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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 08.08.2019

Lakonisch Elegant#44 Die Kultur des Vorankommens - Streit um E-Scooter

Von Christine Watty

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Ein E-Tretroller der Verleihfirma "Tier" steht in der Innenstadt hinter einem abgestellten Fahrrad. (picture alliance / dpa / Martin Gerten)
Dienen die Roller als Auto-Alternative in der Stadt? (picture alliance / dpa / Martin Gerten)

Die Einführung der E-Scooter lässt aktuell Debatten um Verkehrspolitik und die Verteilung des öffentlichen Raums eskalieren: Wer rollt denn nun wo? Wir sprechen mit dem Kameramann Jan Kerhart und dem Künstler Kilian Jörg über Utopien im Stadtraum.

Während Pärchen verliebt aneinandergeschmiegt die Straßen der Großstädte auf dem E-Scooter quasi schwebend erkunden und Touristinnen und Touristen froh von einem Sightseeing-Punkt zum nächsten rollern, hört die Debatte im Hintergrund um die E-Scooter nicht auf: Zu umweltschädlich, zu gefährlich, zu nervig fürs Stadtbild: Das sind – in aller Kürze – die Hauptkritikpunkte.

Gestapelte Roller versus geparkte Autos

Dreht man die Debatte aber weiter, geht’s um mehr: Nämlich darum, wie wir den öffentlichen Raum aufteilen möchten. Mit einem Mal fällt auf, dass zwar gestapelte Roller auf dem Bürgersteig stören – aber was ist eigentlich mit den Autos am Straßenrand?

Im Kulturpodcast beobachten wir eine Weile den Verkehr in einem hippen Berliner Kiez, mit dem Kamermann Jan Kerhart. Für ihn ist das Mobilitätsthema ein Herzensthema; seit vielen Jahren fährt er schon privat einen Elektro-Tretroller, hat längst das Auto abgeschafft und arbeitet an einem Dokumentar-Filmprojekt zu alternativen Fortbewegungsmitteln.

Autos raus aus der Stadt?

Für Kerhart sind die E-Scooter zunächst eine "perfekte Ergänzung in einer Stadt, die seit 100 Jahren von Autos dominiert wird". Und zugleich ist die späte Einführung der Roller für ihn ein "mikroskopischer Punkt" in der Debatte, die Lösungen liegen seiner Meinung nach ganz woanders. Wenns nach Kerhart ginge, sollten alle privaten Autos aus der Innenstadt verschwinden, nur Car-Sharing-PKW dürften bleiben. Der öffentliche Nahverkehr sollte kostenfrei sein für alle, die Bahnen in sinnvollen, kurzen Taktungen fahren.

Der Künstler Kilian Jörg und der Kameramann Jan Kerhart sitzen im Außenbereich auf der Straße eines Berliner Cafés. (Deutschlandradio/Christine Watty)Der Künstler Kilian Jörg (links) und der Kameramann Jan Kerhart in einem Berliner Café. (Deutschlandradio/Christine Watty)

Öko-Kapitalismus statt Umweltschutz

Kilian Jörg ist Philosoph und Künstler und hat in einem Artikel in der "taz" den E-Scooter-Hype als "ökologisch desaströs" verurteilt. Er sieht hier eine Entwicklung des "Öko-Kapitalismus", und sorgt sich vor dem Riesenmüllberg, der übrigzubleiben drohe, wenn ein Unternehmen nach dem anderen nach dem Hype um die Scooter pleite gehe. Die Roller dienten eben nicht als Auto-Alternative, "so wie die systemisch eingeführt sind, wird es nie soweit kommen. E-Scooter sind so veranlagt, dass sie das Touristen-Phänomen sind." Wenn schon, dann müssten solche Sharing-Fahrgeräte von der öffentlichen Hand organisiert sein – und nicht im Besitz von Privatunternehmen bleiben.

Roller-Diskussionen auch in den USA

Außerdem im Podcast: Ein Blick in die USA, und die Lage rund um die E-Scooter dort. Überraschenderweise ähneln die Debatten, die aktuell in Los Angeles geführt werden, den deutschen Diskussionen.

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