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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 11.11.2017

Landwirtschaft und ÖkologieAusgesummt − was tun gegen das Insektensterben?

Josef Tumbrinck und Alexandra-Maria Klein im Gespräch mit Matthias Hanselmann

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Eine Honigbiene (Apis mellifera) auf der Blüte des Löwenzahn (Taraxacum). Sie sammelt dort Pollen und Nektar für ihr Volk. Kleinschmalkalden, Thüringen, Deutschland, Europa Datum: 16.05.2017 | Verwendung weltweit (dpa)
Biene, Honigbiene, Apis mellifera, Insekt (dpa)

Wie bedrohlich ist die Lage der Insekten? Welche Folgen hat der Rückgang für die Natur und uns Menschen? Welche Gegenmaßnahmen gibt es? Darüber diskutieren der Landschaftsökologe Josef Tumbrinck und Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie.

Eine Untersuchung sorgt für Aufregung: In den letzten knapp 30 Jahren ist der Bestand der Insekten in Teilen Deutschlands um mehr als drei Viertel gesunken. Dies belegt erstmals eine Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld. Gesammelt wurden die Daten an mehr als 60 Standorten in Naturschutzgebieten hauptsächlich in NRW.

Da aber auch in anderen Bundesländern gezählt wurde, ist von einem starken Schwund deutschlandweit auszugehen. Umweltschützer machen insbesondere die industrielle Landwirtschaft für den Rückgang verantwortlich; die Bauernverbände sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und weisen die Vorwürfe zurück.

"Unsere Beobachtungen in Nordrhein-Westfalen sind beängstigend", sagt Josef Tumbrinck, Landesvorsitzender des NABU in Nordrhein-Westfalen. Der Landschaftsökologe ist Mitglied des Entomologischen Vereins Krefeld und hat die Studie begleitet. "Während wir 1995 noch 1,6 Kilogramm aus den Untersuchungsfallen sammelten, sind wir heute froh, wenn es 300 Gramm sind."  

Seine Mahnung: "Wenn uns die Fluginsekten fehlen, gerät die gesamte Nahrungskette in Gefahr: Blumen und Bäume werden nicht mehr bestäubt und Mauerseglern und Schwalben fehlt die Nahrungsgrundlage."

Der Umweltschützer sieht einen Grund für das Insektensterben in der intensiven Landwirtschaft: "Internationale Studien verdichten immer mehr: Es sind Insektizide, es ist die Intensivlandwirtschaft, die eben Insektizide einsetzt. Neonicotinoide stehen hier eben ganz schwer im Verdacht. Es werden die Pflanzen weg gespritzt und es werden die Tiere weg gespritzt. Das ist erlaubt, das ist überall üblich. Und das ist die Katastrophe für die Naturschutzgebiete. Die Landwirtschaft ist mittendrin und zerstört unsere Schutzgebiete."

"So, wie wir nicht ohne Bäume auskommen können, ohne Grün, können wir auch nicht ohne Insekten klarkommen. Das Kleine ist dafür zuständig, dass unsere Welt funktioniert," sagt Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie untersucht seit Jahren vor allem die Rolle der Wildinsekten bei der Bestäubung. Die Krefelder Studie habe zwar methodische Schwächen, konstatiert die Wissenschaftlerin, aber: "Die Ökosysteme verändern sich extrem – und, wie die Studie gezeigt hat, geht die Biomasse insgesamt zurück."

Sicher sei jetzt die Politik an der Reihe, mehr Forschungsgelder bereitzustellen, auch die Agrar-Förderpolitik zu ändern: "Sie kann Landschaften fördern: weg von den Monokulturen, mehr Mosaikflächen, Obstplantagen, wo darunter Pflanzen sind, die Nahrung liefern: Leguminosen wie zum Beispiel Klee." Klee liefere den Bäumen natürlichen Stickstoff – der Landwirt benötige keinen Dünger.

Alexandra-Maria Klein sieht aber auch die Verbraucher in der Pflicht: "Die Politik reagiert, wenn die Verbraucher reagieren. Eigentlich sollten wir an jeden von uns appellieren: Wenn wir die Insekten behalten wollen, sollten wir mehr Geld ausgeben für Lebensmittel, die in solchen Landschaften produziert werden, in denen Insekten noch Lebensraum finden. Wenn wir beispielsweise ein Label für insektenfreundliche Produkte fordern, dann muss die Politik reagieren."

Ausgesummt – Was tun gegen das Insektensterben? Darüber diskutiert Matthias Hanselmann heute von 9.05 bis 11 Uhr mit Alexandra-Maria Klein und Josef Tumbrinck.

Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Weitere Informationen
über Prof. Dr. Alexandra-Maria Kleinüber Josef Tumbrinck

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