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Religionen | Beitrag vom 04.10.2020

Landwirtschaft in IsraelEin Sabbatjahr für den Acker

Von Brigitte Jünger

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Ein schwarz bekleideter, ultraorthodoxer jüdischer Mann steht im Weizenfeld, außerhalb der israelischen Gemeinde Mevo Horon. (picture alliance / AP Photo / Ariel Schalit)
Im siebten Jahr schlief der Boden aus: Nach jüdischer Tradition braucht das Ackerland von Zeit zu Zeit eine Pause. (picture alliance / AP Photo / Ariel Schalit)

Einmal in sieben Jahren den Acker brachliegen lassen: Das gebietet die jüdische Tradition des Schmitta-Jahrs. Doch wie die Regeln auslegen? Brigitte Jünger hat Menschen getroffen, die kreative Lösungen gefunden haben.

"Bei uns gibt es Felder und Obstplantagen mit vielen Arten von Früchten: Litschis, Birnen, Zitrusfrüchte, Wassermelonen", zählt Yehuda Gilad auf. "Auf den Äckern wachsen Mais und Weizen." Gilad ist Rabbiner im Kibbuz Lavi im Norden Israels. Eine der Haupteinnahmequellen dort ist die Landwirtschaft. Für Gilad bedeutet sie noch mehr:

"Die Landwirtschaft hier ist nicht nur dazu da, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir glauben, dass es Teil unserer Pflicht ist, nach Israel zurückzukommen, um die jüdische Landwirtschaft wiederzubeleben und einen Weg zu finden, die Ideen der Thora in unserer Zeit in der Landwirtschaft umzusetzen."

Im siebten Jahr braucht der Boden Ruhe

In diesem Zusammenhang sei das Schmitta-Jahr eine der großen Ideen der jüdischen Tradition, sagt Gilad: "Einmal in sieben Jahren sollen wir dem ganzen Land Ruhe geben und uns mit anderen Dingen des Lebens beschäftigen, die Thora lernen und uns mit der Kultur, unseren Familien und dem sozialen Leben auseinandersetzen."

Sechs Jahre kannst Du in deinem Land säen und die Ernte einbringen, im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.
(2. Buch Mose 23, 10-12)

Porträt von Rabbiner Yehud Gilad, mit Brille, in einem blau gestreiften, offenen Hemd, im Hintergrund ein Baum und eine sonnenbeschienene Wiese (Deutschlandradio / Brigitte Jünger)Frohgemut: Yehud Gilad, Rabbiner im Kibbuz Lavi. (Deutschlandradio / Brigitte Jünger)

"Ich finde es sehr faszinierend, dass sich Schmitta tatsächlich mit Problemen befasst, die wir in der modernen Welt in verschiedenen Dimensionen vorfinden", sagt Gilad. "Zunächst einmal all die Fragen der Ökologie und die grünen Ideen, wie man die Welt für die nächsten Generationen erhalten kann. Die Idee, dass wir die Natur nicht einfach nur ausbeuten, sondern auch sich selbst überlassen sollen, damit sie sich entwickeln kann."

Erinnerung an Schuldknechtschaft und Sklaverei

Aber das im 2. Buch Mose beschriebene Gesetz betrifft nicht nur die Landwirtschaft, erläutert die Reform-Rabbinerin Dalia Marx aus Jerusalem: "Da geht es zum Beispiel auch um die Schulden, die Menschen bei anderen haben. Nach sieben Jahren sollen die Schulden vergessen sein. Es geht also um soziale Gerechtigkeit. Wenn man Eigentum hat und ein materiell gutes Leben führt, muss man Solidarität mit denen zeigen, die all das nicht haben."

Allerdings streicht heute keine israelische Bank ihren Kunden im Schmitta-Jahr die angehäuften Schulden. Im Schuldenerlass spiegelt sich vielmehr die tief verwurzelte Erfahrung der Versklavung der Juden nicht nur in Ägypten. Das Gebot zielt auf die Ermutigung und die Verpflichtung, der Freiheit immer wieder neuen Raum zu verschaffen. So, wie es im 2. Buch Mose ausdrücklich heißt:

Alle sieben Jahre sollt ihr euren hebräischen Bruder freilassen, der sich euch als Sklave verkauft hat. Sechs Jahre soll er dein Sklave sein, aber dann sollst du ihn als freien Mann gehen lassen.

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"Rabbi Kook, einer der herausragenden Denker des 20. Jahrhunderts, sagte, der Mensch kehre durch das Schmitta-Gebot zu seinem frischen und ursprünglichen Selbst zurück", erklärt Dalia Marx. "Denn es ist so: Wenn man in der Landwirtschaft arbeitet, ist das zwar einerseits eine sehr gute Sache. Man sorgt für seinen Erhalt. Aber auf der anderen Seite wird man auch zum Sklaven des Ackers. Mit Schmitta sagen wir, okay, ich gehe einen Schritt zurück, und ich versuche nicht, die Welt zu manipulieren. Es gibt darin diesen humanistischen oder besser existenziellen Aspekt. In gewisser Weise sagt es uns: Lass los. Nichts gehört dir für immer."

Säen geht nicht, ernten schon

Die wortwörtliche Einhaltung des Schmitta-Gebotes, wie sie zum Beispiel die Ultraorthodoxen in Israel fordern, ist für einen Landwirt kaum zu stemmen. Die wirtschaftlichen Verluste wären einfach zu groß. Deswegen lässt man im Kibbuz Lavi nur ein kleines Stückchen Land brachliegen. Die dort wachsenden Melonen stehen zur freien Verfügung. Der überwiegende Teil der Felder und Obstgärten wird unter Anwendung der rabbinischen Auslegung der Thora weiterbestellt, wie Rabbiner Gilad erklärt:

"Wir nutzen die Lösung aus der Halacha und verkaufen das Land an einen nicht-jüdischen Besitzer und arbeiten unter seiner Autorität. Dann dürfen wir auf den Feldern arbeiten, wenn auch mit Einschränkungen. Wir säen zum Beispiel nicht, wir helfen nur bei der Ernte und allen Arbeiten, die bis dahin nötig sind. So sieht Schmitta bei uns aus, und wir wissen natürlich, dass es sich nicht um ein echtes Schmitta-Jahr handelt."

Blick auf den Kibbuz Lavi, links im Vordergrund ein Stapel Strohballen, im Hintergrund ein flaches Gebäuide mit rotem Ziegeldach (Deutschlandradio / Brigitte Jünger)Kibbuz Lavi im Norden Israels (Deutschlandradio / Brigitte Jünger)

"Im Staat Israel ist die Situation mit Schmitta jetzt nicht sehr positiv", sagt Dalia Marx. "Es ist zu einem sehr wichtigen Thema in der Debatte zwischen verschiedenen religiösen Gruppen innerhalb des Judentums in Israel geworden. Besonders die Ultraorthodoxen fordern die Einhaltung des Schmitta-Jahres, aber die Landwirte können es nicht tun."

Kompensationsprogramme für Landwirte

Die Netanjahu-Regierung ist auf die Unterstützung durch die religiösen Parteien dringend angewiesen. Deshalb gibt es mittlerweile Kompensationsprogramme in Millionenhöhe, die ein Anreiz sein sollen, das Land brach liegen zu lassen. Doch die wenigsten Bauern entscheiden sich dafür, Yehuda Gilad erklärt, warum:

"Wir finden nicht, dass es die Idee von Schmitta ist, von Almosen oder irgendwelchen Fonds zu leben, dass sie uns Geld geben, damit wir Thora lernen und nicht arbeiten müssen. Wir glauben nicht, dass dies der richtige Weg zur Erfüllung von Schmitta ist, und deshalb bevorzugen wir unseren Weg."

Die Ultraorthodoxen, die die strikte Einhaltung fordern, haben es leicht, darauf zu bestehen. Sie kaufen in einem Schmitta-Jahr einfach Obst und Gemüse, das aus dem Ausland importiert wurde. Denn das Sabbat-Gebot für die Landwirtschaft gilt nur innerhalb Israels.

"Einige Ultraorthodoxe wollen, dass dieses Gebot befolgt wird", sagt Dalia Marx. "Aber sie übersehen das Wesentliche: den ethischen Punkt, den ökologischen Punkt, den zwischenmenschlichen Punkt - den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit."

Alle dürfen sich bedienen

Die Jerusalemer Stadtverwaltung wird das Schmitta-Jahr auf ihre Weise unterstützen. Rothem Goldschmidt koordiniert die Community Gardens, die Gärten und Felder auf städtischem Grund, die von Stadtbewohnern bewirtschaftet werden. Einige von ihnen möchten das Sabbatjahr für die Landwirtschaft gerne einhalten. Rothem Goldschmidt musste wie ihre Kolleginnen und Kollegen erst lernen, was Schmitta bedeutet.

"Wir haben gelernt, dass während des Schmitta-Jahrs jeder in einen Garten gehen kann, um dort Früchte von den Bäumen zu pflücken", sagt Goldschmidt. "Natürlich ist es nicht erlaubt, alles zu nehmen, aber man kann nehmen, was man als Unterstützung braucht, und wir helfen den Leuten dabei, die das in ihren Gärten praktizieren wollen, Schilder aufzustellen, die besagen, dass es okay ist, Früchte zu nehmen."

Auch für manche Privatpersonen ist dieser Umgang mit dem Schmitta-Jahr selbstverständlich. So zum Beispiel für Laurie Rappeport aus Safed. "Ich habe zwei Olivenbäume, und die stehen auch für jeden offen", sagt sie. "Das heißt, jeder, der in meinen Hof kommt und diese Oliven sieht, kann diese Oliven mitnehmen. Das werde ich tun, denn ich glaube an die Thora, ich glaube, dass Gott uns die Thora gab, damit wir seine Gesetze einhalten, und ich will mein Bestes dazu tun."

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