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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 16.01.2020

Lakonisch Elegant#66 Kriegsfilm "1917" – Zwischen Spektakel und Erinnerungskultur

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Eine Filmszene aus 1917 zeigt George MacKay als Soldat Schofield, der vor einer Explosion im Schützengraben davonläuft. (Universal Pictures / DreamWorks Pictures)
George MacKay als Soldat Schofield in 1917. (Universal Pictures / DreamWorks Pictures)

Sam Mendes Film „1917“, der bereits mit zwei Golden Globes ausgezeichnet wurde und für zehn Oscars nominiert ist, kommt bei Zuschauern und Kritik super an. Aber wird er seiner historisch-gesellschaftlichen Verantwortung gerecht?

Der erste Weltkrieg kommt mit "1917" von Regisseur Sam Mendes auf die Leinwand. Schon jetzt gilt er Kritikern als einer der besten Filme des Jahres 2019, er ist für dutzende Filmpreise nominiert und auch schon mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem hat er zwei Golden Globes (Beste Regie und Bester Film Drama) gewonnen. Lakonisch Elegant. Der Kulturpodcast fragt deswegen nach der Bedeutung von Kriegsfilmen im Allgemeinen und dem gefeierten "1917" im Besonderen.

Zwischen Propaganda und Antikriegsfilm

Wir blicken mit der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit dem Genre Kriegsfilm befasst, auf dessen Geschichte. Sie berichtet von den sogenannten "Heimatfrontfilmen", ein Genre der NS-Zeit, das Kriegserfahrungen an der Front und im zivilen Leben thematisiert habe. Oftmals hätten die Filme dabei eine propagandistische Rolle gespielt. Dagegen hätten Filme im Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg eher eine Antikriegshaltung gehabt – es komme also ganz darauf an, aus welcher Zeit die Kriegsfilme stammen, die man betrachtet.

Unstrittig sei, so Bronfen, dass an die Vergangenheit erinnert werden müsse – und da könnten Kriegsfilme eine Rolle spielen. Die Wissenschaftlerin berichtet von den Versuchen, dieser Aufgabe gerecht zu werden und findet: "Kino kann eine Form von historischer Gedächtnisarbeit sein."

"Niemand kannte diesen Teil des Krieges"

Das findet auch Schauspieler Leon Seidel, Jahrgang 1996. Er hat seinen Uropa nicht mehr persönlich nach dem Krieg fragen können. Auch deswegen seien Kriegsfilme wichtig, denn viele Zeitzeugen lebten nicht mehr und die direkte Erinnerung sei mit ihnen gegangen. Das Medium Film könne dazu beitragen, dass sich die Menschen trotzdem eine Meinung bilden könnten.

Seidel selbst hat in "Unter dem Sand" mitgespielt, ein Film, der nach dem Zweiten Weltkrieg an der dänischen Westküste spielt, wo jugendliche Wehrmachtssoldaten die Aufgabe hatten, zehntausende Landminen zu entschärfen. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, von denen Seidel selbst zuvor allerdings noch nie gehört hatte – genauso wenig, wie sein persönliches Umfeld: "Komischerweise kannte niemand diesen Teil des Krieges, der in Dänemark passiert ist."

"1917" - große Formfeier, wenig Erinnerungskultur

Das Kriegsgeschehen in "1917" hingegen ist keine Geschichte, die so passiert ist. Im Gegensatz zur Realität des Ersten Weltkrieges hat Mendes eine Abenteuergeschichte inszeniert.

Patrick Wellinski, Film-Experte beim Deutschlandfunk Kultur, sieht "1917" kritisch. Der Film versuche wie ein sogenannter "One Shot" zu wirken, um ein schlechtes Drehbuch zu kaschieren. Diese Technik stehe auch in den meisten Besprechungen im Vordergrund. 

Elisabeth Bronfen hebt auch die Schnitttechnik hervor und findet, dass diese auch wirke: "Dadurch erzeugt der Film ein Echtzeit-Gefühl und eine erhöhte Subjektivität." Doch die Gefahr sei, dass bei so viel Formfeier die Erinnerungskultur in den Hintergrund gerate.

In Patrick Wellinskis Augen versäumt "1917" es, die Gräuel des Krieges wirklich zu thematisieren. Stattdessen erhebe er zwei eigentlich unbedeutende Unteroffiziere zu Helden. "In dem Moment, wo die Frage nicht gestellt wird, was das mit jemandem macht, wenn man tötet, also, was macht der Krieg mit einem – wenn Filme diese Fragen nicht zeigen, dann laufen sie Gefahr, sehr einseitige Heldenbilder zu zeigen und zu sagen: Damals – das waren die großen Befreier."

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