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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.08.2013

Laissez-faire im Staudenbeet

Der New German Style erklärt den Wildwuchs zum Prinzip

Cassian Schmidt im Gespräch Jörg Degenhardt

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Schmidt: Pflanzen nicht mehr hätscheln und tätscheln. (Stock.XCHNG)
Schmidt: Pflanzen nicht mehr hätscheln und tätscheln. (Stock.XCHNG)

Die neue Natürlichkeit ist angesagt: Blumen, Kräuter und Unkraut sollen gemeinsam auf einem Beet gedeihen, empfiehlt der Landschaftsarchitekt Cassian Schmidt. Diese Präriegärten bilden ein selbst erhaltendes System. Die englischen Gartenkünstler staunen über die Deutschen und nennen das Ganze den New German Style.

Jörg Degenhardt: Im Schatten einer Kastanie ein kühles Weißbier genießen – das fällt vielen in diesen Tagen sicher zuerst ein, wenn sie etwas von deutscher Gartenkultur hören. Es soll jetzt aber nicht um Hopfen und Weizen gehen, sondern um zum Beispiel Schafgarbe und Wiesenkerbel, eigentlich Unkraut, das der Gärtner nicht so gerne hat. Aber diese Ansicht scheint überholt. Wildwuchs ist angesagt in Deutschland. Die Engländer - sie gelten als Meister der grünen Künste – staunen über uns und nennen das Ganze New German Style.

Was ist wirklich neu an diesem Stil? Das soll uns Cassian Schmidt sagen. Der Landschaftsarchitekt leitet den Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof in Weinheim - das ist nicht weit weg von Frankfurt am Main – und er wird auf Konferenzen eingeladen, um über den New German Style zu sprechen. Herr Schmidt, bei Ihnen sieht es gar nicht mehr aus wie in einem herkömmlichen Garten, sondern wie in der Prärie: wild und scheinbar ungeordnet, sehr farbig, aber es gibt auch vertrocknete Blüten. Ist das der New German Style?

" Ästhetik des Vergehenden "

Cassian Schmidt: Es gibt natürlich auch viel Blühendes, aber wie das bei Stauden ist, dass sie auch ihren Reiz haben, wenn sie vergehen. Wir nennen das die Ästhetik des Vergehenden. Wenn Sie vor allen Dingen an die fünf Monate Winter denken, die wir ja bei uns haben, dann brauche ich auch noch was auf den Beeten, und das ist ein Aspekt, diese Ästhetik der schönen braunen Herbstfarben, der Winterfarben, der Gräser, dass man die einfach auch in die Gartenkultur mit einbezieht, und das ist sicherlich etwas, was zum Beispiel die Engländer vielleicht bisher weniger berücksichtigt haben.

Degenhardt: Ich dachte immer, deutsche Gärtner sind besonders ordentlich. Bei Ihnen wächst alles durcheinander. Warum?

Schmidt: Ja, das wächst scheinbar durcheinander. Das ist natürlich die neue Natürlichkeit. Aber es scheint nur so. Natürlich: es steckt doch schon auch Pflege dahinter und man muss natürlich wissen, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Und das Entscheidende ist, dass die Pflanzen am richtigen Standort wachsen. Eigentlich wie in der Natur gibt es ja auch Kombinationen, einen gewissen Artenreichtum, und Artenreichtum im Beet schafft eben auch eine gewisse Stabilität, weil ich einfach mehr Nischen sozusagen besetzen kann, als wenn ich nur eine Pflanze nehmen würde.

Degenhardt: Was ist denn wichtiger, dass es gut aussieht, oder dass es ökologisch passt?

" Gedanke der Nachhaltigkeit "

Schmidt: Man muss eigentlich beides sehen, und das ist, glaube ich, der neue Trend, der jetzt gerade in Zeiten des Klimawandels kommt. Die Sommer werden extremer, wir haben jetzt wieder eine extreme Hitzeperiode. Und wenn man jetzt in den Hermannshof geht, diese Bereiche werden auch bei diesen Temperaturen nicht gewässert. Die hängen mal ein bisschen, aber sie überleben wunderbar, sind grün, und das ist auch der Gedanke der Nachhaltigkeit, dass man Pflanzen nicht mehr hätschelt und tätschelt und wie in England immer düngt und ständig wässert, sondern dass man so ein bisschen Laissez-faire im Staudenbeet walten lässt, also beides, dieser Kompromiss aus ökologischen Grundlagen, Standortgerechtigkeit, den richtigen Kompositionen und dann die ästhetische Komponente. Denn wir sind ja im Garten, das hat auch mit Kultur zu tun, und deswegen muss es natürlich gut aussehen.

Degenhardt: Ihr Garten wird auch wissenschaftlich begleitet, wenn ich das mal etwas hochgestochen formulieren darf. Was genau wird da untersucht?

Schmidt: Das Problem ist ja immer im Garten, erstens die richtige Pflanzenkombination für den richtigen Ort zu finden. Es gibt ja voll sonnige Bereiche, es gibt halbschattige Bereiche, es gibt schattige Bereiche, es gibt feuchte Bereiche, und da eine langlebige Kombination aus verschiedenen attraktiven Arten zu finden, das ist eigentlich die Kunst und das probieren wir aus beziehungsweise wollen wir auch den Laien exemplarisch vorführen, dass sie sich Anregungen holen für solche Kombinationen.

Degenhardt: Ich bin ein Laie, ich habe auch nur einen Balkon. Das heißt, ich kann auch etwas von diesem neuen Stil da einfließen lassen? Geht also Wildwuchs zum Beispiel auch in Blumenkästen?

" Die Eigendynamik der Pflanzen "

Schmidt: Blumenkästen sind natürlich ein bisschen zu klein, und ein ganz wichtiger Aspekt dieses neuen Stils ist auch die Dynamik. Dynamik heißt, Pflanzen sollen sich aussäen, sollen sich regenerieren. Das heißt, man strebt eigentlich so eine Art selbsterhaltendes System an, das der Gärtner oder der Gartenbesitzer im Prinzip nur noch steuert. In einem Blumenkasten kann ich natürlich eigentlich wegen der begrenzten Fläche eher nur statische Sachen machen. Ich muss auch öfter austauschen. Ich habe ja einen ganz begrenzten Wurzelraum. Ich muss natürlich auch wässern, weil in einem kleinen Blumenkasten ist es sofort vertrocknet. Diese Prinzipien funktionieren eher wirklich ab 10, 15, 20 Quadratmeter auf einer Fläche im gewachsenen Boden.

Degenhardt: Gut. Dann machen wir es ein bisschen größer. Der Pflegeaufwand, das habe ich jetzt mitbekommen, für diese Präriegärten, für Ihren zum Beispiel, der scheint, vergleichsweise gering zu sein. Das ist doch etwas, was die Kommunen, die ja chronisch klamm bei Kasse sind, interessieren könnte. Wird das eigentlich schon von den Kommunen aufgegriffen, diese Idee?

Schmidt: Ja sehr stark inzwischen, vor allen Dingen in Südwestdeutschland, wo das Klima ja schon besonders extrem ist und der Klimawandel besonders spürbar ist. Es ist eine gerne genutzte Alternative, nachdem etwa vor zehn Jahren man die Stauden wirklich nicht mehr verwendet hatte, weil sie so aufwendig erschienen und man musste sie wässern. Heute gibt es schon vorgefertigte Staudenmodule, die die Kommunen dann einsetzen können für diese trockenen Straßeninseln, und außer im ersten Jahr, wenn das einwächst, brauchen Sie dann in der Regel auch selbst in langen Trockenperioden nicht gießen und es blüht trotzdem. Im Frühjahr wird das einmal zurückgeschnitten und im Sommer vielleicht drei-, viermal noch das Unkraut gejätet und das Ganze für etwa fünf Minuten pro Quadratmeter und Jahr, und das zählt natürlich in der heutigen Zeit der klammen Kassen bei den Kommunen ganz besonders.

" Frisches Grün für trockene Straßeninseln "

Degenhardt: Wenn jetzt keine Stiefmütterchen oder ähnliches mehr vor dem Charlottenburger Schloss oder anderswo, in Frankfurt in der Innenstadt wachsen sollen, was würden Sie sich denn als Alternative vorstellen können?

Schmidt: Wahnsinnig attraktive und vor allen Dingen lange blühende Arten sind zum Beispiel die vielen Purpur-Sonnenhut-Arten, die trockentolerant sind, in wunderschönen Farben, Rosétöne, dann die Prachtscharten, viele Gräser natürlich, die gerade diesen etwas naturhaften Stil natürlich auch ausmachen, und im Winter auch noch attraktiv sind wie das Nasella, ein mexikanisches Federgras zum Beispiel, oder die Rutenhirse. Es gibt aber auch viele wunderschöne Asternarten, die man sich sehr gut vorstellen kann im Herbst, oder die Indigo-Lupine, die schon im April/Mai blüht, und schon hätte man eigentlich eine recht attraktive präriesommerartige Wiese.

Degenhardt: Einfach mal wachsen lassen – Präriegärten, eine ja deutsche Entdeckung. Wie so etwas aussieht, kann man bei Landschaftsarchitekt Cassian Schmidt in Weinheim auf dem Hermannshof besichtigen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schmidt!

Schmidt: Ja danke, Herr Degenhardt. Und tschüss nach Berlin!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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