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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 29.04.2016

Landwirtschaft Von wegen "Saatgut-Mafia"

Von Udo Pollmer

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Getreidesaatgut (imago/CHROMORANGE)
Getreidesaatgut (imago/CHROMORANGE)

Oft wird gegen die "Macht der Saatkonzerne" gewettert. Sie würden Bauern einschüchtern und die Menschheit ins Verderben stürzen. Dabei gäbe es ohne Saatgutzüchtungen Missernten und Hunger wie vor 100 Jahren, sagt Udo Pollmer.

Es gibt wieder Ärger ums Saatgut. Denn die Saatgut-Treuhand macht ernst. Gestärkt durch ein EuGH-Urteil forderte sie per Brief die Landwirte auf, für den Nachbau geschützter Sorten Lizenzgebühren zu bezahlen. Die meisten Betriebe bauen ihr Saatgut über mehrere Jahre an, indem sie jeweils einen kleinen Teil der Ernte für die Aussaat zurückbehalten. Für diesen Nachbau wollen die Züchter ebenfalls Geld aufs Konto. "Viele Bauern", schreibt die Presse, seien dadurch "verängstigt".

Die Rede ist von "Einschüchterungen" durch die "Saatgutmafia", genüsslich wird berichtet, dass die Mehrheit der Landwirte bei einer Umfrage der Meinung war, dass der Nachbau gratis sein sollte. Schließlich würden die Züchter ja nur das ursprüngliche Saatgut nutzen und damit ihre Geschäfte machen.

Doch der Unterschied zwischen neuen Sorten und denen der Vorväter ist vergleichbar dem Unterschied zwischen einer Sense und einem Mähdrescher. Die meisten Landwirte wissen natürlich, dass ihre wirtschaftliche Existenz von der Züchtung abhängt. Wenn ihnen etwas Angst einjagt, dann ein Mangel an geeigneten Sorten.

Als die Ernten noch knapp und unsicher waren

Als es noch keine Saatzüchter gab, die ein Jahrzehnt an einer neuen Sorte bastelten, waren die Ernten knapp und unsicher. Das hat sich grundlegend geändert. Und genau für diese geldwerte Leistung zahlt der Landwirt - und über den Endpreis auch wir Kunden – einen kleinen Obolus. Übrigens: "Kleine" Landwirte zahlen sowieso nichts – bei Kartoffeln z.B. liegt beim Nachbau die Grenze bei fünf Hektar.

Kein Bauer ist daran interessiert, alte Sorten ohne Sortenschutz anzubauen – er will die neuen, aber für umme! Müssten wir in Deutschland von unseren Äckern leben mit den Sorten von vor 100 oder 200 Jahren, dann gäbe es wieder Missernten und Hunger, gefolgt von Auswanderungswellen. Moderne Sorten haben zudem viele andere Eigenschaften, wie gleichzeitige Abreife, um sie maschinell ernten zu können, sowie Resistenzen gegen Schädlinge und Krankheiten. Erst mit den hohen und stabilen Erträgen sind im Gegenzug viele Flächen freigeworden zum Bau von Einfamilienhäusern rund um die Städte, zur Naherholung und – für Naturschutzgebiete.

Die Forderung, mit dem einmaligen Kauf des Saatgutes seien alle weiteren Lizenzgebühren abgegolten, ist gewagt. Wenn Textil-Piraten Designerklamotten in China nähen lassen und in Europa als teure Markenware verkaufen, können sie sich auch nicht darauf berufen, sie seien mit dem Erwerb eines Musters schon aus dem Schneider. Das ist Markenpiraterie – also Diebstahl. Im Musikgeschäft spricht man von Raubkopien. Nur dauert die Züchtung einer Kartoffel viel länger und erfordert höhere Investitionen als ein Song.

Gier getriebene "große Player"

In Deutschland arbeiten etwa 6.000 Menschen in der Saatzucht, viele davon in den über 50 Familienunternehmen - die seltsamerweise in den Medien als von Gier getriebene "große Player" bezeichnet werden. Auf diese Mittelständler entfallen mehr als drei Viertel unseres hiesigen Saatgutmarktes. Den Rest teilen sich eine Handvoll Konzerne. Sie alle sorgen für die Sortenvielfalt. In Deutschland verfügen wir heute über 150 Weizensorten, dreimal so viele wie noch vor 30 Jahren.

Derweil kämpfen Greenpeace & Co lautstark gegen die "Macht der Saatkonzerne" und treffen zielsicher die Mittelständler, die noch dazu die geforderten gentechnikfreien Sorten liefern. Und dann rufen Journalisten dazu auf, man müsse endlich etwas gegen diese – wörtlich! – "Schweinekonzerne" unternehmen, die die Menschheit angeblich ins Verderben führen wollen.

Unsere Saatzüchter sind die Schöpfer von 3.000 Sorten, von denen wir viele täglich speisen. Ohne die Entlohnung ihrer Arbeit gäbe es diese Vielfalt nicht. Mahlzeit!

Literatur:

Heidtmann J: Saatgut-Inkasso fordert Millionen von deutschen Bauern. Süddeutsche.de 7. April 2016

Toepfer T: Böses Blut bei den Bauern. Mainpost Online 19. April 2016

Trommer U: Brilon: Neues von der "Saatgutmafia". Briloner Anzeiger, totallokal.de 13. April 2016

Meurer F: Gute Sorten, schlechte Sorten, alte Sorten. Deutschlandfunk 12. Juli 2012

Saatgut-Treuhandverwaltung: Wichtige Regeln um Umgang mit Nachbausaatgut.

Witzke Hv, Noleppa S: Der süße Sang der Sirenen. Zur Bedeutung des Schutzes intellektueller Eigentumsrechte in der Pflanzenzüchtung: Eine ökonomische Analyse. Humboldt Forum for Food and Agriculture e.V. Working Paper 01/2011

Slafer GA: Genetic improvement of field crops. CABI, Wallingford 1994

Krischer H: Lizenzgebühr fürs geistige Eigentum am Getreide. WDR-Online 20. April 2016

Angus W et al: The World Wheat Book: A History of Wheat Breeding. Lavoisier, Paris 2011

Ahlemeyer J, Friedt W: Entwicklung der Weizenerträge in Deutschland - Welchen Anteil hat der Zuchtfortschritt? 61. Tagung der Vereinigung der Pflanzenzüchter und Saatgutkaufleute Österreichs 2010; 19 – 23

Laidig F et al: Genetic and non-genetic long-term trends of 12 different crops  in German official variety performance trials and on-farm yield trends. Theoretical & Applied Genetics 2014; 127: 2599–2617

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