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Länderreport | Beitrag vom 26.03.2019

Landwirte in BayernSind Blühpatenschaften sinnvoll oder Abzocke?

Von Susanne Lettenbauer

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Eine Honigbiene sitzt auf einer Blumenwiese auf der Blüte einer Kornblume. (imago / McPHOTO / Andreas Volz)
In Bayern bieten rund 250 Landwirte Patenschaften für blühende Wiesen an. (imago / McPHOTO / Andreas Volz)

Bayerns Bauern schlagen zurück: Sie fordern die Unterstützer des erfolgreichen Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ auf, Patenschaften für blühende Wiesen zu übernehmen. Kritiker stören sich vor allem an der Höhe der Pachtgebühren.

Bluehwiese-kaufen.de: Heute kaufe ich mir eine Blühwiese, Acker-Onlineshopping gewissermaßen. Nicht Klamotten oder Schuhe, sondern Land, braun und dreckig, ein Stück Erde. Nicht für immer, nur für drei Jahre, aber immerhin. Bienen? Ja klar. Hummeln? Immer dabei. Wespen? Nun ja.

Ich klicke mich durch eine Seite, die ein Landwirt in Franken selbst gebaut und gestaltet hat. Wie wäre es also mit "Blühwiese Acker klein in Oberwallenstadt, 60,00 Euro, verfügbar", so steht es da. Erst im Kleingedruckten wird klar, für zwei Jahre und im voraus.

Gleich daneben gibt es noch die "Blühwiese Acker rechts in Oberwallenstadt", ebenfalls für 60,00 Euro verfügbar inklusive Mehrwertsteuer, zuzüglich Versand. Versand? Eilends klicke ich den Link an. Entwarnung: "Es findet kein postalischer Versand statt", steht da. "Fotos, etc. werden Ihnen digital zugestellt."

Eine lächelnde Biene mit Eimerchen

Oben links lächelt mir eine fliegende Biene mit Eimerchen zu. Seit Kurzem Realität in Bayern – Ackershopping. 100 Quadratmeter, also zehn Mal zehn lange Schritte, kann sich seit Kurzem jeder interessierte Bürger auf Zeit pachten. Darauf sät der Landwirt im Frühjahr dann Blumen an, zum Beispiel im Landkreis Starnberg.

Der Bauernhof von Franz Grenzebach liegt idyllisch am Starnberger See. 60 Kühe muhen in seinem Stall, davor ein Obstgarten, im Hintergrund die Wiesen und ein Stück eigener Wald. Bislang baute der 26-jährige Landwirt auf seinen Äckern Gerste an. Seit diesem Jahr nicht mehr.

20.000 Quadratmeter, also zwei Hektar seines Landes hat er im Angebot für die "Volksbegehrler", also für die, die mit ihrer Unterschrift für mehr Artenvielfalt im Freistaat sorgen wollen:

"Ich habe mit einem Facebook-Post begonnen, dass ich das anbieten würde. Und relativ schnell wurde der Beitrag dann auch geliked und geteilt und viel kommentiert und auch viel nachgefragt, und ich bin auch sehr gerne auf auch kritische Fragen eingegangen. Und schon kamen auch relativ schnell die ersten konkreten Anfragen, dass sie sich an einer Patenschaft beteiligen würden."

Franz Grenzebach steht auf einem geplügten Acker  (Susanne Lettenbauer)Landwirt Franz Grenzebach bietet zwei Hektar seiner Ackerfläche für Blühpatenschaften an. (Susanne Lettenbauer)

110 Menschen haben sich bereits gemeldet und möchten Blühpaten bei Grenzebach werden, 30 fehlen noch, das dürfte kein Problem sein, ist er überzeugt. Die Idee, die derzeit in ganz Bayern um sich greift, ist einfach. Landwirte wie Franz Grenzebach bieten ein Stück Ackerfläche an, zumeist 100 Quadratmeter, vereinbaren mit einem Paten per Vertrag, dass der Landwirt dort statt Mais oder Weizen eine hochwertige Blumenwiese für Bienen, Hummeln und andere Insekten ansät. Es wird nicht gemäht und nicht gedüngt.

"Vorerst ist das Projekt jetzt erst einmal auf drei Jahre festgelegt. Damit ich für mich selbst auch mal abschätzen kann, wie es für mich läuft, wie sich die Fläche entwickelt. Und ich würde mich natürlich nach den drei Jahren freuen, wenn sich die Paten dann erneut dazu animieren lassen, dass wir das Projekt entweder erweitern oder auf derselben Fläche weiter fortführen."

Den Dialog mit den Verbrauchern stärken

Um tatsächlich nur einheimische Kräuter, Gräser und Blumen zu verwenden, empfahl ihm die Naturschutzbehörde des zuständigen Landratsamtes Bad Tölz die Verwendung der Samenmischung B48 mit Namen "Lebendiger Acker frisch". Ähnlich kurios klingen auch die Namen der anderen Mischungen. Was drin ist? 38 verschiedene Sorten wie Acker-Witwenblume, große Bibernelle, wilde Möhre, weißes Labkraut. Hundert Quadratmeter auf drei Jahre, 90,00 Euro.

"Ich habe das halt für mich so durchgerechnet, das ist jetzt der Betrag, wo ich sage, da sind so meine Kosten und der Aufwand einigermaßen vergolten. Ich sehe das ja auch als eine Möglichkeit, dass man durch das Projekt wieder besser in den Dialog mit den Verbrauchern treten kann."

Wie viele Landwirte in Bayern war Grenzebach gegen das Bienen-Volksbegehren. Deshalb dreht er den Spieß jetzt um. Sollen doch die Bürger, die da unterschrieben haben, sich tatsächlich engagieren. Und sie engagieren sich tatsächlich.

Grenzebachs Blühpaten wie Andreas Grießer im benachbarten Geretsried haben gleich zugeschlagen:

"Ich bin über Facebook darauf gekommen, habe das irgendwann bei mir in meiner Timeline gefunden. Er hat das sehr provokant formuliert, was ich eigentlich sehr cool fand, so nach dem Motto: Liebe Bienenschützer, ein Kreuzchen machen ist leicht. Aber jetzt habt Ihr bei mir die Gelegenheit, 20.000 Quadratmeter Blühpatenschaft zu übernehmen. Er hat dann erst einmal den ersten Entwurf seiner Überlegungen da reingepackt und gesagt, 100 Quadratmeter 50,00 Euro. Natürlich kamen dann gleich die ersten Fragen. Super. Andere sagten dann: Du bist doch kein Biolandwirt."

Lob für den "beherzten" jungen Landwirt

"Er macht das so beherzt und legt sich so ins Zeug damit, es gibt einen Onlineauftritt, sehr professionell, den fand ich sehr überzeugend. Es gibt ein Zertifikat. Er hat mit der Naturschutzbehörde gesprochen, um zu schauen, welches Saatgut nimmt man. Und sogar einen Hobbyimker hat er schon akquirieren können und das finde ich ganz beeindruckend, wie so ein junger Mann da so engagiert rangeht und das finde ich, muss man unterstützen", meint Blühpate Markus Prosch aus München.

Rund 250 bayerische Landwirte bieten mittlerweile 140 Flächen zur Patenschaft an. Über eBay, per E-Mail, auf ihrer eigenen Webseite oder auf der des Bayerischen Bauernverbandes BBV.

Klingt erstmal prima, gäbe es da nicht den Knackpunkt des Ganzen: die Patenschaftspacht. Jeder Landwirt kann sie nach Gutdünken festlegen, kritisiert der LBV. Während der Starnberger Grenzebach 30,00 Euro pro Jahr veranschlagt, liegen andere bei 60,00 bis 100,00 Euro. Macht auf den Hektar gerechnet 5000,00 bis 10.000,00 Euro.

Aus dem staatlichen Fördertopf des bayerischen Kulturlandschaftsprogramms KULAP gibt es gerade einmal sechs Euro. Vertretbar wäre also eine Verdoppelung auf zwölf Euro, meinen die Kritiker.

Kritik an überzogenen Pachtgebühren

Markus Erlwein, Sprecher des Landesbund für Vogelschutz: "Blühpatenschaften können ein wichtiges Argument sein, um den Artenrückgang aufzuhalten, aber dann müssen sie auch fachlichen Kriterien entsprechen und die müssen eingehalten werden, sonst sind die relativ nutzlos. Und darüber hinaus sagen wir, brauchen wir dann auch noch zusätzlich naturschutzfachlich sinnvolle Lösungen, die dann aber in Gesetzesform, so wie sie im Volksbegehren drin sind, noch dazu stattfinden müssen."

Der Bayerische Bauernverbund hält sich aus der Diskussion komplett raus. Landwirt Grenzebach gibt zu, dass er mit den Blühpatenschaften mehr verdient als mit der Getreideaussaat. Aber dass Kollegen überzogene Pachtgebühren verlangen wollen, sieht er ebenfalls kritisch:

"Ja, mei, das kommt immer auf das Konzept drauf an, was die Kollegen anbieten. Ich habe bei manchen gelesen, dass die mit Holzschildern die einzelnen Parzellen kennzeichnen, Kräuterwanderungen anbieten und noch ein Glas Honig dazu geben. Das kommt ganz auf das Konzept drauf an, was jeder einzelne Betrieb da anbietet."

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