seit ich über dieses Thema forsche, und schon Kierkegaard hat ja gesagt, der Tod habe gewissermaßen den Charakter eines Weckrufs in unserem Leben. Das Bewusstsein des Todes kann dazu anstacheln, unser Leben intensiver zu leben, unser Leben bewusster zu leben. Und in diesem Zusammenhang ist eine solche Ortsbezeichnung nicht unbedingt von Nachteil.

von Billerbeck: Das heißt, "längeres Leben an sich", in Anführungsstrichen sozusagen, ist gar nicht erstrebenswert?

Knell: Man muss, glaube ich, ganz grundsätzlich unterscheiden, was man sich als Ziel setzt, ob es nur darum geht, etwa die heutige menschliche Lebensspanne auszudehnen, vielleicht sogar beträchtlich auszudehnen, sagen wir zu verdoppeln, oder ob man sich das Ziel setzen würde, tatsächlich unsere Lebensspanne ad infinitum auszudehnen, also eine Art irdische Unsterblichkeit zu realisieren, was - das muss man gleich dazusagen - natürlich kein realistisches Ziel der Biowissenschaften sein kann.

Aber wenn man jetzt mal im Gedankenexperiment sozusagen diese beiden Optionen nebeneinander hält, dann würde ich denken, dass eine Verdoppelung der Lebensspanne durchaus in mancherlei Hinsicht für die Menschen lohnend sein könnte, dass allerdings ein unbegrenztes Leben vermutlich mindestens so viele Nachteile wie Vorteile mit sich bringen würde, vielleicht sogar mehr Nachteile. Und einen Nachteil habe ich schon angedeutet, dass nämlich, wenn die Zeit unseres Lebens nicht mehr begrenzt ist durch den Stachel des Todes, sie dann für uns aufhören könnte, kostbare Lebenszeit zu sein.

von Billerbeck: Dennoch sagen Sie, dass die Verdoppelung der Lebenszeit, also sprechen wir jetzt vielleicht mal so von 150 Jahren, etwas Erstrebenswertes sein könnte. Ist denn längeres Leben per se auch besseres Leben?

Knell: Auch auf diese Frage muss man am Ende differenziert antworten. Sie zielt auf das sehr komplizierte Verhältnis von Lebensdauer und Lebensqualität. Und das Verhältnis ist deshalb, glaube ich, kompliziert, weil die Qualität eines menschlichen Lebens eine ganze Reihe unterschiedlicher Aspekte und Dimensionen hat, sodass es also sein kann, dass ein längeres Leben in manchen dieser Dimensionen für uns vorteilhaft wäre, in anderen vielleicht aber auch nicht.

Auf der einen Seite, denke ich, könnte uns ein längeres Leben die Chance bieten, unser Leben sozusagen mit mehr positivem und erfüllendem Inhalt zu versehen. Das können ganz triviale Dinge sein. Wir könnten im Laufe der Zeit mehr Dinge realisieren, die wir genießen oder wertschätzen, mehr schöne Reise machen, mehr spannende Bücher lesen, mehr interessanten Menschen begegnen und dadurch unserem Leben mehr positiven Inhalt geben.

Wir könnten auch auf eine vielleicht weniger triviale Weise die qualitative Bandbreite unserer Erfahrungen und Aktivitäten steigern. Also wenn beispielsweise jemand, der zunächst beruflich im Bereich der Wissenschaft tätig ist, in einer späteren Phase seines Lebens noch künstlerisch aktiv würde oder in einer noch späteren Phase journalistisch arbeiten würde oder in die Politik gehen würde, dann wäre dies eine Verbreiterung der qualitativen Vielfalt der Erfahrungen des Lebens. Das wäre gewissermaßen auf der positiven Seite.

Und ich denke, dass aber nun andererseits mit dieser Chance nicht automatisch eine Garantie verbunden wäre, dass wir auch glücklicher leben würden, und zwar aufgrund von folgender Überlegung: Das Glück hat ganz wesentlich mit der Zufriedenheit zu tun, die wir mit unserem Leben als Ganzem haben. Und diese Zufriedenheit hängt von den Ansprüchen und von den Erwartungen ab, die wir an die Qualität unseres Lebens richten.

Nun ist es aber so, wenn wir mehr Zeit vor Augen hätten, mehr Zeit zur Verfügung hätten, dann wäre es in unserem Leben in der Tat möglich, dem Leben mehr positiven und erfüllenden Inhalt zu geben, so wie ich das vorher skizziert habe, aber gleichzeitig würden sich auch die Ansprüche an den möglichen Inhalt unseres Lebens erhöhen. Und das heißt, wir wären am Ende auch nur mit entsprechend mehr zufrieden, sodass insgesamt die Zufriedenheit mit dem Ganzen unseres Lebens vermutlich nicht gegenüber der heutigen Situation gesteigert wäre, in der wir eine kürzere Lebensspanne zur Verfügung haben.

von Billerbeck: Nun unterscheidet sich der Mensch ja vom Tier durch sein Wissen, dass er sterben muss, jedenfalls bis jetzt. Was würde sich denn ändern, wenn wir den Tod also weit nach hinten hinausschieben oder - wenn wir das mal theoretisch debattieren - ganz abschaffen könnten?

Knell: Wenn wir den Tod tatsächlich ganz abschaffen könnten, was - um's noch mal zu betonen - keine realistische Option der Biotechnik ist, dann würde sich zum einen das ändern, was ich schon angedeutet habe: Die Zeit würde für uns vermutlich aufhören, ein kostbares Gut zu sein ...

von Billerbeck: Würden wir uns nicht zu Tode langweilen, um diese Formulierung mal zu benutzen?

Knell: Ja, genau, das ist auch eine Möglichkeit, die man in Betracht ziehen muss, weil man natürlich sagen kann, dass in einem endlosen Leben, wo man irgendwann schon alles gesehen hat und alles erlebt hat und alles irgendwann anfangen würde, sich zu wiederholen, uns schlicht die Interessen ausgehen würden. Und die Interessen sind eine wesentliche Grundlage dafür, sich nicht zu langweilen und das Leben sinnerfüllend gestalten zu können.

von Billerbeck: Welche Folgen hätte denn das Länger- oder Immer-Leben für die Gesellschaft? Bisher haben wir ja nur über das Individuelle gesprochen, aber welche Vorteile, welche Nachteile hätte die menschliche Gesellschaft davon?

Knell: Ich will vielleicht mit einem möglichen Nachteil beginnen, weil der in der Diskussion über Lebensverlängerung häufig angeführt wird, etwa von so bekannten Autoren wie Hans Jonas oder Francis Fukuyama, die sagen, es besteht die Gefahr, wenn die Menschen alle länger leben würden, dass unsere Gesellschaften gewissermaßen ihre Selbsterneuerungskräfte einbüßen würden und geistig und politisch immobil werden könnten, weil nur noch ein relativ kleiner Teil der Menschen jung wäre und damit sozusagen die Frische eines jugendlichen Blicks auf die Welt ins Spiel bringen würde, was wiederum eine Voraussetzung ist für innovative Ideen und neues Denken.

Nun könnte man aber auf der anderen Seite sagen, das mentale Altern hat ja auch positive Seiten, nämlich so etwas wie eine gewachsene Lebensweisheit und Lebenserfahrung. Und die Gesellschaft könnte doch unter Umständen auf der anderen Seite auch sehr davon profitieren, wenn mehr Menschen in Schlüsselpositionen und Führungspositionen mit einer solchen gewachsenen Lebensweisheit und Lebenserfahrung zugange wären. Also denken Sie nur an die heutige Helmut-Schmidt-Euphorie, die ja ein Indiz dafür ist, dass durchaus ein gesellschaftlicher Bedarf an solchen erfahrenen und lebensweisen Figuren besteht.

von Billerbeck: Nur ist man nicht automatisch, wenn man 90 ist, auch so klug wie Helmut Schmidt, also das ist ja vermutlich auch eine Ausnahmeperson.

Knell: Das ist vielleicht auch richtig, allerdings denke ich, dass die Befürchtung, dass die Gesellschaft mental verkrusten würde, vielleicht auch ein Stück weit auf einem ageistischen Vorurteil beruht, also einer diskriminierenden Vorstellung bezogen auf die Fähigkeiten älterer Menschen. Also wir haben einfach so diese stereotype Vorstellung, dass man, wenn man altert, dass man dann zwangsläufig unflexibel wird, dass die Neugierde nachlässt.

Ich gebe Ihnen recht, dass man natürlich nicht darauf setzen kann, dass wir im Parlament 500 Helmut Schmidts hätten, aber ich möchte wenigstens zu bedenken geben, dass die umgekehrte Befürchtung, dass man bei der vorsichtig sein muss, ob sie nicht auch auf einem Vorurteil gegenüber dem Geist älterer Menschen basiert.

von Billerbeck: Deutschlandradio Kultur. Länger leben, sollen wir das wirklich wollen? Das fragen wir den Ethiker Sebastian Knell. Herr Knell, es ist ja schon jetzt so, dass wir wissen, dass wohlhabende Menschen länger leben als ärmere. Was meinen Sie, wird sich dieser Trend verstärken, wird es längeres Leben also eher für die Wohlhabenden geben?

Knell: Das halte ich für ein ganz großes Problem, das drohen könnte, denn es ist bestimmt so, dass lebensverlängernde Therapien, wenn sie eines Tages entwickelt werden, zumindest in einer ersten Phase ihrer Entwicklung vermutlich knapp sein werden und auch extrem kostenintensiv, sodass tatsächlich die Gefahr besteht, dass sich nur die wohlhabenderen Mitglieder einer Gesellschaft diese Therapien leisten können. Und das würde bedeuten, dass dann diejenigen, die sowieso schon zu den Privilegierten zählen, auch noch vielleicht doppelt so lange leben würden wie die anderen. Das würde natürlich existierende Gerechtigkeitsprobleme extrem verschärfen.

Es gibt auch noch ein weiteres Problem, das sich damit verbinden könnte: Es bestünde vielleicht die Gefahr, dass diejenigen, die zu den Langlebigen zählen, sich gewissermaßen aufgrund ihrer größeren Robustheit zu so etwas wie einem höherwertigen Menschentypus stilisieren könnten und dann verächtlich auf die Kurzlebigen herabblicken könnten, was zu fatalen neuen Formen der sozialen Diskriminierung innerhalb einer Gesellschaft führen könnte. Also deswegen denke ich, die Politik müsste unbedingt dafür Sorge tragen, dass lebensverlängernde Therapien allen Menschen zugänglich sind, sollten sie einmal technisch verfügbar sein, und dies eben, sei es über die medizinische Grundversorgung oder auch über andere sozialstaatliche Beihilfen. Das ist übrigens ein Grund, warum ich denke, dass es sich unbedingt lohnt, bereits zum heutigen Zeitpunkt aus ethischer Perspektive über diese Zukunftsoption eines verlängerten Lebens Gedanken zu machen.

von Billerbeck: Herr Knell, Sie sind jetzt Anfang 40, ganz persönliche Frage: Wie lange möchten Sie leben?

Knell: Also zunächst mal würde ich natürlich hoffen, die heute übliche Lebensspanne von 75 oder 80 Jahren durchlaufen zu können. Gäbe es allerdings die Möglichkeit lebensverlängernder Therapien und wären die nicht mit irgendwelchen Risiken verbunden, dann wäre ich durchaus neugierig genug, auch ein längeres Leben auszuprobieren, das muss ich sagen. Es ist natürlich gerade so, wenn man im Bereich der Wissenschaft arbeitet, zumal in der Philosophie, wo die Dinge ungeheuer komplex sind und es so ist, dass man häufig erst nach langen Jahren einen kompetenten Überblick über die Materie gewinnt, dann hat man eigentlich immer Grund, neugierig zu bleiben und weiterleben zu wollen. Natürlich gibt es auch andere Motive, private Motive, die einen zum Leben antreiben, aber die Wissenschaft ist jedenfalls, glaube ich, immer ein guter Grund, langfristig neugierig zu bleiben.

von Billerbeck: Ewig leben, unsterblich sein - sollen wir das wirklich wollen? Darüber sprachen wir mit dem Philosophen und Ethiker Sebastian Knell. Ich danke Ihnen!

Knell: Ja, vielen Dank, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Übermorgen, am 17. Juli, haben wir den Bioethiker Thomas Schramme in unserer Reihe "Länger leben" zu Gast und fragen ihn, ob Alter eine Krankheit ist.

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