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Interview | Beitrag vom 18.02.2021

Landwirtschaft der ZukunftKann Ökolandbau die Welt ernähren?

Urs Niggli im Gespräch mit Nicole Dittmer

11.09.2020, Kamp-Lintfort, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Die Mietgaerten auf dem Bioland Bauernhof werden mit Bio-Jungpflanzen professionell vorbepflanzt. (picture alliance / Rupert Oberhäuser)
Ohne Pestizide: Auf Gemüse vom Biobauern wollen viele nicht mehr verzichten. Eine Lösung für die ganze Welt sei dies jedoch nicht, meint Urs Niggli. (picture alliance / Rupert Oberhäuser)

Über zehn Prozent der Lebensmittel in Deutschland sind bereits bio. Für die gesamte Welternährung sei Ökolandbau jedoch kein realistisches Modell, sagt der Agrarwissenschaftler Urs Niggli: Das System sei zu teuer, die Zertifizierung zu streng.

Der Agrarwissenschaftler Urs Niggli ist ein Vordenker des Ökolandbaus. Der Schweizer leitet das von ihm gegründete Institut für nachhaltige Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme Agroecology Science und bereitet derzeit im Auftrag der UN den kommenden Welternährungsgipfel in New York vor.

In Deutschland stammen über zehn Prozent von Obst, Gemüse, Milch und Co. von Biobauern, und immer mehr Verbraucher, das belegen Studien, legen Wert auf nachhaltig produzierte Lebensmittel, die ohne den Einsatz von Pestiziden entstanden sind. In seinem aktuellen Buch macht Niggli sich Gedanken über die Frage: "Alle satt? Ernährung sichern für zehn Milliarden Menschen".

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Ist es vorstellbar, irgendwann die Weltbevölkerung durch reinen Ökolandbau zu ernähren? "Nein", lautet Nigglis Antwort. Zum einen liege der prozentuale Anteil des ökologischen Landbaus derzeit weltweit bei nur 1,5 Prozent. Denn Biolandbau sei teuer, restriktiv und unterliege strenger Zertifizierung.

Zum anderen: "Es ist auch nicht vorstellbar, dass wir eine Einheitslandwirtschaft haben. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende von unterschiedlichen Systemen weltweit. Das Wissen über Landwirtschaft ist ganz unterschiedlich, und es wäre auch gar nicht wünschenswert, wenn es nur noch eine zertifizierte Landwirtschaft gäbe."

Konventionelle Produktion mit Ökolandbau "verheiraten"

Die Landwirtschaft müsse aber generell ökologischer werden. Dadurch könnten zum Beispiel Lebensmittelverschwendung und –vernichtung um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Doch dafür brauche es zwingend staatliche Förderung.

Urs Niggli hofft zwar, dass der Ökolandbau noch bedeutend wachsen wird. Er glaubt in der Landwirtschaft insgesamt aber an "einen dritten Weg": Die hochproduktive konventionelle Landwirtschaft müsse "mit möglichst vielen Elementen des Ökolandbaus verheiratet werden".

(mkn)

Urs Niggli: "Alle satt? Ernährung sichern für 10 Milliarden Menschen"
Residenz Verlag, 2021
160 Seiten, 19 Euro

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