Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 24.10.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Studio 9 | Beitrag vom 11.10.2018

Landtagswahl in BayernWahlkampf auf den letzten Metern

Von Heiner Kiesel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Plakate der Parteien zur bayerischen Landtagswahl in Traunstein (dpa / picture alliance / Ralph Goldmann)
Sieben Parteien könnten bei der Bayern-Wahl am 14. Oktober den Sprung in den Landtag schaffen. (dpa / picture alliance / Ralph Goldmann)

An den Wahlkampfständen in Bayern versucht man sich in Optimismus. Bei der CSU will man den schlechten Umfragen nicht glauben, bei der SPD grämt man sich über die Causa Maaßen, die Freien Wähler geben sich hoffnungsvoll.

Es geht hier vor allem um leistungsstarke Kühe, süße Ferkelchen, Bratwurst und Bier. Die Unterfranken-Ausstellung in Schweinfurt, nordwestliches Bayern. Aber in Halle drei wird die Regionalmesse zur Politik-Arena.

Sechs Parteien haben in einem schmalen Gang an der Seite ihre Stände aufgebaut. Der Strom der Messebesucher treibt einen zuerst zur Regierungspartei CSU. Weißblaue Deko, Rauten, ein Tischchen. Zwei Meter davor Landtagskandidat Lothar Zachmann. Seitenscheitel und Pullunder, 51. Er verteilt Kugelschreiber und Süßigkeiten und wirkt dabei geradezu aufgekratzt. Seine Augen glänzen.

"Die Stimmung ist aus meiner Sicht in den letzten Wochen sehr gut und sehr positiv für uns geworden. Es gab andere Tage! Ich würde mal sagen: im Juni. Aber ich glaube, dass wir ein deutlich besseres Ergebnis bekommen werden, als uns die Demoskopen vorhersagen."

Es bröckelt selbst in Unterfranken

Geht es schlechter? Nur ein Drittel, so die letzten Umfragen, will sie noch wählen. Selbst im CSU-freundlichen Unterfranken, wo sie bei der letzten Landtagswahl noch satte 50 Prozent holte, bröckelt es. Das scheint so unglaublich, dass es bei der CSU hier gar nicht so richtig ankommen will. Zachmann geht kurz zum Stand und zieht von dort einen Messebesucher her:

"Er hat gerade einen ganz interessanten Satz gesagt. Er hat gesagt, er ist überzeugt, dass die CSU besser abschneidet." – "Ich bin überzeugt, dass die CSU bedeutend besser abschneidet, als die Umfragen vorhersagen, sagt mein Gefühl und meine innere Überzeugung."

Zachmann nickt eifrig dazu. Aber auch er hat seine Erwartungen angepasst:
 
"Und wir wünschen uns, dass es mit mindestens einem Koalitionspartner reicht und dass wir uns den auch noch aussuchen dürfen."

Ein kleinerer Partner. Da gibt es auf Landesebene mehrere Möglichkeiten für die CSU. Die Freien Wähler zum Beispiel. Die haben ihren Stand gleich nebenan. Sehr orange die Aufsteller dort – genau wie das Hemd von Bezirks-Spitzenkandidat Gerald Pittner. Der schaut mit einem spöttischen Lächeln zu den Konkurrenten mit ihrem Gewinnspiel:
 
"Bei uns gibt es außer Infomaterial nichts zu haben."

Reporter: "Ganz ohne gehen die Besucher natürlich auch bei ihm nicht aus."

"Ja, Gummibärchen gibt es schon für die Kinder. Wir haben auch Luftballons und Windräder und Fähnchen, aber keine Geschenke in dem Sinn."

Damit meint er auch die großzügigen Wahlgeschenke, mit denen die CSU punkten wollte: extra Familien- und Pflegegeld. Die findet Pittner verschwendet. Seine Partei sieht sich als eine Art bessere CSU, irgendwie ehrlicher, ohne Regierungsfilz und Wirtschaftsamigos. Und natürlich ohne Horst Seehofer.

"Diese Art, wie der Bundesinnenminister mit der Bundeskanzlerin umgeht, oder die Art der Wortwahl seiner Politik, selbst wenn wir die Ziele für richtig halten, ist eine Wahlkampfhilfe für uns. Das muss man ganz klar sagen. Das hören wir hier auch von vielen Leuten, die sagen, wir haben viele Jahre CSU gewählt, aber jetzt reicht es."

So einen versucht Pittner jetzt zu überzeugen:
 
"Ich war früher eigentlich immer CSU, aber das überzeugt mich jetzt auch nicht."
Pittner: "Ja, das ist klar. Die letzten fünf Jahre waren jetzt nicht überzeugend."
"Und deswegen bin ich doch recht offen."
Pittner: "Wenn es möglich ist, werden die Freien Wähler sich einer Koalition nicht verweigern, das ist klar."

Der Mann will weiter. Die Freien Wähler könnten was für ihn sein.

Sozialdemokraten setzen auf Süßes

Über Koalitionen denkt man am Stand der SPD schon gar nicht mehr nach. Es wird für sie immer schwerer, die Wähler zu erreichen. Die Sozialdemokraten auf der unterfränkischen Messe setzen voll auf Süßes. Hinter einer der Stellwände werden kleine Tütchen präpariert.

Die Landtagsabgeordnete Kathi Petersen sitzt auf einem Barhocker am runden Tisch und hat Zeit, darüber nachzudenken, was ihrer Partei im Wahlkampf alles auf die Füße gefallen ist:
 
"Wobei vor allen Dingen die Causa Maaßen, da habe ich heute auch Gespräche gehört, wo die Leute gesagt haben, also dass die SPD auf Bundesebene erst damit einverstanden war, dass der befördert wird, das geht gar nicht. Dann habe ich gesagt, aber die Bayern-SPD war dagegen und wir haben uns gleich massiv dagegen ausgesprochen: Hallo!"

Aber das hört keiner. Überhaupt: Selbst in den bayerischen Medien ist immer weniger von der SPD die Rede. Verdrängt von den Grünen, die sich anschicken, zweitstärkste Kraft in Bayern zu werden – mit einem Wahlkampf ohne Pannen. Petersen zuckt mit den Schultern. Schnappt sich Flyer und Gummibärchen. Jetzt erst recht.

Mehr zum Thema:

Umfragetief der CSU - Die Preußen sind schuld!
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 10.10.2018)

Wahlkampf in Bayern - Neue Frauen hat das Land!
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 9.10.2018)

Bayern vor der Landtagswahl - CSU rüstet sich für historischen Absturz
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 9.10.2018)

Interview

Fall Khashoggi"Die Geheimdienste werden hemmungsloser"
Indonesische Journalisten halten ein Banner, das die Untersuchung des Verschwindens des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi fordert. Sie demonstrieren vor der Botschaft Saudi-Arabiens in Jakarta. (imago stock&people)

Nach dem Tod des Regimekritikers Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul stellt sich die Frage: Wie viel wusste Kronprinz Mohammed bin Salman wirklich? Alles, sagt der Ex-BND-Mitarbeiter Wilhelm Dietl: Ohne ihn keine "Operation Khashoggi".Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur