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Lange Nacht | Beitrag vom 06.07.2019

Lange Nacht über den Künstler George Grosz"Ein kleines Ja und ein großes Nein"

Von Berit Hempel

George Grosz steht an der Staffelei vor seinem Selbstbildnis (picture-alliance / dpa)
Der Maler und Grafiker George Grosz in seinem Atelier (picture-alliance / dpa)

George Grosz zählt zu den wichtigsten Künstlern der Weimarer Republik: Er prangerte Krieg, Militarismus und Ausbeutung an. Ende der 1920er-Jahre wurde er zunehmend von rechten Kreisen bedroht - und emigrierte in die USA. Vor 60 Jahren starb er - zurück in Berlin.

Für die einen war er der traurigste Mensch Europas, für die anderen ein Gotteslästerer, für die dritten ein großer Künstler. 1893 als Georg Ehrenfried Groß geboren, ändert er zur Zeit großer Engländerfeindlichkeit in Deutschland seinen Namen in George Grosz.

Er legt den Finger in die Wunden der Weimarer Republik, reißt den Menschen die Masken herunter und legt ihre Fratzen frei. Wegen seiner kritischen Bilder wird er in den 20er-Jahren mehrfach angeklagt. Knapp drei Wochen bevor die Nationalsozialisten, nach der Machtübernahme Ende Januar 1933, sein Atelier und seine Wohnung stürmen, verlässt er zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern Deutschland.

In den USA gibt er Kunstunterricht - Salvador Dalí schaut kurz bei ihm vorbei - malt Dünenlandschaften und seltsame Wesen, die nur entfernt Menschen ähneln. Mithilfe von Alkohol versucht er, seine Depressionen in den Griff zu bekommen.

1959 kehrt George Grosz nach Deutschland zurück. Der amerikanische Traum? Für ihn eine Seifenblase. In seiner alten Heimat wird der Rückkehrer gefeiert und bejubelt. Sechs Wochen nach seiner Ankunft stirbt George Grosz nach einem Sturz in einem Berliner Treppenhaus.

Links

George Grosz 1893-1959 bei LeMOGrosz, George (eigentlich Georg Ehrenfried) bei Deutsche Biographie
Georg Grosz bei Art Directory
Georg Grosz Archiv  
Georg Grosz bei Wikipedia

Erste Stunde: Rebellischer Geist in der Kindheit und Jugend

"Ich war sehr allein." …schreibt George Grosz in seiner Autobiographie und leitet damit zu einem Schlüsselerlebnis in seiner Kindheit über. Er erinnert an das Jahr 1901 – das Jahr, in dem er nach dem Tod seines Vaters als Grundschüler mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern aus einem kleinen Ort in der Provinz in die Metropole Berlin zieht:

"Aus einer mir vertrauten Umgebung in Stolp kommend, stand ich während einer Pause auf dem Schulhof. Alles war mir so fremd und die Berliner Umgebung so neu, und ich hatte auch noch keine rechte Freundschaft schließen können. So stand ich da, halb träumend und war gerade dabei, in mein ausgewickeltes Butterbrot hineinzubeißen, als ich plötzlich von einem vorbeirennenden Jungen einen kräftigen Stoß in den Rücken erhielt und der Länge nach mit dem Gesicht auf meinem Butterbrot in den Schmutz fiel… Ich war wie gelähmt. Ich war vernichtet, und obwohl ich den Jungen davonrennen sah, war ich nicht imstande, ihm zu folgen oder gar eine Prügelei zu wagen. Warum, weiß ich selbst nicht; es muss etwas anderes gewesen sein als nur ein gewöhnlicher Stoß in den Rücken. In mir, so besinne ich mich, war es eiskalt vor Hass und Wut, aber irgendwie schluckte ich es, ohne zu murren – merkwürdig."

"Das war ein einschneidendes Erlebnis über die Hinterhältigkeit von Menschen. Und er schreibt es auch in seiner Autobiografie, wie dieses Kindheitserlebnis ihn geprägt hat und ihn eigentlich verfolgt hat durch sein ganzes Leben, diese Hinterhältigkeit, die latent vorhanden ist." Erklärt Grosz´ Nachlassverwalter Ralph Jentsch. 

George Grosz schreibt weiter: "Später lernte ich meine Lektion, und viel später gehörte ich selbst zu jenen, die Stöße in den Rücken butterbrotessender und träumender Jungen verabfolgten. Aber komisch, ich habe dieses Erlebnis bis heute nicht vergessen. Oft noch empfand ich die ungeheure Bösartigkeit, Einsamkeit und Verlorenheit, die ich auf dem Schulhof in der Artilleriestraße verspürte. Ich fand diesen Menschentyp dann in fast allen Lebenslagen wieder; es war, als hätte ich damals ein tieferes Gesetz der Brutalität entdeckt, aber gleichzeitig damit das immer und ewig vorhandene Lachen der Schadenfreude.

"Da sprach dann natürlich der satirische Maler aus ihm, der das Bürgertum, das antidemokratische, antirepublikanische Bürgertum dann ja mit Stift und Farbe schubste, herunterstieß, die sogenannten Stützen der Gesellschaft - natürlich auch ein literarischer Bezug auf Ipsen - bloßstellte und natürlich sehr stark zurückschubste und dann natürlich auch verarbeiten musste, dass wiederum zurückgeschubst wurde." erläutert der Biograph Alexander Kluy.

"Er war ja dann auch in den späten zwanziger Jahren der deutsche Künstler, der am heftigsten von der deutschen Justiz traktiert wurde mit allen Folgen für seine Karriere. Wir sprechen jetzt erst mal nicht von den Nerven, vom Nervenkostüm. Sondern wir sprechen auch von Auswirkungen auf die eigene Karriere. Ihm wurde dann ja auch bei der Wahl in eine sehr namhafte Akademie die Aufnahme verwehrt und statt seiner wurde Emil Nolde aufgenommen, damals völkisch, ideologisch völkisch nationalistisch eingestellt und er, sehr links verfemt, von der Justiz heftigst traktiert. Die Schubser waren groß in seiner Karriere und das hat ja bis zu seinem Tode nicht aufgehört. Und das hat in den 60 Jahren seither nicht aufgehört. Wenn man überlegt, dass die Kunstgeschichte, vor allem die deutschen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, ihn sehr gern nur auf zehn Jahre seines Schaffens festlegen, dann schubst ihn die Kunstgeschichte immer noch herum. Und er war ja fast 50 Jahre lang aktiv, ungemein fleißig, sehr produktiv und schuf dann später vor allem nach 1933/1940 Werksuiten, die zum Teil seit mehr als 30 Jahren in Deutschland nicht mehr ausgestellt worden sind. Das heißt, bis heute wird geschubst."

"Ja, Maler wollte ich zu gerne werden"

"Er hat ein unglaubliches Oeuvre schon als 15jähriger geschaffen, an die 400 Zeichnungen und Aquarelle, die von einer unglaublichen Qualität sind und auch ein Selbstbewusstsein und wo eigentlich reflektiert wird seine Fantasie und sein unmittelbares Erleben seiner Umgebung. Und da gibt es also eine großartige Mischung zwischen Fantasie und Traum und Realität. Und ich glaube, dass Grosz ein ganz wacher Geist war, der sehr früh auch gemerkt hat, wo es langgeht, wo es Ungerechtigkeiten gibt, wo es Ansätze gibt, etwas bewirken zu können. // Aber die kritische Einstellung gegenüber seiner Umgebung, die hat er eigentlich schon als Junge gehabt." (Alexander Kluy)

Aber Georg Ehrenfried Groß treibt auch ein ganz simpler Gedanke an, nämlich schlicht der, seiner Mutter und seinen Freunden, Bekannten und Nachbarn in Stolp zu imponieren:

"Ja, Maler wollte ich zu gerne werden, große Bilder malen, die dann doch sicher in Velhagen & Klasings Monatsheften reproduziert würden. Da würden dann die Stolper sie auch zu sehen bekommen und meine Mutter würde ordentlich stolz sein, wie man da und dort über mich sprach. Schöne Gedanken bewegten mich und versöhnten mich mit der nicht so ganz einverstandenen Umwelt. Ach, die Fantasie – es war schon tadellos -, oder vielleicht war es noch besser, wenn ich ein Illustrator würde?"

Groß' Suche nach seinem Platz in der pulsierenden Metropole

Mit der Historienmalerei hat er abgeschlossen. Er zeichnet lieber und verkauft seine Zeichnungen an Zeitungen. So verdient er sich neben dem Stipendium zusätzliches Geld. 

"Während draußen die Vögel in den Bäumen zwitscherten und die Sonne in mein Fenster schien, zeichnete ich Hunderte von Blättern. Sie stellten eigentlich immer dasselbe dar: Zwei Figuren, die sich gegenüberstanden, grotesk verzerrt. Dazu erfand ich Witze. Sie waren meist recht unwitzig und schematisch. Aber die Zeichnungen waren leichter verkäuflich, wenn ich die Witze mitlieferte. Allmählich wurde es eine wahre Schinderei, passende Witze zu finden, denn ich war kein Witzbold und meine Weiterreise zur Vereinsamung, zur Sammlung, zum wirklichen Humor und zur gerechten Verachtung der Masse hatte noch nicht begonnen. Nur meine Fahrkarte hatte ich in der Tasche. Ich war ein Esel unter Eseln, aber sehr heiter, wenn ich jetzt daran zurückdenke. "

Alexander Kluy: "Natürlich war das auch eine Phase in der er sich selber finden wollte, finden musste sich auch künstlerisch ausprobierte, immer wieder Neues anfing im Zeichenstil, im Habitus, neues Amalgam verarbeitete, begierig aufgriff. Das waren ja auch die Jahre, wo französische Künstler wie Picasso und Léger auf afrikanische Kunst begierig reagierten. Plötzlich war da eine ganz andere Ausdruckskraft dahinter und die deutschen Expressionisten wollten expressiv sein, also sich ausdrücken, zum Teil ganz primitiv in Anführungszeichen und Groß mittendrin, der sich immer wieder verändern wollte und verändern musste und anfing, Zeitungen zu beliefern mit charakteristischen Zeichnungen. Das für mich Faszinierende von sehr früh an bei ihm war auf einer Seite das Wilde, das Ungezügelte. Auf der anderen Seite dieses ungemein Disziplinierte. Er war nicht nur eine Augenbestie sondern auch ein Arbeitstier, der enorm viel produzierte, zeichnete, sehr überlegt vorging und ein Werk schuf, das von der Größe her bis heute kaum überschaubar ist."

Buchtipp:

Georg Grosz. König ohne Land. Biografie. Von Alexander Kluy, DVA 2017
Die erste umfassende Biografie über den herausragenden Maler der Moderne

Alexander Kluy erzählt von Leben und Werk des Ausnahmekünstlers George Grosz. Er wertet nach Angaben des Verlags zahlreiche Dokumente und archivalische Quellen erstmalig aus.

Ausstellungstipp:

George Grosz in Berlin | Bröhan-Museum 

In der Ausstellung sind über 200 Werke aus Berliner Museen und Privatsammlungen, dem Berliner Kunsthandel und aus dem sich in Berlin befindlichen Nachlass zu sehen, die sonst größtenteils nicht öffentlich zugänglich sind.

Kostenlose öffentliche Führungen
(zzgl. Museumseintritt) an jedem Sonntag, 15 Uhr, Anmeldung nicht erforderlich

Mit der Historienmalerei hat er abgeschlossen. Er zeichnet lieber und verkauft seine Zeichnungen an Zeitungen. So verdient er sich neben dem Stipendium zusätzliches Geld. 

"Während draußen die Vögel in den Bäumen zwitscherten und die Sonne in mein Fenster schien, zeichnete ich Hunderte von Blättern. Sie stellten eigentlich immer dasselbe dar: Zwei Figuren, die sich gegenüberstanden, grotesk verzerrt. Dazu erfand ich Witze. Sie waren meist recht unwitzig und schematisch. Aber die Zeichnungen waren leichter verkäuflich, wenn ich die Witze mitlieferte. Allmählich wurde es eine wahre Schinderei, passende Witze zu finden, denn ich war kein Witzbold und meine Weiterreise zur Vereinsamung, zur Sammlung, zum wirklichen Humor und zur gerechten Verachtung der Masse hatte noch nicht begonnen. Nur meine Fahrkarte hatte ich in der Tasche. Ich war ein Esel unter Eseln, aber sehr heiter, wenn ich jetzt daran zurückdenke."

Alexander Kluy: "Natürlich war das auch eine Phase in der er sich selber finden wollte, finden musste sich auch künstlerisch ausprobierte, immer wieder Neues anfing im Zeichenstil, im Habitus, neues Amalgam verarbeitete, begierig aufgriff. Das waren ja auch die Jahre, wo französische Künstler wie Picasso und Léger auf afrikanische Kunst begierig reagierten. Plötzlich war da eine ganz andere Ausdruckskraft dahinter und die deutschen Expressionisten wollten expressiv sein, also sich ausdrücken, zum Teil ganz primitiv in Anführungszeichen und Groß mittendrin, der sich immer wieder verändern wollte und verändern musste und anfing, Zeitungen zu beliefern mit charakteristischen Zeichnungen. Das für mich Faszinierende von sehr früh an bei ihm war auf einer Seite das Wilde, das Ungezügelte. Auf der anderen Seite dieses ungemein Disziplinierte. Er war nicht nur eine Augenbestie sondern auch ein Arbeitstier, der enorm viel produzierte, zeichnete, sehr überlegt vorging und ein Werk schuf, das von der Größe her bis heute kaum überschaubar ist."

Zweite Stunde: Zerrissenheit, Kampf und Überleben

Ralph Jentsch: "Nach der zweiten Einberufung, ist er vollkommen durchgedreht und sollte dann vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Dann hat man halt eine Idioten Prüfung bei ihm gemacht. Das ist alles großartig, was man dann mit so Leuten veranstalten kann. Und er sollte eigentlich standrechtlich erschossen werden und nur durch die Eingabe von Graf Kessler, der mit Grosz befreundet war, ist das verhindert worden.

Alexander Kluy: "Dann kam er in ein Irrenhaus für mehrere Wochen und das war die Hölle auf Erden. Vor dem Ersten Weltkrieg beschrieb er immer wieder gerne in barocken Begriffen den Dreißigjährigen Krieg, die Dichtern wie Gryphius und Grimmelshausen entnommen waren, eine marode Welt, in der der Holzwurm überall steckte, in der alles verfault sei, eine völlig verrückte Welt. Und jetzt landete er in einem verrückten Haus. Das war grenzwertig, über viele Wochen absolut grenzwertig. Das muss ihn auch einiges an psychischer Konstitution und Gesundheit gekostet haben."

George Grosz schreibt Briefe an seine Freunde, in denen er ausdrucksstark sein Leiden schildert:

"Oh Finale des Infernos, des wüsten Hin- und Hermordens – Ende des Hexensabbat, grausigster Entmannung, Hinabschlachtens, Kadaver über Kadaver, schon glotzt grün verwesende Leiche aus Gemeinen! – Wenn doch bald ein Ende herankäme!! – 
Herzlichst Dein George."

Buchtipps:

Ralph Jentsch. George Grosz. Wienand Verlag & Medien Okt 2013

In Ralph Jentschs Buch "George Grosz" geht es besonders um George Grosz' Ablehnung des Ersten Weltkrieges und seine Kritik an der politischen und gesellschaftlichen Situation in Deutschland, die Grosz nicht nur in Zeichnungen und Aquarellen äußerte, sondern auch in Grafikfolgen und illustrierten Büchern. Noch nach seiner Emigration in die USA 1933 dominierte die unabwendbare Katastrophe in Europa seine Arbeit.  

Ralph Jentsch. Alfred Flechtheim - George Grosz. Zwei deutsche Schicksale. Weidle Verlag 2008

In "Alfred Flechtheim - George Grosz. Zwei deutsche Schicksale" beschäftigt sich Ralph Jentsch damit, was Hitlers Machtergreifung für den Künstler George Grosz (1893-1959) und seinen Galeristen Alfred Flechtheim (1878-1937) bedeutete: Beide mussten emigrieren und große Teile ihrer Kunstbestände zurücklassen. Viele davon wurden von Nationalsozialisten auf zwielichtigen Wegen verkauft, ihr Verbleib ist bis heute unbekannt. Alfred Flechtheim starb in großer Armut. 

Dada in Berlin

Es gibt in Berlin diesen Kreis um Grosz, Heartfield oder Johannes Baader, die dazugehören, Hannah Höch ist ganz wichtig in dem Zusammenhang, oder eben auch Raoul Hausmann. Die werden schon 1919 ausgestellt. Das erste Mal aber berühmt geworden, ist dann diese erste internationale Und die arbeitet mit neuen Verfahren. Solche Montage -, Collagetechniken werden eingesetzt. Es gibt eine ganz starke politische Stoßrichtung, also eine Verhöhnung des deutschen Offiziers beispielsweise, die Kriegskrüppelthematik ist auch anwesend. Es ist nicht nur die Berliner Szene, die sich hier findet, sondern da sind auch Künstler aus Karlsruhe oder aus Dresden bei.

"Als Dadaisten hielten wir Meetings ab, bei denen wir gegen ein paar Mark Eintrittsgeld nichts taten als den Leuten die Wahrheit zu sagen. Das heißt, sie zu beschimpfen. Wir nahmen kein Blatt vor den Mund. Wir sagten: "Sie alter Haufen Scheiße da vorne ja, Sie dort, mit dem Schirm, Sie einfältiger Esel" oder "Lachen Sie nicht, Sie Hornochse". Antwortete einer, und natürlich taten sie das, so riefen wir wie beim Militär: "Halts Maul oder Du kriegst den Arsch voll". Und so weiter und so weiter."

Ralph Jentsch: "Diese Dada-Abende, das waren ja eigentlich Veranstaltungen, mit denen man an die Öffentlichkeit treten konnte, so wie ein Kabarettabend oder eine Theateraufführung. Nur war das von den Veranstaltern viel infamer gedacht und inszeniert, als das Publikum eigentlich erwartet hat und oftmals endeten solche Dada-Abende in einem totalen Tohuwabohu, fast in Schlägereien und Protestrufen. Und man hat es auf die Spitze getrieben, um den Bürger, nicht um ihn zu verarschen, aber um zum Nachdenken zu bringen, denn dazu ist viel zu viel vorher passiert. Und nach 1918 hat man ja auch sich nicht eingestanden - alle waren darüber enttäuscht -, dass Deutschland den Krieg nicht gewonnen hat. Das war eigentlich die große Enttäuschung und keinem ist klar geworden, // welche Verbrechen eigentlich damals durch die Deutschen, durch die deutsche Wehrmacht, begangen wurden."

"Ich zum Beispiel war der "Propagandada", was zwischen dem Namen und dem kleingedruckten Satz "Wie denke ich morgen?" auf meiner Visitenkarte stand. Ich hatte Parolen zu erfinden, die der guten Sache des Dadaismus nützen sollten. "Dada ist da" oder "Dada siegt" oder "Dada über alles". Wir druckten diese Parolen auf kleine Zettel und bald waren Schaufenster, Caféhaustische, Haustüren und dergleichen in ganz Berlin damit bepflastert. Es war wirklich besorgniserregend."

Georg Grosz auf kunstmuseum.com

Berlin - ein brodelnder Kessel

"Aber auch wie ein brodelnder Kessel war die Hauptstadt unserer neuen deutschen Republik. Wer den Kessel heizte, sah man nicht. Man sah ihn nur lustig brodeln und fühlte die immer stärker werdende Hitze. An allen Ecken standen Redner. Überall wurde gehasst: die Juden, die Kapitalisten, die Junker die Kommunisten, das Militär, die Hausbesitzer, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die schwarze Reichswehr, die Kontrollkommission, die Politiker, die Warenhäuser und nochmals die Juden. Es war eine Orgie der Verhetzung und die Republik war schwach, kaum wahrnehmbar. Das musste mit einem furchtbaren Krach enden"

Um dem brodelnden Kessel der Hauptstadt zu entkommen, reist George Grosz zusammen mit seiner Frau Eva und seinen beiden Söhnen nach Frankreich. Er malt Dünenlandschaften, schöne Frauen im Sand, Blumen.

Ralph Jentsch: "Das war 1927. Er hatte irgendwo genug von diesen Berlin und wollte nicht der ewige Revolutionär sein. Frankreich war für ihn eigentlich das große Ziel. Er hatte vor dem Krieg sechs Monate in Frankreich gelebt und dann 24, 25 Frankreich besucht und dann seinen Händler, den Alfred Flechtheim, dazu gebracht, ihm einen Frankreich-Aufenthalt zu finanzieren und der Bankier Simon hier in Berlin. Und Flechtheim hatte zu ihm gesagt, hör mal auf solche revolutionären Bilder zu malen. Mal mal Landschaften; mal irgendeinmal etwas, wir verkaufen können. Und es ging beim einem Ohr rein und beim anderen raus. Aber er hat sich in Frankreich hingesetzt und hat in sehr, sehr einfachen Verhältnissen zuerst in Marseille und dann später in Cassis gelebt und hat in Cassis also wirklich das ideale Malerleben für eine Zeitlang verwirklichen können und lebte da ganz bescheiden - war gerade sein Sohn Peter geboren mit seiner Frau - in einem Turm. Da gab es keine elektrischen Lichter, da gab es kein heißes Wasser, aber sonst alles, was man so zum Leben braucht, Fisch aus dem nahen Meer, Früchte vom Feld. Und er fing noch einmal an, richtig die Malerei zu studieren. Also wie grundiere ich ein Bild? Welche Farben benutze ich, um diesen oder jenen Effekt zu erzielen? Und hat fast wie in einem Selbststudium dann Landschaften, Stillleben gemalt. Da sind so etwa 70 Bilder entstanden in dieser Zeit. Und es war für ihn eine ganz wichtige Periode, weil er eigentlich auch in der finanziellen Unabhängigkeit einer Leidenschaft frönen konnte, eben seiner Malerei."

Erneut zeigt sich eine andere Seite des Malers. Der Maler, der seine Staffelei unter der französischen Sonne aufstellt, auf der Palette helle Farben mischt, nackte Frauen in Dünen malt und mit der Familie am Strand liegt.

In Deutschland weht dem Künstler seit längerem ein scharfer Wind entgegen. Drei mal wird er in den Zwanziger Jahren angeklagt wegen seiner Kunst, muss sie in Prozessen verteidigen und wird zu Geldstrafen verurteilt.

Dritte Stunde: Leben in Berlin, Frankreich und Amerika

…– und wieder zurück ins neue Berlin, nach West-Berlin.   

George Grosz kehrt Deutschland den Rücken, folgt dem Ruf einer Kunstschule, der Arts Students League, nach New York. Zuerst geht er allein. Ein Jahr später, Anfang 1933, siedelt er mit seiner Familie endgültig in die USA über.

"Oft fragte man mich: "Ja, Grosz. Wie konnten Sie denn alles so genau vorher wissen? Und wie kam es, dass Sie rechtzeitig aus Nazideutschland fortgingen? Hatten Sie Informationen oder hatten Sie eine Vorahnung? Haben Sie vielleicht eine Wahrsagerin befragt oder sich die Karten legen lassen? Ist Ihnen das Buch des Nostradamus in die Hände gekommen? Wieso haben Sie gerade noch vor Toresschluss sich davongemacht? Sechs Wochen nach ihrer Abfahrt fiel ja die Tür ins Schloss,der Reichstag brannte und alle Menschen, die wie sie auf der Liste standen …"

Alexander Kluy: "Sein Leben wäre viel kürzer gewesen, wäre er ja noch drei Wochen länger in Berlin geblieben. Denn mit der sogenannten Machtergreifung am 30. Januar 1933 änderte sich die Atmosphäre komplett. Einen Tag später wurde von Leuten sein Atelier aufgebrochen, Atelier war leer. Sie wussten, wo er wohnte, sie flitzten um die Ecke mit Äxten in der Hand. Sie brachen die Wohnung, auf die Wohnung war leer, er stand nämlich ganz oben auf einer Liste von sogenannten Gegnern der Nazis. Er wäre auf der Stelle arretiert worden. Die Fahrt, die Übersiedlung von Berlin nach New York sicherte ihm und seiner Familie das physische Überleben."

"Dann kam die Nachricht vom Reichstagsbrand, der alles schauerlich erleuchtete. Da sah ich, dass eine Vorsehung mich hatte aufsparen wollen - und im kleinen Hotel in Cambrigde in einer der Seitenstraßen von New York dankte ich heimlich meinem Gott, dass er mich so vorsorglich beschützt und geführt hatte. Bald kamen Briefe, aus denen ich erfuhr, dass man in meiner nun leeren Berliner Wohnung nach mir gesucht hatte, desgleichen in meinem Atelier. Dass ich da lebend davongekommen wäre, darf ich wohl bezweifeln. Ich beantragte sofort meine "ersten Papiere" als Einwanderer in die Vereinigten Staaten."

"Deutschland - das war jetzt nur noch eine Erinnerung"

"Von Amerika aus gesehen, schien halb Europa sich wieder einmal zurückverwandelt zu haben in einen jener höllischen Zustände wie sie Bosch und Breughel, in seinem "Sieg des Todes", noch am Ausgang der angstträumenden mittelalterlichen Welt gemalt. War die Welt denn immer so gewesen? Waren die fast 50 Jahre europäischen Friedens, in die ich hineingeboren worden war, eine bloße Illusion? Deutschland - das war jetzt nur noch eine Erinnerung. Aber manchmal stieg das Grauen wieder in mir auf, und die Schrecklichkeiten kamen hervor aus dem blutigen 13. Zimmer, in das ich sie verbannt hatte. Dann strömte die Erinnerung in meine Bilder: Menschen wateten durch Sümpfe und blutige Nebel. Die Knochen klapperten, das Fleisch fiel ab, der Abgrund war flach und lang und ewig und niemals zu Ende. Und im knisternden lodernden, schwelenden Schein der verbrannten Hütten und der vergifteten Erde trotteten sie wie Gespenster ohne Hoffnung und ohne Ziel."

George Grosz mal Aquarelle mit düsteren Weltuntergangsphantasien, hat Einzelausstellungen in amerikanischen Großstädten, malt das Leben in der Großstadt. Um sich und seine Familie durchzubringen, arbeitet er als Lehrer, unterrichtet reiche Damen der New Yorker Gesellschaft.

Georg Grosz nach 1945

Der Zweite Weltkrieg endet, die Alliierten haben gesiegt, der Faschismus in Deutschland scheint am Ende. Doch grenzenlose Freude kommt bei George Grosz nicht auf. Er ahnt die nächste Bedrohung am Horizont, die er auf die Leinwand bringt. Dünne sogenannte Stockmänner schleppen sich durch apokalyptische Landschaften, ohne jede Hoffnung, manchmal einen Totentanz tanzend. 

Ralph Jentsch: "Was bei Grosz eben auch eine entscheidende Rolle spielt, ist nicht diese Erleichterung nach 45, das sozusagen der Faschismus besiegt ist, sondern die große Angst vor einem neuen großen Atomkrieg. Und deswegen, da fangen auch die Stickmen an, die diese Verzweiflung zeigen, wo es eigentlich nichts mehr Menschliches gibt, wo ihm auch klar wird, wenn das tatsächlich passiert, dieser Atomkrieg, dann ist die Welt zu Ende."

Alexander Kluy: "Das war ein Zyklus, der sozusagen gesundheitspolitisch für ihn wichtig war, von dem er auch nichts verkaufte. Und dann zog es ab den späten vierziger Jahren wieder an. Er malte mehr und mehr Waldszenen, Stillleben. Das ging dann wieder. Das war dann auch der Zeitgeist der frühen 50er Jahre, den er bereitwillig kommerziell entgegenkam. Er malte dann auch weiterhin Akte, sehr viele erotische Zeichnungen, die dann auch gingen und verkäuflich waren. Aber er wurde immer verdrossenen immer verdrießlich. Die Situation in Europa war verheerend nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde ihm deutlich rapportiert."

Der Künstler glaubt, mit seiner Kunst nichts erreicht zu haben

Die Welt ist kein besserer Ort geworden. Zudem erfindet sich die Malerei nach dem Krieg neu. Junge Künstler entwickeln neue künstlerische Ausdrucksmittel. Jackson Pollock lässt den Pinsel links liegen und gießt die Farbe direkt aus dem Eimer auf die Leinwand. Und hat Erfolg damit. 

Ralph Jentsch: "Er machte ja auch gar kein Hehl draus, sondern bekennt das ja auch offen in Briefen an einen Freund, dass er eigentlich ja sieht, dass er mit seiner Kunst nichts bewirkt hat. Und deswegen gibt es da manchmal auch Äußerungen, alles was ich in Berlin gemacht habe, ist Scheiße usw. Was natürlich dann auch widerrufen wird und nicht stimmt. Aber es gibt diese Verzweiflung darüber, dass da einmal die Intellektuellen versagt haben, die Literaten, die Politiker aus der Zeit und eben auch, dass er mit seiner Kunst nichts anrichten konnte. Das muss man sich vorstellen, das hat er schon sehr persönlich aufgefasst, auch als ein persönliches Versagen."

Alexander Kluy: "Er trank immer mehr, manchmal trank er so viel, dass er am nächsten Tag immer noch sturzbetrunken ihm im Bett lag. Und seine Frau wurde immer verzweifelter und er trank dann auf den betrunkenen Zustand nüchtern noch etwas kräftiger. Das hatte natürlich auch verheerende Folgen für die Physis. Er klagte damals sein Leid wirklich massiv in seinen Briefen vor allem gegenüber seinen engsten Freunden, die inzwischen fern waren. Viele deutsche Exilanten waren in den Fünfzigern Jahren schon wieder zurückgekehrt, lebten in der Schweiz oder sogar in Deutschland. Und er war nun einer der wenigen, die noch in den USA geblieben waren und aus ihm, dem bekannten deutschen Maler der Zwanziger Jahre in Berlin, damals einer der bekanntesten und prominentesten, in den 30er Jahren immer noch in den USA gefragt, war nun in den frühen fünfziger Jahren ein ausgebrannter Mann geworden und das sah man auch aus den Fotografien aus jener Zeit.

Reise des Paares Grosz 1958 nach Europa

George Grosz tritt im Fernsehen auf, erzählt launig von seinen Anfängen als junger Mann in Stolp, der stolz seiner Mutter sein erstes Honorar zeigt, schaut 30 Minuten lang gemeinsam mit dem Moderator seine Bilder an, sowohl die aus den Zwanziger Jahren, als auch die neuen apokalyptischen aus Amerika. Die Nationalgalerie kauft sein bekanntes Bild "Stützen der Gesellschaft" und die Akademie der Künste in Berlin ernennt ihn zum Außerordentlichen Mitglied, nachdem sie  Emil Nolde 1931 vorgezogen hatte. Eine Genugtuung für Grosz?

Alexander Kluy: "Die Stadt West-Berlin versuchte damals, Schaufenster des Westens zu werden. Herbert von Karajan wurde für die Berliner Philharmoniker angestellt. Es wurde das Kulturforum, wurde Museum nach Museum eröffnet. Der damalige Kultursenator Joachim Tiburtius war da enorm hinterher, die Insel West-Berlin groß zu machen, zumindest kulturell. Das war das Einzige, was ihnen blieb. Industrie gab es ja keine mehr. Und wem konnte man noch holen? Wer lebt überhaupt überhaupt noch? Bertolt Brecht lebte im Osten, war 1956 verstorben. Gottfried Benn war seit 1956 tot. Alfred Döblin war inzwischen tot, aber den wollte vorher schon niemand haben, weil er Jude war. Wer lebt überhaupt noch von den alten, großen Namen der Zwanzigerjahre vom goldenen Berlin? Joseph Roth war ja auch schon lange tot. Es gab nicht mehr viele dort, wo man noch sagen konnte, hier wir haben ihn wieder in unserem Kreise."

Am 5. Juli trifft sich George Grosz mit einem Journalisten, dessen Frau sowie anderen Künstlern, zuerst im heimischen Wohnzimmer, dann geht es hinaus in die Stadt, in ein Restaurant. Eva stößt kurzeitig dazu, bevor die Gruppe um George Grosz weiterzieht.

Alexander Kluy: "Am Ende des Tages hatte er viel getrunken. Eva war schon vorab nach Hause gegangen. Und er verabschiedete sich, das überlieferte dann einer der jungen Teilnehmer genau ein Jahr später, winkte ihnen zu wie ein Zirkusdirektor, so wie ein Clown mit Strohhut und halbem Arm in der offenen Tür. Und dann war es nach Mitternacht. Es war dunkel und man kann nur Rätselraten, was dann geschah. Er muss dann wohl im Dunklen die falsche Treppe genommen haben und eine Treppe herunter gerauscht sein und dann im Laufe von mehreren Stunden am eigenen Erbrochenen - in Folge wohl einer Herzschwäche oder eines Herzinfarktes - erstickt sein. Das war grausam und gruselig und kam viel zu früh. Er steckte voller Pläne da schon wieder.

George Grosz stirbt in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli in Berlin, nur vier Wochen nach seiner Rückkehr nach Deutschland. In das Land, dessen Bewohner ihn anzuziehen schienen, aber auch abzustoßen. 

"Deutsch sein, heißt immer: geschmacklos sein, dumm, hässlich, dick, unelastisch - heißt mit 40 Jahren keine Leiter besteigen zu sein, schlecht angezogen sein - deutsch sein heißt: reaktionär schlimmster Sorte, heißt: unter hundert wäscht sich mal einer den ganzen Körper."

Ralph Jentsch: "Bei dem ganzen Hass, den Grosz hatte auf die Deutschen und die Verachtung auf den Faschismus und die Verachtung gegenüber dem Spießer, war er im Grunde genommen doch ein großer Humanist. Grosz war ein großer Humanist, der auch den Glauben an die Menschen nie verloren hat. Natürlich viele Enttäuschungen mitgemacht hat und was dann so in der Realität dann sehr tragisch ist für ihn."

Das komplette Manuskript zur Sendung als PDF-Datei.

Mehr zum Thema

Hörspiel zum sechzigsten Todestag von George Grosz - George Grosz: Hirnzirkus – Gedankenflüge
(Deutschlandfunk Kultur, Hörspiel, 07.07.2019)

Comic "Grosz" - Der erste "Stumm-Comic" überzeugt
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 28.02.2019)

Vor 125 Jahren wurde George Grosz geboren - Maler der Weimarer Verhältnisse
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 26.07.2018)

Lange Nacht

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