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Lange Nacht | Beitrag vom 14.12.2019

Lange Nacht über SpielzeugGefährten der Kindheit

Von Katharina Palm

Ein Stofftier sitzt in einem Kinderzimmer auf einem Bett. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Stofftiere sind emotionale Begleiter für viele Kinder (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Viele Erinnerungen und Emotionen hängen an dem Teddy oder auch der Barbie-Puppe. Spielzeug gibt es schon seit der Steinzeit. Immer waren damit bestimmte pädagogische Erwartungen verbunden. Auch ließ sich an Spielzeug der soziale Status ableiten.

Puppen sind ganz besondere Spielzeuge. Sie spiegeln nicht nur Menschen, sondern auch ihre jeweilige kulturhistorische Epoche und den sozialen Status der zumeist weiblichen Besitzerin wider:

"In der Antike war es so, dass die Mädchen in dem Übergang vom Mädchen zur Frau, ihre Puppe opfern mussten. Die Puppe abzugeben, entweder der Göttin Hera, der Göttin Aphrodite, der Göttin Arthemis − je nachdem, welches Frauenbild die Mädchen wählten, opferten sie ihre Puppe dieser Göttin und damit war die Kindheit beendet. Im Übrigen ein Thema, was auch später immer eine wichtige Rolle spielt: Wie lange darf man als Mädchen noch mit Puppen spielen und wann die Puppe preisgegeben werden musste, wenn es sich nicht mehr schickte, mit der Puppe zu spielen, dann war die Kindheit auch zu Ende." (Insa Fooken, Professorin für Entwicklungspsychologie)

Puppen als Gefährten der Kindheit

Im Mittelalter ist die Puppe dann zunehmend auch Symbol des gesellschaftlichen Ranges. Es gab bereits Massenware in Form von Ton- oder Holzpuppen für die unteren Schichten. Und dann gab es die wertvollen handgefertigten Puppen aus Porzellan für höfische Schichten. Mit diesen durften die adeligen Kinder aber nur unter Aufsicht spielen. Zu groß war die Gefahr, dass die teuren Puppen kaputtgingen.



Die Geschichte des Sandmännchens ist auch eine Geschichte des Wettstreits zwischen der DDR und der BRD. Denn sowohl das DDR-Fernsehen als auch der Sender Freies Berlin verwirklichten ein entsprechendes Konzept. Die DDR-Figur wurde nach der Wiedervereinigung fortgeführt − und der Abendgruß ist bis heute fester Bestandteil vieler Kinder im Fernsehprogramm.

Klassische Puppen werden auch von Jungen als Seelentröster und Gefährten geliebt − wenn man sie lässt. Geht man aber heute in einen Spielzeugladen, ist dieser klar aufgeteilt, hier die Mädchenspielzeuge in rosa, dort das Jungenspielzeug in blau. Von den Bausteinen in rosa fühlt sich der Junge nicht angesprochen, und mit dem Lillifee-Fahrrad seiner Schwester wird er nicht fahren wollen, also wird für die Geschwister alles doppelt gekauft. Die starren Geschlechterrollen werden bereits im Kindesalter zementiert.

"Seit der Aufklärung läuft dieses Thema und es wird oft gesagt, dass Kinder eben diese Fähigkeit haben, Dinge zu puppefizieren. Wenn Puppen ausgeformt sind, einen ganz bestimmten Ausdruck haben, einen bestimmten Status haben, ist es in bestimmten pädagogischen Kreisen eine Vermutung gewesen, da wird nur nach Stereotyp mitgespielt. Es verhindert kindliche Kreativität. Es wird etwas Fertiges vorgesetzt. Es wird stereotyp gespielt. Und diese Diskussion haben wir natürlich bei Barbie wiedergefunden."

Kaum eine Puppe hat jemals so kontroverse Diskussionen hervorgerufen wie Barbie. Angefangen hatte alles in Hamburg, am 23. Juni 1952. Der Karikaturist Reinhard Beuthien sollte eine Figur für einen Cartoon der ersten Ausgabe der "Bild"-Zeitung entwerfen. Er zeichnete eine junge Frau, mit großem Busen, Wespentaille, kleinem Po, sehr langen Beinen, einem blonden Pony und einem Pferdeschwanz. Sie bekam den Namen Lilli. Die Produktion der Lilli wurde nach acht Jahren und rund 130.000 verkauften Puppen eingestellt, denn aus dem German Froilein wurde eine Amerikanerin. Für 86.500 Mark wurden die Rechte an Mattel verkauft. Ein gutes Geschäft, denn Barbie verkaufte sich seit ihrer Einführung am 9. März 1959 mehr als eine Milliarde Mal.

Die Kunsthandwerkerin Käthe Kruse mit zwei von ihr gestalteten Puppen, aufgenommen 1955 (dpa)Die Kunsthandwerkerin Käthe Kruse mit zwei von ihr gestalteten Puppen, aufgenommen 1955 (dpa)

Eine andere Puppe, diesmal aus Holz, hat es geschafft, in Ost und West gleichermaßen populär zu werden, erst literarisch, dann in Filmen und Serien. Pinocchio erschien 1881 erst als Fortsetzungsgeschichte in einer italienischen Wochenzeitung unter dem Titel: Le Aventure di Pinocchio: Storia di un Burratino. Auf Grund des Erfolges entschied sich der Autor Carlo Collodi, 1883 daraus ein Buch zu machen. Dies regte den russischen Schriftsteller Alexej Tolstoi an, die Geschichte zu adaptieren. Auch hier ging es um einen Holzscheit, aus dem eine Puppe geschnitzt wird.

1905 begann eine weitere Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. Käthe Kruse hatte ihr zweites Kind bekommen und ihre dreijährige Tochter Mimerle wünschte sich zu Weihnachten eine Puppe. Sie bat ihren Mann Max, einen bekannten Berliner Bildhauer, eine Puppe zu kaufen. Der weigerte sich aber, nachdem er das Angebot in verschiedenen Kaufhäusern studiert hatte.

"Nein, ich kauf‘ euch keine Puppen. Ich finde sie scheußlich. Wie kann man mit einem harten, kalten und steifen Ding mütterliche Gefühle wecken. Macht euch selber welche."

Käthe Kruse nahm die Herausforderung an. Bald hatte sie über 100 Mitarbeiter für die vielen Aufträge, die alle von Hand gefertigt wurden.

Kuscheltiere mit einer besonderen Aufgabe

Manche sitzen noch heute auf dem Sofa, dem Bett oder dem Regal, andere fristen inzwischen in dunklen Kisten oder Kartons ihr Dasein. Einst wurden sie über alles geliebt, einschlafen ohne sie war unmöglich und ein Verlust - undenkbar. Plüschtiere gibt es in allen Farben, Formen und Gattungen. Die Psychologie nennt sie, wie auch die Puppen, "Übergangsobjekte". Sie helfen Kindern dabei, sich von den Eltern zu lösen.

In seinem Buch "Alle was du brauchst" beschreibt Christoph Hein, was nicht nur Kinder brauchen:

"Irgendetwas zum Kuscheln sollte jeder haben. Etwas Weiches, Flauschiges, Puscheliges, Duftendes, Warmes, Flaumiges, Wolliges, Zärtliches. Etwas zum Streicheln, wenn du ganz allein bist und deine Mama nicht erreichbar ist. Oder wenn du dich mit ihr verzankt hast und dich einsam fühlst oder getröstet werden musst. Alle Menschen kuscheln gerne. Auch die Erwachsenen, auch Mama und Papa."

Eine besondere Erfolgsgeschichte ist der Teddybär. Für Jungen war es Ende des 19. Jahrhunderts gesellschaftlich nicht akzeptiert, mit Puppen zu spielen, es sei denn, es handelte sich um Soldaten- oder Ritterfiguren. Empathie, Fürsorge und Liebe ließen sich damit aber spielerisch nicht erfahren. Richard Steiff, der Neffe von Margarete Steiff, erkannte das. Er wollte eine Puppe für Jungen entwickeln. In seinem Skizzenbuch finden sich viele Zeichnungen von Bären, die er bei einem seiner Zoobesuche in Stuttgart gesehen hatte. 1903 stellte er dann den von ihm entwickelten "Bär 55 PB" auf der Leipziger Frühjahrsmesse vor. Wobei die Zahl für die 55 Zentimeter Größe, P für Plüsch und B für Beweglichkeit steht. Denn das Besondere dieses Plüschbären war die Technik der beweglichen Glieder, die man damals schon für die Produktion der Babypuppen verwendete.

Teddybär-Krankenhaus in Berlin
Die Puppenklinik ist ein studentisches Projekt, welches Kindern ein wenig die Scheu vor dem Arzt nehmen möchte. Hier werden etwa 3.000 kranke Teddys an sechs Sprechtagen pro Jahr verarztet.

Ein amerikanischer Händler entdeckt den Teddybären und bestellt direkt 3000 Stück. Der Sekretär des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt kaufte einen dieser Bären und verschenkte ihn an die Tochter des Präsidenten. Diese war begeistert und taufte ihn "Teddy". Soweit die deutsche Geschichte.

Die Amerikanische erzählt von der Weigerung des Präsidenten, auf einer Jagd ein angebundenes Bärenjunges zu erschießen. Diesen Vorfall hielt dann der Pulitzer-Preis-Gewinner Cifford K. Berryman in einer Karikatur fest. Dem davon inspirierten Geschäftsmann Moris Mishtom wurde vom Präsidenten erlaubt, einem in seinem Schaufenster ausgestellten Plüschbären den Namen "Teddy" zu geben, den Kosenamen des Präsidenten. Beide Geschichten gehen auf das Jahr 1902 zurück. Margarete Steiff stellte aber klar:

"Die Gliederbären, die unter dem Namen Teddy-Bären weltberühmt wurden, sind unsere alleinige Erfindung. Das Modell stammt also nicht aus Amerika, auch nicht die Idee. Wer meine Ware kennt, wird sie unmöglich mit minderwertiger Ware verwechseln. Sollten oben empfohlene Bären Nachahmungen gefunden haben, so bitte ich meine verehrlichen Kunden um Beweismaterial. Nur die Marke Knopf im Ohr ist wirklich ein dauerhaftes und künstlerisch schönes Spielzeug."

Brettspiele mit langer Tradition

Schachfiguren auf einem Schachbrett (imago sportfotodienst)Schach - ein sehr altes Spiel, bei dem es auf Taktik ankommt (imago sportfotodienst)

Brettspiele sind ein sehr altes Kulturgut. In der Grabstätte der Nefertari, der Frau des Pharao Ramses II. in Ägypten, ist auf einem Bild zu sehen, wie das Brettspiel "Senet" gespielt wird, etwa 3000 vor Christus. Eines der ältesten Spiele ist auch "Pachisi", der Vorläufer des heutigen "Mensch ärgere dich nicht". In Indien des 6. Jahrhunderts entstanden, kam es dann durch Reisende nach Europa.

Heute gilt Schach als Sport. Wenn die Großmeister um die Weltmeisterschaft spielen, wird das im Fernsehen überragen und in den Zeitungen ausführlich besprochen. Über das Wesen des Schachspiels machen sich die Autoren des Buches "Rettet das Spiel" Gerald Hüther und Christoph Quarch Gedanken.

"Das Spielbrett ist ein Schlachtfeld. Und es geht darum, dass sich im Spielverlauf erweist, wer die Schlacht gewinnt. Kein Glück – wie bei "Mensch ärgere dich nicht", Risiko, Monopoly oder überall da, wo gewürfelt wird – mengt sich ins Spiel. Es gibt ein klares Regelwerk, das eine schier unendliche Fülle von Spielzügen zulässt, was dazu führt, dass sich der Reiz des Spiels niemals erschöpft."

"Spiel des Jahres"
Schon seit 1979 wird einmal jährlich ein Spiel zum "Spiel des Jahres" gekürt. Eine Kritikerjury will mit ihrer Wahl ein breites Publikum ansprechen − schon lange ist der Titel begehrt. Ein berühmter Klassiker ist zum Beispiel "Die Siedler von Catan".

Harald Schrapers ist Vorsitzender des Vereins "Spiel des Jahres" und als Spielekritiker auch Mitglied der Jury für das "Spiel des Jahres". Er ist kein großer Freund des Schachs, weil hierbei immer der Bessere gewinnt und man nur bei gleicher Spielerstärke einen fairen Wettkampf bestreiten kann. Er schätzt eher Spiele, bei denen es eine Mischung aus Zufall und Taktik gibt, so das mal der Bessere gewinnt und mal der Glücklichere. Die Geschichte der deutschen Brettspiele ist eine ganz besondere:

"In Deutschland wurde eigentlich schon immer gespielt. Natürlich zur einen Seite traditionell, Skat, Schafkopf, was vielleicht auch eine Funktion hatte für Männerbünde, für Männer, die zusammen sitzen, auch Backgammon in Griechenland und in anderen Ländern. In Deutschland wurde wahrscheinlich schon immer ein bisschen mehr gespielt, aber die Nachfrage nach Brettspielen war dann auch eine ganz besondere, weil die Leute jetzt auch erfuhren, da gibt es etwas völlig Neues und tolle Sachen. Man nennt im Ausland, im englischsprachigen Ausland, diese Art von Spielen ja "German Style Games", Deutsche Spiele, und das ist was Besonderes."

Manuskripte zum Nachlesen und Download: als TXT-File / als PDF

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