Dienstag, 22.10.2019
 

Lakonisch Elegant | Beitrag vom 27.06.2019

Lakonisch Elegant#38 Albtraum "Heimat": Der Fall Lübcke

Von Christine Watty und Johannes Nichelmann

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Im Vordergrund ein Baum, im Hintergrund auf einer Wiese ein Einfamilienhaus. Das Bild hat eine düstere Anmutung. (Alexander Koerner/Getty Images)
Der hessische Regierungspräsident Walter Lübcke wurde auf seinem Anwesen in Istha bei Kassel getötet. Seitdem ist der rechte Terror wieder Diskussionsgegenstand. (Alexander Koerner/Getty Images)

Nach dem Mord an Walter Lübcke sprechen wir im Kulturpodcast mit der Journalistin Mithu Sanyal und dem Schriftsteller Deniz Utlu über die Folgen der Gewalttat für eine Gesellschaft, die wieder einmal nach dem richtigen Umgang mit rechtem Terror sucht.

Vor einigen Monaten haben Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, gemeinsam mit zwölf anderen Publizistinnen und Kulturschaffenden, die Textsammlung "Eure Heimat ist unser Albtraum" herausgebracht. Sie beschreiben in Essays ihren persönlichen Bezug zum deutschen Heimatbegriff - es geht vor allem um Diskriminierung, Rechtsextremismus und Rassismus. Mit vier Autorinnen und Autoren dieser Anthologie hatten wir in Episode #20 unseres Kulturpodcasts "Lakonisch Elegant" gesprochen.

Der Albtraum ist wieder wahr geworden

Die Diskussion um den Mord an Walter Lübcke durch den rechtsextremen und mehrfach vorbestraften Stephan E. nehmen wir nun zum Anlass, um noch einmal mit den Macherinnen und Machern dieses Buches zu diskutieren. Nicht zuletzt, weil der im Buch beschriebene Albtraum (wieder einmal) wahrgeworden ist. "Das, was Albtraum ist und dann zur Wirklichkeit wird, ist Horror", sagt der Schriftsteller Deniz Utlu: "Es ist ein Horror, der viele Jahrzehnte schon anhält und im politischen und medialen Diskurs verdrängt worden ist."

Der Täter gibt an, allein gehandelt zu haben. Die ermittlenden Behörden prüfen inzwischen aber auch, ob Stephan E. als Mitglied einer rechtsextremen Vereinigung gehandelt haben könnte.

Die Medien lernen langsam dazu

Die Journalistin Mithu Sanyal befürchtete bereits zu Beginn der Debatte, dass von Kommentator*innen nun wieder Vergleiche mit der RAF genutzt werden, um Auswirkungen und Motive des Mordes zu beschreiben.

Inzwischen seien aber auch die Parallelen zum NSU Teil der Debatte, sagt sie. "Ich hab nichts dagegen, wenn Medien langsam sind, wenn sie bereit sind zu lernen. Was ich möchte ist, dass viel mehr Extremismus-Experten und Expertinnen eingeladen werden, um über die Sache zu reden. Dass wir eine Auseinandersetzung darüber führen: Was machen wir jetzt?" Der Reflex dürfe nicht lauten: "Wie können wir die besser überwachen? Oder wen können wir jetzt verbieten?"

Was hat der Mord mit mir zu tun?

"Wie kann ein Zusammenleben in dieser Gesellschaft möglich sein, wenn es Gewaltpotentiale gibt, die wir in nächster Zeit nicht loswerden?", fragt Deniz Utlu.

"Bis vor zehn Jahren, war das Wort 'Rassismus' noch nicht einmal salonfähig. Da musste man von von 'Fremdenfeindlichkeit', 'Ausländerfeindlichkeit' sprechen. Wenn jemand 'Rassismus' gesagt hat, sind alle sofort zusammengezuckt."

Der Schriftsteller wünscht sich, dass alle sich die Frage stellen, was der Mord für sie persönlich bedeutet. Und welchen Bezug man dazu habe, dass es sich um einen rechtsextremen Mord handelt.

Es geht um Gesellschaft und Vertrauen in dieser Folge, um Albträume, Angst und – mal wieder – um die Frage, warum das Einnehmen einer klaren Haltung so schwierig zu sein scheint.

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