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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.01.2016

Landestheater NiederösterreichPositive Helden und drangsalierte Märtyrer

Von Bernhard Doppler

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Schild für den Bühneneingang zum Landestheater Niederösterreich in Sankt Pölten. (Imago / CHROMORANGE)
Schild für den Bühneneingang zum Landestheater Niederösterreich in Sankt Pölten. (Imago / CHROMORANGE)

Der Zuschauer wird in Ana Zirners Inszenierung "Flammende Reden, brennende Plätze" Teil einer Protestbewegung. Die Münchner Regisseurin untersucht in ihrem Stück den individuellen Antrieb, Teil einer politischen Bewegung zu sein - und der Zuschauer macht mit.

Was treibt und bewegt den einzelnen, politisch aufzubegehren und sich den neuen weltweiten Massenprotesten anzuschließen, welchen Gefahren setzt man sich bewusst aus und wie weit trägt das Gefühl von Solidarität auch nach den Protesten? Anna Zirner theatralische Recherche darüber hat dafür ein einfachesVerfahren entwickelt. Sie überführt die Kommunikation von Skype-Gesprächen auf die Theaterbühne. Via Skype haben zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler vier Aktivisten, die sich an den Massenprotesten in Spanien, der Türkei, der Ukraine und in Syrien beteiligten, interviewt. Doch nicht diese "Experten des Alltags" - wie in den Rechercheprojekten von "Rimini-Protokoll" - stehen auf der Bühne, sondern die Schauspieler, die sie interviewt haben, übernehmen als Stellvertreter ihre Rollen. Einerseits sprechen sie Wort für Wort – auch mit allen unvollständigen, gestammelten, nicht zu Ende geführten Sätzen, Floskeln – die protokollierten Interviews, andererseits überhöhen sie die Personen durch Choreographien. Auch sind die Geschlechter gewechselt. Der gefolterte Syrer beispielsweise wird von einer Frau gespielt. Es sind also deutlich Theaterfiguren, und auch die ausgestellte Authentizität der Sprache macht daraus eine fast musikalisch strukturierte Kunstsprache.

Ohne anbiederndes Mitspieltheater wird in Ana Zirners Inszenierung der Zuschauer selbst Teil der nachgestellten Massenproteste, wie sie am Taksim Square oder am Maidan stattfanden. Es gibt keine Trennung von Bühne und Zuschauerraum, keine Bestuhlung, man kann nur an den Wänden lagern oder mitten im Raum auf den vielen dort aufgestellten Lautsprecherboxen (Bühne Fraziska Bornkamm) Platz nehmen. Die Schauspieler agieren also mitten unter der Zuschauermenge. Lernen lässt sich dabei auch, wie sich Menschenketten einhaken, wie man sich mit Handzeichen im gewaltfreien Protest verständigt, wie man vom gemeinsamen Protest beim Anrücken der Polizei sich wieder in die Haltung eines unbeteiligten Spaziergängers zurückzieht.

Das Gefühl einer neuen Solidarität

In "Flammende Reden, brennende Plätze" sind alle Protestierenden positive Helden, von der Polizei oft drangsalierte Märtyrer. Trotz aller theatralischen Verallgemeinerung ist die Theaterrecherche aber keine soziologische oder philosophische Studie über Wutbürger Massenbewegungen und Revolutionen - .so fehlt zum Beispiel ganz selbstverständlich eine Bewegung wie "Pegida – aber sie ruft auch nicht zu politischen Aktionismus auf. Doch in der Anonymität des gemeinsamen Protests werden im Theater durchaus berührende Einzelbiographien deutlich: die Kurdin zum Beispiel (mit tänzerischen Gesten Swintha Gersthofer) , die gleichzeitig wütend ist, weil sie ihre nationale Identität immer verleugnen musste und nie zeigen durfte, und gleichzeitig glücklich, weil das in den Protesten am Taksim Square plötzlich gleichgültig wurde.

Auch wenn die weltweiten Massenproteste immer wieder zerschlagen worden sind, ein Gefühl einer neuen Solidarität scheinen sich die Teilnehmer bewahrt zu haben: Eine Erfahrung, der Ana Zirners Skype-Theater-Recherche - überzeugend in ihrer Unaufdringlichkeit – nun eine Bühne und Öffentlichkeit verschaffen konnte.

Mehr zum Thema

Regisseurin Ana Zirner - "Was man weiß, in Frage stellen"
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 09.01.2016)

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