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Interview | Beitrag vom 17.01.2020

Landwirtschaft und LebensmittelDer Handel und die Politik haben die Macht

Matthias Wolfschmidt im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Mehrere umgedrehte Milchkannen sind auf einer Ablage gestellt. (Picture Alliance / dpa / chromorange / Ernst Weingartner)
Milchkanne leer - und das Portemonnaie auch: Selbst wenn die Konsumenten mehr für Lebensmittel ausgeben, kommt davon oft wenig bei den Landwirten an (Picture Alliance / dpa / chromorange / Ernst Weingartner)

Viele Bauern können vom Verkauf ihrer Produkte nicht leben. Zum einen, weil der Einzelhandel die Abnahmepreise bestimme, sagt Agrarexperte Matthias Wolfschmidt, zum anderen, weil Subventionen falsch verteilt würden. Ändern könne das die Politik.

Die Landwirtschaftsmesse Grüne Woche ist am Freitag in Berlin für die Öffentlichkeit geöffnet worden. Erneut viele Bauern mit ihren Traktoren in die Bundeshauptstadt sind gekommen, um gegen deutsche und europäische Agrarpolitik sowie niedrige Abnahmepreise durch den Einzelhandel zu demonstrieren.

Die Bundesregierung tue nichts dafür, dass die Bauern von ihrer Arbeit und ihren Produkten leben könnten, kritisiert Matthias Wolfschmidt, bei der Organisation Foodwatch für Landwirtschaft und Agrarpolitik zuständig. Nach wie vor seien steuerfinanzierte Agrarsubventionen die zweitwichtigste Einkommensquelle der Landwirte – und selbst diese Hilfen würden nicht gerecht ausgeschüttet, so Wolfschmidt: Die großen Betriebe erhielten davon nämlich viel und die kleinen wenig.

Schutz der Arbeitsplätze gefordert

Viele kleine landwirtschaftliche Betriebe stellten daher ihre Arbeit ein. Ein wichtiger Grund sei unter anderem, dass der Handel seine Marktmacht "teilweise gnadenlos ausspielt", meint der Foodwatch-Experte. Politisch sei es anscheinend gewollt, "dass der Einzelhandel in einer sehr starken Verhandlungsposition ist". Das Problem bestehe darin, so Wolfschmidt, dass so viel Ware auf dem Markt sei. Damit seien die Bauern in einer viel schwächeren Position. Diese Tendenz gebe es seit den vergangenen 30 bis 40 Jahren.

Die Politik müsste dafür sorgen, dass die Milliarden Euro aus der EU-Agrarsubvention so ausgeschüttet werde, dass jede Arbeitskraft gleichviel davon profitiere, meint Wolfschmidt. Dem sei aber nicht so.

Wenn die Allgemeinheit schon für die Landwirtschaft bezahle, dann müssten "auch Arbeitsplätze gestützt werden und nicht die Größe der Unternehmen", sagt Wolfschmidt. Außerdem sollte seiner Meinung nach – im Interesse der Allgemeinheit – gegen die Zerstörung der Umwelt vorgegangen werden.

Konsumenten mit wenig Macht

Kritik äußerte der Autor des Buches "Das Schweinesystem" zudem am Bauernverband, dem die meisten Landwirte angehören. Dieser habe in den vergangenen 20, 30 Jahren zur heutigen Situation "massiv beigetragen" – unter anderem, indem er auf den Export gesetzt worden habe.

Wenig Einfluss habe indes die vorgebliche Macht der Konsumenten, erläutert der Foodwatch-Experte. So habe seine Organisation die Milchpreise untersucht. Dabei sei herausgekommen: "Egal, wie teuer die Milch im Supermarkt verkauft wird, der Auszahlungspreis an die Bauern ist immer gleich".

(rzr)

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