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Zeitfragen | Beitrag vom 05.11.2019

Landwirtschaft in BrandenburgBio-Boom im Osten

Von Thilo Schmidt

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Blick auf den Dorfanger im Ökodorf Brodowin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Brodowin in Brandenburg: Das Ökodorf ist ein Großbetrieb, der sogar nach den strengen Demeter-Richtlinien produziert. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Schon kurz nach der Wende entschied man sich hier für biologische Landwirtschaft: Inzwischen ist aus der Ex-LPG im brandenburgischen Brodowin ein Vorzeige-Ökobetrieb von beachtlicher Größe geworden – dank der Weitsicht seiner Gründer.

In der Endmoränenlandschaft des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, nordöstlich von Berlin, liegt das kleine Bauerndorf Brodowin. Bis 1990 bewirtschaftete hier eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft – kurz LPG – die Ländereien. Aus den LPGs der DDR wurden nach der Wende vielfach Agrargenossenschaften, das war auch in Brodowin nicht anders.

Was anders war: Die Brodowiner fingen bereits 1990 an, auf biologische Landwirtschaft zu setzen. Als Peter Krentz, damaliger Bereichsleiter der LPG und heutiger Geschäftsführer des Ökodorfs Brodowin, diese Idee vortrug, zeigte ihm manch ein Bauer einen Vogel.

Peter Krenz vor einem Baum mit herbstlich gefärbten Blättern (Thilo Schmidt)Peter Krentz, der Geschäftsführer des Ökodorfs Brodowin, war früher Bereichsleiter der LPG. (Thilo Schmidt)

"Aus der heutigen Sicht betrachtet war das auf jeden Fall sehr, sehr verrückt", erzählt er. "Weil es unvorstellbar war, zur damaligen Zeit, so einen Strukturwandel zu machen."

Bereits früh auf biologischen Anbau umgestellt

Auf einer Versammlung beschlossen die Anteilseigner der LPG, also die Landbesitzer und Angestellten, dann die Überführung der LPG in eine Agrargenossenschaft – und die Umstellung des Betriebs auf biologischen Anbau, und zwar nach den besonders strengen Richtlinien des Anbauverbandes "Demeter".

"Und Brodowin, von der Basis her, hatte sehr viele aktive Leute. Und auch Leute, die sehr vorangedrängt haben", sagt Peter Krentz. "Auch sehr viele Umweltschützer, die Kirche war sehr aktiv, es war eine gute Rahmenbedingung als Start für diese neue Struktur."

Noch im gleichen Jahr investierte ein Ehepaar aus Westberlin in das gerade erst gegründete Ökodorf Brodowin. Die Genossenschaft wurde in eine GmbH überführt. Dass die Brodowiner das alles selbst entscheiden konnten, lag auch daran, dass die landwirtschaftlichen Flächen kein Volkseigentum waren, sondern, eine Besonderheit in der DDR, Privateigentum.

"Ein Glück der Brodowiner war, dass die Treuhandanstalt, oder die BVVG, wie sie später hieß, hier nur geringe Flächenanteile hatte, und man dadurch sehr gut über sein eigenes Schicksal entscheiden konnte", sagt Ludolf von Maltzan, der seit 2006 Mehrheitsgesellschafter und, an der Seite von Peter Krentz, Geschäftsführer des Ökodorfs Brodowin ist.

Denn die volkseigenen landwirtschaftlichen Flächen in der DDR, die es auch gab, wurden von der Treuhand gnadenlos privatisiert. Das hat zum Ausverkauf des Ostens beigetragen. Und auch dazu, dass Agrarland zum Spekulationsobjekt geworden ist.

Der Winter naht, und in Brodowin häufen gerade Radlader zerhäckselten Mais an. Der wird mit einer Plane zugedeckt, die Silage dient als Winterfutter für die 220 Milchkühe. Die ehemaligen LPGs sind durch ihre großen Strukturen ein Erfolgsmodell und sind sogar wirtschaftlicher als die eher kleinbäuerlichen Höfe im Westen.

Dennoch mussten sie sich nach der Wende neu erfinden, erzählt Ludolf von Maltzan: "Bis zur Wende waren die Tierproduktion und die Pflanzenproduktion getrennt, das musste zusammengeführt werden. Es gab eine Baubrigade, die nicht mehr weitergeführt wurde, ein Kindergarten, der zum Betrieb gehörte, eine Gaststätte, und, und, und… Es waren viele Bestandteile, die eigentlich unter landwirtschaftlichen Gesichtspunkten keinen Platz mehr hatten in dem Betrieb. Und so gesehen kam es natürlich auch zu Kündigungen und einer sehr harten Zeit für viele Mitarbeiter. Aber: Es sind eben wirklich viele in der Landwirtschaft geblieben, und das war das Besondere an Brodowin. Es hat nämlich zur Folge, dass nach der Wende nie mehr als fünf Prozent Arbeitslosigkeit im Dorf geherrscht haben."

Mehr Mitarbeiter als je zuvor

Und das liegt auch daran, dass die Brodowiner ihre eigene Molkerei aufbauten. Und Milch, Quark und Käse selbst herstellen - und selbst vermarkten: Das Ökodorf verkauft an Bio-Supermärkte in Berlin und beliefert 2000 Berliner Haushalte direkt. In Brodowin selbst gibt es einen Hofladen. Heute arbeiten im Ökodorf Brodowin 140 Mitarbeiter, mehr als je zuvor.

"Also wir hatten fast immer Vollbeschäftigung sozusagen", sagt Ludolf von Maltzan. "Wir sind sehr glücklich darüber, und unser Dorf hat sich ja auch positiv entwickelt. Wir haben ja auch Einwohner dazugewonnen. Im Gegensatz zu anderen Uckermärker Dörfern, sag ich mal, wo sehr viel Abwanderung ist. Und wir haben immer ein Kindergarten gehabt, unser Schulbus war immer voll ... das hat uns eigentlich auch ermutigt, diesen Weg weiterzugehen. Wir freuen uns auch über die ganzen Ferienwohnungen, die entstanden sind. Wir haben jetzt über 70 Betten im Ort. Und wir haben 420 Einwohner."

Das Ökodorf ist ein Großbetrieb mit 220 Kühen, 300 Ziegen, 1800 Legehennen und 1600 Hektar Acker- und Grünland. Und das alles in Bio-Qualität – geht das zusammen?

Es geht, sagt Alexander Gerber. Geber ist ehrenamtlich Vorstandsmitglied beim BÖLW, dem "Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft" und hauptberuflich im Vorstand des Anbauverbandes Demeter, nach dessen Grundsätzen das Ökodorf wirtschaftet.

Zwölf Prozent Biobauern in Brandenburg

"Das ist einer unserer Vorzeige-Ökobetriebe", sagt er. "Und man kann also die ökologische Qualität eines Betriebes nicht an seiner Größe festmachen."

In Brandenburg liegt der Anteil der ökologisch bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen, ebenso wie in Mecklenburg-Vorpommern, bei über zwölf Prozent. Damit liegen die großen ostdeutschen Agrarländer in der Spitzengruppe der Bundesländer. Ohne die großen Betriebe aus dem Osten, sagt Gerber, hätte es den Bio-Boom der letzten 20 Jahre gar nicht geben können: "Wir haben tatsächlich die Situation gehabt, dass wir durch die Umstellung zahlreicher Betriebe auf ökologische Landwirtschaft im Osten natürlich deutlich mehr Ware hatten als vorher im Markt, und dass das tatsächlich einherging, zeitgleich, mit dem Einstieg von Discountern und konventionellen Supermärkten in den Biomarkt und dadurch tatsächlich die Ware, die benötigt wurde, auch im größeren Maßstab da war."

Discounter beliefern die Brodowiner nicht. Das verhindert allein schon der Preis der Demeter-Produkte. Der erklärt sich mit den Anforderungen, die weit über die des staatlichen Biosiegels hinausgehen.

Ludolf von Maltzan steht im Ökodorf Brodowin. (Thilo Schmidt)Ludolf von Maltzan ist Mehrheitsgesellschafter und, an der Seite von Peter Krentz, Geschäftsführer des Ökodorfs Brodowin. (Thilo Schmidt)

Geschäftsführer Ludolf von Maltzan: "Wir werden oft besucht von Landwirten, Bio-Landwirten, aber auch konventionellen, und ich bin eigentlich ganz glücklich, dass ich drei konventionelle Landwirte gewinnen konnte, umzustellen auf Demeter, die uns heute ihre Milch zuliefern. Wir sind ein Beispiel für eine andere Art der Landwirtschaft."

Feldlerchen und Seeadler kommen zurück

Dass das alles funktioniert, konnte 1990 keiner absehen. Die Wirtschaft zwischen Oder und Elbe war zusammengebrochen. Und von Bio-Lebensmitteln wollte kaum jemand etwas wissen.

"Also 1990 war eigentlich noch nicht das Jahr der ökologischen Landwirtschaft", sagt Ludolf von Maltzan. "Die Nachfrage hat sich erst über die Jahre wirklich dahin entwickelt, wo sie heute ist. Aber das konnte man damals so nicht erahnen. Insofern kann man diese Idee der Brodowiner und diesen Schritt auch als sehr prophetisch betrachten."

Auch sein Mitgeschäftsführer Peter Krentz, der schon die Geschicke der LPG mitbestimmte, ist stolz auf das, was in Brodowin erreicht wurde. Und dazu zählt auch, was er seit einigen Jahren beobachtet: Das Leben kehrt zurück auf die Felder und Wiesen.

"Also wenn man sieht, wie sich die Natur und die Tierwelt entwickelt hat in den letzten Jahren und was da zurückgekommen ist", freut er sich. "Die Feldlerchen, zum Beispiel, auf unseren Äckern oder der Seeadler. Und das ist auch ein Zeichen, dass der Weg nicht verkehrt ist. Diese Effekte sieht man leider erst nach 25 Jahren."

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