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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.07.2020

Lambert Wiesing: „Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins“ Ich existiere, aber bin ich auch wertvoll?

Von Michael Opitz

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Buchcover zu "Ich für mich" von Lambert Wiesing auf orangefarbenem Aquarellhintergrund. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)
Lambert Wiesings Spezialgebiete sind die Phänomenologie, die Wahrnehmungs- und Bildtheorie, sowie die Ästhetik. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Der Philosoph Lambert Wiesing ist bekannt für seine Überlegungen zum Luxus. In seinem neuesten Buch macht er sich über das Selbstbewusstsein Gedanken - einer philosophischen Kategorie irgendwo zwischen Existenz und Selbstwertgefühl.

Es klingt wie das Eingeständnis eines Scheiterns, wenn der Philosoph Gottlieb Fichte Ende des 18. Jahrhunderts erklärt: "Es denke nur jeder sein Ich, und gebe dabey achtung, wie er es mache." Intensiv hatte er sich mit Fragen des Selbstbewusstseins auseinandergesetzt, ohne jedoch eine befriedigende Antwort darauf zu finden, was denn unter dem Selbstbewusstsein zu verstehen sei.

Mit dem Selbstbewusstsein beschäftigt sich die Philosophie weiterhin. Der in Jena lehrende Philosophieprofessor Lambert Wiesing setzt in seinem Buch "Ich für mich" zunächst voraus, dass es Selbstbewusstsein gibt. Doch im Unterschied zu Ansätzen der bisherigen Forschung geht er nicht vom "Ich", sondern vom "Mich" aus. "In diesem Buch", so Wiesing, "denke ich mich, mein Dasein, als erlebte Folge der Wirklichkeit meines Selbstbewusstseins."

Zwischen Existenz und Wert

Während im philosophischen Diskurs unter Selbstbewusstsein das Bewusstsein von der eigenen Existenz gemeint ist, weshalb sich, so Wiesing, der Begriff des "Selbstexistenzbewusstsein" anbietet, wird umgangssprachlich unter Selbstbewusstsein eher das "Selbswertbewusstsein" verstanden. Im allgemeinen Verständnis verfügt jemand über Selbstbewusstsein, der überzeugt ist von den eigenen Fähigkeiten, Werten und insbesondere der eigenen "moralischen Bedeutung".

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Zentral wird diese Begriffsunterscheidung im letzten des aus fünf Kapiteln bestehenden Buches, das mit "Die Zumutung, wertvoll zu sein" überschrieben ist. Doch gilt es bei der Lektüre zunächst, sich einen Weg durch die philosophischen Ebenen zu bahnen, wobei man Philosophen wie Fichte, Husserl, Sartre, Heidegger und Merleau-Ponty begegnet. Mit ihren Ansichten zum Selbstbewusstsein aus philosophischer Sicht setzt sich Wiesing kenntnisreich auseinander.

Die Fundamentalzumutung "ich"

Entscheidend jedoch ist, wie Wiesing seinem gänzlich anderen Ansatzpunkt begründet. Selbstbewusstsein schließt – so Wiesing – das Selbstverständnis der eigenen Person insoweit ein, dass man sich als Wert erlebt. Zugleich aber hat man es mit der "Fundamentalzumutung" zu tun, dass "es mich für mich gibt, dass mir als Folge meines Selbstbewusstseins irgendwie zumute sein muss."

Das ist insofern eine höchst aufschlussreiche These, denn offensichtlich ist das Ich dazu verurteilt, Selbstbewusstsein zu haben. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang gewesen, wenn Wiesing Aspekte der Selbstverachtung und der Selbstverurteilung stärker hinterfragt hätte.

Die Sorge um das Selbst

Aufschlussreich ist auch sein Hinweis, dass das Selbstbewusstsein die Sorge um das eigene Selbst kennt. Wenn ich mir wichtig bin, sorge ich mich um meine Person. Diese Sorge zeigt sich beim Menschen in unterschiedlichen Lebensformen oder Daseinsstilen.

Der Philosoph Lambert Wiesing liest und redet am 09.06.2017 in Köln auf der 5. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie (picture alliance / Horst Galuschka)Lambert Wiesing hat eine Theorie zum Luxus entwickelt, nach der er diesen als Vermögen empfindet, eine bestimmte ästhetische Erfahrung machen zu können. (picture alliance / Horst Galuschka)

Da der Mensch, der sich um die eigene Person sorgt, als gesellschaftliches Wesen zusammen mit anderen Menschen lebt, kann eine betont egoistische Sorge wie auch eine Vernachlässigung des eigenen Selbst zu Kollisionen mit den Mitmenschen führen. Deshalb gilt es, eine Lebensform zu finden, in der die Sorge um das eigene Ich nicht als Garant für den eigenen Egotrip verstanden wird. Selbstbewusst bin ich für mich, wenn ich meine Selbstsorge nicht allein auf mich beziehe, sondern den Anderen mitdenke.

Wiesings Buch greift als aktueller Beitrag in gegenwärtig geführten Debatten ein, denn er diskutiert auch die Frage, wie man wohnen will. Für eine gelingende Selbstfürsorge erweist sich das Wohnen als fundamentale Voraussetzung. Welche Wohnungen werden wir künftig auf der Grundlage eines neu zu hinterfragenden Selbstbewusstseins bauen und wie werden wir diese Wohnungen bewohnen? Diese zentrale Frage wirft Wiesing in seinem nicht immer ganz einfach zu lesenden Buch auf, das dennoch eine lohnenswerte Lektüre ist.

Lambert Wiesing: Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
256 Seiten, 20 Euro

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