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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.03.2017

Landarzt in BrandenburgUnterwegs mit einer bedrohten Art

Von Vanja Budde

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Ein Arzt auf dem Weg zu einem Hausbesuch bei einem Patienten, im Vordergrund das Auto mit dem Hinweisschild "Arzt im Einsatz"  (imago / Jochen Tack)
Ein Arzt auf dem Weg zu einem Hausbesuch bei einem Patienten (imago / Jochen Tack)

Zusätzlich zur Arbeit in der Gemeinschaftspraxis macht der Allgemeinarzt Marcus Clausen Hausbesuche in Dörfern rund um das brandenburgische Zossen - bei meist alten Patienten, die nicht mehr Bus oder Auto fahren können. Die Fahrerei ist zeitraubend.

"Die Leute sind dann sehr zufrieden und sehr dankbar und man nimmt Teil an der Versorgung, an der Sorge für andere – und das kann natürlich sehr stark befriedigen. Es wäre schön, wenn das noch mehr Menschen tun würden."

Seit sechs Jahren fährt Marcus Claußen über die Dörfer rund um Zossen. Zusätzlich zur Arbeit in der Gemeinschaftspraxis mit Kollegen besucht er Patienten zu Hause. Ungefähr 100 werden das sein, schätzt er:

"Das gehört zu meinem Fachbereich dazu, der ja der Allgemeinarzt ist. Man könnte es auch völlig ablehnen, aber das gehört eigentlich dazu."

Die Patienten sind meist alte Leute, die nicht mehr Auto oder Bus fahren können.

"Kommse rein, Herr Doktor!" - "Wie geht's? Ich wollt mal wieder vorbei gucken, ich hab noch jemanden mitgebracht".

Die 81 Jahre alte Frau ist Diabetikerin, sie lebt in einem kleinen Ein-Zimmer-Appartement mit Kochnische einem "Seniorenwohnpark" in Nächst Neuendorf, südlich von Berlin. Die beiden kennen sich schon lange.

Denn früher wohnte die Patientin in Dabendorf, wo Marcus Claußen seine Praxis hat:

"Aber die war zu groß – und dann die Treppen hochsteigen! Ich hab das alles nicht mehr geschafft. Ich konnte das alles nicht mehr. Na ja, was, nu bin ich eben mal hier gelandet. Soll ich euch ne Tasse Kaffee machen?"
"Wie lange dauert denn das?"
"Wollen Sie nicht?"
"Nee, ich glaube, wir haben nicht so viel Zeit."
"Na ja, dann ist in Ordnung, war bloß mal ne Frage."
"Danke schön!"

Die Patienten sind dankbar für die Besuche

Der Patientin geht es eigentlich soweit gut, Marcus Claußen fragt, ob sie mit den vielen Medikamenten klar kommt, die sie in einer Blechschachtel aufbewahrt.

"Ich bin immer froh, wenn der Herr Doktor kommt, ne? Ich hab mich heute gefreut, dass er gekommen ist. Ja, Herr Doktor, doch."
"Ja."
"Ist eben ganz schlecht von hier aus zum Doktor hinzukommen. Sie wissen ja Bescheid, wie es ... Ich habe dann auch keinen, der mich fährt oder was, wa? Also wenn es mir wirklich mal schlecht geht, Herr Doktor, dann rufe ich Sie an, wa? Dann wissen Sie ja, dann kommen Sie, wa?"
"Ja, ja, na klar. Schön, dass es Ihnen so gut geht!"

Er habe bei seinen Patienten auch immer die eigenen Großeltern vor Augen, die im Alter dement wurden, sagt Marcus Claußen. Auch darum nimmt er die zeitraubende und eigentlich unwirtschaftliche Fahrerei auf sich.

"Wir bekommen eine Pauschale bezahlt. Die wird berechnet und das sind wenige Minuten, aber man muss eigentlich für einen Hausbesuch, wenn ich so rechne, fast eine Stunde ansetzen."

Bei Notfällen könne es auch schon mal zwei Stunden dauern., sagt der 55-jährige Marcus Claußen, der ursprünglich aus Norddeutschland stammt und den Patienten mit trockenem Humor begegnet.

Drei Altenheime wie das hier in Wünsdorf besucht Marcus Claußen regelmäßig. Das lohnt sich eher, weil mehrere Patienten auf ihn warten.

"Hallo, wir sehen uns ja noch."

Zwei Physiotherapie-Verordnungen werden gebraucht, zählt die Pflegerin bei der Vorbesprechung auf, eine Heimbewohnerin mache sich Sorgen wegen einer Geschwulst am Hals, eine andere sei so matt und abwesend.

Weil es schon Mittag ist, muss Marcus Claußen im Speisesaal nach seiner Patientin sehen:

"Die Schwestern haben gesagt, Ihre Augen sind so rot."

Wurstgulasch für die Heimbewohner

Während die Heimbewohner ringsum Wurstgulasch und Nudeln löffeln, wendet sich der Arzt als nächstes einer Frau zu, die von Arthrose geplagt wird. Fast zärtlich streichelt Claußen die alten, runzligen Hände, gibt ihr aus einem gelben Plastikschnabelbecher zu trinken.

"Mehr trinken, viel trinken!"

Im ersten Stock leidet ein Heimbewohner unter dicken Beinen.

"Au weia, schon fest, was soll das?"
"Keene Ahnung."
"Schwaches Herz, da kriegen sie eine Tablette dagegen, dass das nicht noch bis zum Herzen hoch geht, sonst ist Feierabend, haha, nein, das kriegen wir schon in den Griff"

Ein anderer hat einen merkwürdigen Hautauschlag, der morgens juckt, später am Tag dann aber nicht mehr. Der Mann beschwert sich, dass Oberärzte im Krankenhaus viel mehr verdienten, als die fleißigen Landärzte:

"Das Problem ist: Viele junge Ärzte, die sagen sich: Da gehe ich doch lieber ins Krankenhaus, da setze ich mich ins Krankenhaus hin, warte auf die Patienten oder gehe auf die Station, die Patienten können nicht weglaufen. Aber der Landarzt – ja, ich habe ja leider nichts zu sagen."

Detaillierte Dokumentation für die Krankenkasse

Nach den Untersuchungen muss Marcus Claußen sie für die Kranklenkassen alle detailliert dokumentieren, bevor es weiter geht, zum nächsten Hausbesuch.

Auch dafür gehe viel Zeit drauf, stöhnt er im Auto, auf der Fahrt an Feldern vorbei, auf denen Kraniche das erste Grün suchen, zu einem sehr alten Mann, der den Lebensmut verloren hat:

"Manchmal habe ich das Gefühl, ich mache nichts anders. Im Grunde sitzt man nur da und schreibt. Gehste zum Arzt, was macht der?"

Einen Mangel an Landärzten habe es schon immer gegeben, sagt Marcus Claußen dann noch:

"Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Geldes ist, sondern es ist mehr eine Frage, Menschen für eine Tätigkeit zu begeistern. Und das ist halt dieses Sich-um-andere-zu-kümmern. Aber nicht nur das zu bekennen, sondern auch tatsächlich etwas zu tun. Das ist natürlich keine leichte Arbeit. Und das wird, denke ich, das Problem sein."

Mehr zum Thema:

Ein Flüchtling in Brandenburg - Libanesischer Landarzt kommt im Trabbi
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 12.10.2016)

Diagnose Ärztemangel - Wenn der Hausarzt aufgibt
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 8.6.2015)

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